Leben von

Im Herzen der
österreichischen Niedertracht

Sichrovsky über die soweit geglückte Dramatisierung von Bernhards "Auslöschung"

 v.l.n.r Christian Nickel, Martin Zauner, Udo Samel und Wolfgang Michael während einer Fotoprobe des Stücks "Auslöschung" von Thomas Bernhard im Theater in der Josefstadt © Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard kannte die Routine österreichischer Niedertracht und wusste sie zu nutzen: Er provozierte, indem er die Wahrheiten ins Hyperrealistische überhöhte, und freute sich an den gellenden Schreien der Ertappten. Drei Jahre vor seinem Tod schrieb er seinen letzten Roman „Auslöschung“, das bedeutendste Werk seiner späten Schaffenszeit. Die Dramatisierung im Theater in der Josefstadt ist soweit gelungen.

THEMEN:

Dass der zuvor verteufelte Bernhard gleich nach seinem Tod heilig gesprochen wurde und heute als Verfasser grandioser Konversationskomödien das Repertoire konservativer Bühnen erreicht hat, ist eines der österreichischen Paradoxa. An der „Josefstadt“, mittlerweile Wiens führendes Autorentheater, wurde schon der einst zum nationalen Skandal erklärte „Heldenplatz“ viel belacht. Nun erfreut man sich an der Auslöschung des oberösterreichischen Ortes Wolfsegg, in dem Bernhard, ein manischer Sammler von Wohnsitzen, ein Haus erworben hatte. Er fühlte sich dort besonders wohl, bis er Wolfsegg im Roman der Zerstörung anheim gab: Das erzählende Ich schenkt das Gemeinwesen der Israelitischen Kultusgemeinde, um es von der katholisch-nationalsozialistischen Pest zu exorzieren.

Oliver Reese, der Claus Peymann 2017 in die Intendanz des Berliner Ensembles nachfolgt, hat den Roman für vier Schauspieler bearbeitet. Sein Verdienst ist es, Bernhards Sprache mit großer Authentizität in Monologe und vereinzelte Dialoge verwandelt zu haben. Die Übertreibungskaskaden hören sich grandios komisch an und werden stürmisch belacht. Wenn sie ins Dämonische kippen sollen, tut sich Reese im minimalistischen Raum von Hansjörg Hartung schwerer.

Das liegt in erster Linie am Gefälle der Besetzung. Die vier Männer spielen alle Romanfiguren, die Frauen inbegriffen, und sind doch immer Bernhard. Dazu braucht es Charisma und technische Perfektion, die Udo Samel wie kein zweiter Mitwirkender des Abends aufbringt. Diesem listigen, melancholischen Skeptiker kommt Martin Zauner qualitativ am nächsten, ein vergrübelter Räsonneur, ein geglücktes Bernhard’sches Alter ego. Wolfgang Michael hingegen erstarrt völlig in der habituellen und rhetorischen Einheitspose. Christian Nickel schließlich, dessen beschämende Versuche, das italienische Idiom zu imitieren, Disqualifikation genug sein müssten, kann an keine dieser Leistungen anschließen.

Kommentare