Einspruch von

Ausgeträumt

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Bald schon könnte sich zeigen, was die Meinungsumfragen, die ÖVP-intern kursieren, wert sind. Denn die sehen eine ÖVP mit einem Spitzenkandidaten Sebastian Kurz als sicheren Sieger der nächsten Nationalratswahl. Kühne Interpretationen in Schwarz gehen sogar so weit, dass die SPÖ mit Christian Kern nur als Dritter durchs Ziel gehen könnte und das wahre Duell Kurz gegen Heinz-Christian Strache hieße. Das erklärt natürlich, warum viele in der ÖVP in den letzten Monaten derart hemmungslos den eigenen Parteiobmann Reinhold Mitterlehner sabotiert haben. Locken ein Wahlerfolg und neue Wichtigkeit, ist es mit Loyalität und Moral schnell vorbei.


Doch auch im präsumtiven Siegestaumel weiß man in der Volkspartei: Wer wählen will, muss erst einmal die bestehende Koalition sprengen -und das macht bei den Wählern keinen schlanken Fuß. Wilhelm Molterers berühmtes "Es reicht!" und die Wahlniederlage 2008 sitzen der ÖVP noch heute in den Knochen. Also hätte man gerne, dass die SPÖ und Christian Kern die Nerven verlieren. Um das zu erreichen, setzte man schon vor Mitterlehners Abgang dezente Nadelstiche. Rund um seinen ersten Jahrestag im Kanzleramt dürfe Kern keinen Erfolg haben, sei als Devise ausgegeben, erzählen ÖVP-Politiker, denen das ähnlich peinlich ist wie das Rot-Grün-Pamphlet aus der Parteizentrale.

Bloß hat der Kanzler zumindest bis jetzt die Nerven nicht verloren. Kühl lädt er Sebastian Kurz (will der überhaupt?) und die ÖVP zur Zusammenarbeit ein. Doch will Kurz sich weiter aus tagespolitischen Niederungen und Koalitionsquerelen heraushalten (worauf sein Image aufgebaut ist), darf er nicht lange -oder, noch besser: gar nicht - Vizekanzler sein. Also soll doch er die Koalition aufkündigen?

Für diesen Fall macht man sich in der ÖVP schon die nächsten Sorgen. Christian Kern, der sich ja gerne auf den Spuren Bruno Kreiskys sieht, könnte nämlich folgenden Coup versuchen. Er bildet eine Minderheitsregierung, ersetzt ÖVP-Minister durch parteifreie Experten, macht dabei personelle Zugeständnisse an die Opposition und versucht, mit wechselnden Mehrheiten im Parlament zumindest ein paar Monate durchzutauchen. Gelingen ihm in dieser Zeit ein, zwei Reformen, könnte er als Macher bei der Wahl punkten.

Warum die FPÖ da mitmachen sollte? Weil sie damit die eigene Seriosität unter Beweis stellen könnte. Weil sich die SPÖ schwertäte, die Blauen als Koalitionspartner auszuschließen, wenn sie sich zuvor von ihnen den Steigbügel halten ließ. Weil die FPÖ aus den Zeiten von Schwarz-Blau noch ein paar Rechnungen mit der ÖVP offen hat. Und weil der schwarze Traum von einem Kanzler Kurz dann womöglich ausgeträumt wäre.