Aus für Sitzenbleiben? Bildungsministerin Schmied strebt eine "neue Mittelschule" an

Das Bildungsministerium beantwortet 48 Fragen Volksschule: "Geradezu idealtypische Gesamtschule"

In der von Bildungsministerin Claudia Schmied angestrebten "Neuen Mittelschule" soll Sitzenbleiben vermieden werden. "Das Wiederholen einer Klassenstufe ist - von Einzelfällen abgesehen - keine effiziente Maßnahme der Lernförderung und soll u.a. durch zusätzliche Kurse ersetzt werden", heißt es in "48 Fragen und Antworten" zur "Neuen Mittelschule".

Als "geradezu idealtypische Gesamtschule" wird in dem Fragen- und Antworten-Katalog die österreichische Volksschule genannt, die von allen Schülern einer Altersgruppe und einer Region gemeinsam besucht werde. Durch die seit der Zwischenkriegszeit bestehenden Auseinandersetzungen sei der Begriff "Gesamtschule" "in manchen politischen Parteien massiv emotional besetzt". "In dieser verfahrenen Situation" seit es daher günstig, in der Diskussion den Begriff zu meiden, heißt es - daher werden auch die Bezeichnungen "Neue Mittelschule" und "Gemeinsame Schule der Vielfalt" verwendet.

Diese sei "kein neuer Schultyp, sie stellt (als Ziel) auch keine weitere Schulform neben den schon bestehenden dar. Sie ist eine neue moderne Mittelschule, gemeinsam für alle gleichaltrigen Schüler und Schülerinnen einer Region auf der Mittelstufe". Deshalb sei es "per Definition nicht möglich", dass es eine Gesamtschule als paralleles Angebot zu AHS und Hauptschule gebe, "weil ja der gesamte Jahrgang in die gemeinsame Mittelschule geht - daher ist auch eine 'freie' Schulartwahl in einem echten Gesamtschulsystem nicht notwendig". Aus den bisherigen ca. 1.100 Hauptschulen und den mehr als 300 AHS-Unterstufen würden neue "Mittelschulen", in die alle Schüler einer Region gemeinsam nach der Volksschule gehen ("ohne Notenkriterium, ohne Aufnahmeprüfung"). So wie bereits derzeit könnten aber dann Eltern zwischen verschiedenen Schwerpunkten der neuen Mittelschule wählen, etwa sprachlich, naturwissenschaftlich-technisch, künstlerisch, sportlich, etc..

Auf die Frage, warum eine neue gemeinsame Mittelschule notwendig sei, wird auf die "weltweit früheste Selektion zwischen akademischer und 'praktischer' Schulkarriere" im Alter zwischen neun und zehn Jahren verwiesen. "Der unglaubliche Erfolgsdruck schon auf Neun- bis Zehn-Jährige und ihre Lehrer/innen unmittelbar vor dem Halbjahreszeugnis der 4. Klasse Volksschule erzeugt pädagogisch nicht mehr tolerierbare Zustände, belastet Schüler/innen, Lehrpersonal und Eltern enorm".

Gefahr des Niveauverlusts?
Die Gefahr eines Niveauverlusts bestehe nicht, "im Gegenteil: Bisherige österreichische Versuche und erfolgreiche Gesamtschulmodelle anderer Ländern weisen nach, dass sowohl die schwächeren als auch die begabteren Schüler/innen durch das neue differenzierte pädagogische Modell profitieren können". Das sei auch dringend notwendig, heißt es unter Verweis auf mehrere internationale Vergleichsstudien, die bisher ein "eher bescheidenes Kompetenzniveau der österreichischen 15-Jährigen" zeigen würden, das es dringend zu heben gelte. "Im Gegensatz zu landläufigen Behauptungen von AHS-Gewerkschafter/innen ist von diesem Leistungsproblem auch das österreichische Gymnasium betroffen", heißt es weiter.

Der erfolgreiche Abschluss einer "Neuen Mittelschule" würde prinzipiell alle Karrierewege der allgemeinen und beruflichen Bildung eröffnen, von der Berufsschule (Lehre) bis zur Matura. "Für den anschließenden Besuch einer höheren Schule (AHS, HTL, HAK) würde es auch künftig bestimmte Leistungskriterien geben."

In den Modellregionen für die "Neue Mittelschule" sollen Lehrer mit Lehramtszeugnissen für Hauptschule oder für AHS "den Grundstock des Personals bilden. Dazu sollen Spezialist/innen wie Sonderpädagogen, Schulpsychologen und Sozialarbeiter die Teams permanent verstärken". Als Ziele im Zusammenhang mit den Lehrern werden in dem Fragen-Katalog die "gemeinsame Ausbildung aller pädagogischer Berufe auf universitärem Niveau" sowie ein "gemeinsames Dienstrecht für alle Lehrer/innen auf der Sekundarstufe I (derzeit AHS-Unterstufe bzw. Hauptschule, Anm.)" genannt.

Frage nach Kosten nicht konkret beantwortet
Die Frage nach den Kosten der "Neuen Mittelschule" wird nicht konkret beantwortet, es heißt: "Im Rahmen des budgetär Machbaren werden wir für möglichst optimale Rahmenbedingungen für die Individualisierung des Unterrichts sorgen." Der Widerstand der AHS-Lehrer soll "durch Information und Einbindung in die Diskussion" überwunden werden, schon jetzt hätten zahlreiche AHS-Standorte ihr Interesse an einer Mitarbeit im Ministerium deponiert. Knapp wird die Frage beantwortet, ob der Koalitionspartner eingebunden ist: "Ja."

(apa/red)