Aufstieg und Fall des "Tour-Helden": Der besessene Trainierer im Doping-Sumpf

24-jähriger Bernhard Kohl mit positiver A-Probe

Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer müsste eigentlich froh sein, keinen neuen Sponsor für seinen Radrennstall gefunden zuhaben. Der Mathematik-Lehrer musste mehrere Monate nach der für seine Equipe triumphal verlaufenen Tour de France erkennen, dass er von seinen zwei Aushängeschildern hintergangen worden war. So wie dem Deutschen Stefan Schumacher, dem zweifachen Etappensieger und Träger des Gelben Trikots, wurde auch dem Gesamt-Dritten und Gewinner des Berg-Trikots, dem Niederösterreicher Bernhard Kohl, bei nachträglichen Kontrollen in der A-Probe die Verwendung des EPO-Nachfolgepräparats CERA nachgewiesen.

Bernhard Kohl, der 26-jährige Wolkersdorfer mit Wohnsitz in Klagenfurt, war im heurigen Juli praktisch aus den Nichts zum österreichischen Sporthelden aufgestiegen. Nach mehreren Top-Ten-Plätzen auf Bergetappen, bei denen er sich immer im Spitzenfeld präsentierte, und im abschließenden Zeitfahren ließ er sich am 27. Juli vor Hunderttausenden Fans auf den Pariser Champs Elysees als Gewinner des rotgepunkteten Bergtrikots (als erster Österreicher) und Gesamt-Dritter feiern. In drei Jahren wolle er selbst ganz oben stehen, kündigte Kohl an.

In die Heimat zurückgekehrt, wusste sich der zurückhaltend wirkende Radprofi vor Terminen kaum zu retten, war als Sportstar ein begehrter Gast. In seinem Heimatort wurde er in Anwesenheit des Landeshauptmannes von Tausenden Fans gefeiert, in Wien bekam er den Goldenen Rathausmann und galt als Favorit bei der Wahl zum österreichischen Sportler des Jahres.

Der Aufstieg in den erlesenen Kreis jener Fahrer, die für Siege in großen Rundfahrten infrage kommen, eröffnete Kohl auch lukrativen Berufsperspektiven. Er unterschrieb beim Rennstall Silence-Lotto des Tour-Gesamt-Zweiten Cadel Evans (AUS) einen Drei-Jahres-Vertrag, der ihn unter die Spitzenverdiener des heimischen Sports einreiht. Hatte Evans bei der WM in Varese Ende September schon etwas von der am Montag folgenden Horrornachricht geahnt? "Ja, normal fahren wir 2009 gemeinsam", sagte der Australier und lobte danach die Klasse Kohls.

Der tiefe Fall
Der tiefe Fall des Kletter-Spezialisten folgte zweieinhalb Monate nach der großen Ehrung in Paris. Bei einer nachträglichen Kontrolle der Blutproben wurde auch bei Kohl CERA entdeckt - während der Tour hatten die Fahrer wohl noch nichts von einem neuen Nachweisverfahren geahnt. Für den heimischen Radsport ist es der "Supergau". Hatte man international nach dem Blutdopingskandal von 2006 noch den "neuen, sauberen Radsport" propagiert, so erweisen sich nun viele Beteuerungen als schlicht erlogen. Viele Fahrer haben offenbar nichts gelernt.

Die Versuchung war doch da
"Doping ist Betrug, bei mir war die Versuchung nie da", hatte Kohl nach der Tour erklärt. "Wie der Radsport gegen Doping ankämpft, ist einzigartig, die Kontrollen sind sehr hart. Wer betrügt, wird auch erwischt", sagte der gelernte Rauchfangkehrer in einem Interview. Dass es ihn selbst auch erwischen könnte, damit rechnete er wohl nicht. Nun ist seine eigene Zukunft und Glaubwürdigkeit zerstört, auch wenn bis zum positiven Befund der B-Probe die Unschuldsvermutung gelten muss.

Kohl war nie einer, der viele Rennen gewinnt. In der Eliteklasse fehlt ihm noch ein Sieg, doch seine Spitzenresultate hatten Gewicht. Der Sieg in der Pyrenäen-Tour 2004 (U23) verhalf ihm zu einem Profivertrag bei T-Mobile, 2006 brachte ihm Gesamt-Rang drei im Criterium du Dauphine Libere, der traditionellen Tour-Generalprobe, den Kontrakt als Co-Kapitän für die Rundfahrten mit Gerolsteiner. Letztere Leistung war für das Leichtgewicht (60 kg bei 1,72 m) ein Schlüsselerlebnis: Sie gab Kohl das Selbstvertrauen für weitere Großtaten. "Damals habe ich gemerkt, dass ich mit den Besten mithalten kann."

Kohl gilt als besessener Trainierer, heuer setzte er von Beginn an voll auf die Tour, nahm viele Entbehrungen auf sich. "Er hat die letzten Monate wie ein Mönch gelebt, das zahlt sich jetzt aus. Dass er so schnell Radfahren kann, habe ich aber nicht gewusst, ich bin baff", sagte der Steirer Bernhard Eisel bei der Tour.