Aufklärung von

Generation Sexkoffer

Nadja Sarwat über die Erregung um die Sexualbroschüre für Schulen "Ganz schön intim"

NEWS-Kulturredakteurin Nadja Sarwat © Bild: NEWS/Deak

Man stelle sich vor, es ist Sexualkunde-Unterricht und keiner regt sich auf. In Österreich eher undenkbar. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an die multiple Erregung um den seinerzeit Sexkoffer geheißenen Unterrichtsbehelf zur Causa. Was wurde dem alles an Schamlosigkeit attestiert! Man witterte Sodom und Gomorrha.

Als das Gepäck des Anstoßes dann nach langem Hin und Her mit mehrjähriger Verspätung doch noch ans Licht der Bildungstempel gelangte, erhielten auch wir Eltern Einblick in die tiefen Abgründe seines angeblichen Höllenschlundes. Wir wurden in den Unterricht eingeladen, die Reisebox der Pandora vor unseren Augen geöffnet. Es kam, wie es kommen musste: Das vermeintliche Gefährdungspotential hielt sich in überaus überschaubaren Grenzen. Das Ding war an Harmlosigkeit kaum zu überbieten.

Heute können wir sogar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit diagnostizieren: Die Generation Sexkoffer, jene, die damals in dessen Pseudo-Sündenpfuhl tauchten, sind – ein Wunder Gottes - heil und unbeschadet davon gekommen. Keine Massen an Sex-Monster mit unheilbarer Abneigung gegen Beziehung und Familie spazieren herum. Lauter normale junge Erwachsene geworden, die Herrschaften. Das Abendland ist entgegen den Mutmaßungen der Konservativen nicht untergegangen. Die Moral intakt.

Sexbombe geplatzt

Jetzt ist erneut eine Sexbombe geplatzt: Die aktuelle Erregung um die Sexualkunde-Broschüre "Ganz schön intim" beweist eindrucksvoll: Versuche, eine zeitgemäße Aufklärung an Österreichs Schulen zu etablieren, sorgen auch im 21. Jahrhundert noch verlässlich für Überreaktionen unter Reaktionären.

Die Sauropoden unter Österreichs Antiquierten, die ÖVP, assistiert von ihren verhaltensoriginellen Gesinnungsgenossen, offenbart wieder ihren Hang zum Ideologie-Paläozoikum. Aktuell sieht sie in der Broschüre den Wert der heiligen Kernfamilie untergraben. Auch die Darstellung von Homosexualität – wir kennen das Phänomen von Niki Lauda - erhitzt die Gemüter. Überhaupt führe das Blättchen zu Verstörung junger Kinder und sei daher alsbald der Verhütung zuzuführen.

Offenbarung einer Geisteshaltung, die direkt den Pradler Ritterspielen entsprungen sein könnte. Familien mit Alleinerzieherinnen und im Patchwork sind heute für Kinder längst genauso gelebte Realität wie die klassische Vater-Mutter-Kind-Kombi. Mit welchem Recht werden neue Formen des Zusammenlebens als minderwertig diskreditiert? Sind sie weniger schützenswert? Was kommt als nächstes? Versuchen wir in Genlabors die liebe Großfamilie zu reanimieren? Denn die bietet ja wohl die Idealform des Aufwachsens für Kinder. Sie hat nur einen entscheidenden Nachteil: Sie ist leider so gut wie ausgestorben.

Aufklärung tut not

Hier tut Aufklärung not: Die leisteten die Verfasser etwa zur Causa Homosexualität, indem sie die Kritiker darauf hinwiesen, dass diese in Österreich gesetzlich anerkannt und gleichgestellt sei. Letztlich hat ein hochrangiger Experte ein Machtwort gesprochen: Der Familienforscher Oalf Kapella attestiert dem als Machwerk denunzierten Schriftstück allererste Qualität und Unterrichtstauglichkeit. Sie entspräche dem neuesten Stand der Wissenschaft. Die Broschüre, so wiederum die Verfasser, diene auch und vor allem der Missbrauchsprävention. Wohl auch ohne die Extremisten Fritzl oder Priklopil eine unbestreitbare Notwendigkeit im Land.

Einen Seitenhieb zur Debatte lieferte ein Schülervertreter: Schon Jesus sei der Abkömmling einer Patchworkfamilie gewesen. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Schade nur, dass jene, die sich jetzt so echauffieren, dieselbe Hyperaktivität nicht in die Arbeit für eine zeitgemäße Bildungsreform investieren. Wir hätten längst das fortschrittlichste Schulsystem der Welt.

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