Aserbaidschan von

Startschuss für die ersten
Europaspiele in Baku

ÖOC mit 143 Aktiven vor Ort - Kritischer Blick auf Veranstalterland

Europaspiele in Baku © Bild: APA/EPA/Sergey Dolzheko

Jahrzehnte nach anderen Kontinenten erlebt nun auch Europa seine Premiere an kontinentalen Wettkämpfen auf olympischer Ebene. Bei den 1. Europaspielen in Baku treten ab heute rund 6.000 Athleten aus 50 Nationen an, darunter 143 Österreicher. Sie bemühen sich in 20 Sportarten um gesamt 253 Medaillensätze. Damit fehlen nur 49 Entscheidungen auf die Größe der Olympia-Ehrentafel von London 2012.

Der Unterschied zu Sommerspielen ist aber weitaus größer. Lediglich 16 der in Aserbaidschan ausgetragenen Sportarten werden in Rio de Janeiro 2016 Olympia-Status haben, wobei die Ergebnisse im Kanu, Fechten, Turnen und Badminton jedoch keine Relevanz für die Qualifikation dafür haben. Sehr wohl ist das abgestuft bei Judo, Schießen, Tischtennis, Triathlon, Leichtathletik, Schwimmen, Bogenschießen, Rad, Taekwondo, Volleyball, Boxen und Ringen der Fall.

Diese Verteilung hängt auch mit der Kurzfristigkeit der Ansetzung der Europaspiele zusammen. Erst 2012 entschied sich das Europäische Olympische Komitee (EOC) für deren Abhaltung, Aserbaidschan erhielt als einziger Interessent den Zuschlag. Zweimal ist das in Größe und Einwohnerzahl mit Österreich vergleichbare Land am Kaspischen Meer mit einer Bewerbung für Olympische Spiele gescheitert, da kam die Chance auf die kleinere Europa-Variante gelegen.

Empfehlung für höhere Weihen

In Rekordzeit wurde in dem von Staatschef Ilham Alijew autoritär geführte Land eine sportliche Infrastruktur aus dem Boden gestampft, mit der man sich für Olympia empfehlen will. Das vom 13 Gebäude umfassenden Athleten-Dorf in Gehweite liegende Nationalstadion wird außer für Eröffnungs- und Schlussfeier (je 18.00 Uhr MESZ) nur am 21. und 22. Juni für die Leichtathletik verwendet. Diese Olympia-Kernsportart wartet mit einem unterklassigen Wettkampf auf.

Zur Austragung kommt der Team-Europacup der 4. Kategorie, unter deren 14 Teams sich neben Aserbaidschan auch Österreich befindet. Primär darin ist das große rot-weiß-rote Team begründet, mit 46 Aktiven stellen die Läufer, Werfer und Springer gleich knapp ein Drittel des ÖOC-Aufgebots. International hochwertig sind die Wassersport-Bewerbe, aber nur auf Junioren-Niveau. Denn von Schwimmen bis Wasserspringen werden in Baku die U19-Titelträger gekürt.

Ganz konträr sieht die Lage in anderen Sportarten aus. Im Tischtennis erhalten die Einzel-Sieger einen persönlichen Olympia-Startplatz, die Gewinner der Olympia-Disziplinen im Schießen sowie im Triathlon einen Quotenplatz für ihr nationales olympisches Komitee (NOK). Während die meisten der Top-Schützen diese Chance nützen wollen, sind in Baku nur wenige der Spitzen-Triathleten dabei. Sie setzen eher auf die Variante über das langfristige Olympia-Ranking.

Hochklassiger Judo-Bewerb

Die einzigen vollwertigen Europameisterschaften in Baku - nach EOC-Wunsch sollen es 2019 in den Niederlanden bei den 2. Europaspielen um einige mehr sein - tragen die Judokas in der letzten Wettkampfwoche aus. Allerdings auch nur, da die für April in Glasgow angesetzt gewesenen Europa-Titelkämpfe wegen Schwierigkeiten mit einem Sponsor abgesagt worden waren. In Baku ist nun jedenfalls die Creme de la Creme des europäischen Judo dabei.

Ist in der Leichtathletik und im Schwimmen eine Olympia-Qualifikation über die bekannten Zeit-Tabellen der Weltverbände IAAF und FINA möglich, werden im Bogenschießen, Radsport, Taekwondo, Volleyball (inklusive Beach), Boxen und Ringen mehr oder weniger Punkte für die entsprechenden Qualifikationsranglisten vergeben. Oder eine Teilnahme ist nur einmal die Voraussetzung, um an späteren Rio-Qualifikationsbewerben teilnehmen zu können.

Nur Athleten bei Eröffnung

Bei der Eröffnung in dem wegen Verletzungen von Menschenrechten und Pressefreiheit kritisierten Land werden nur Athleten ins Stadion einmarschieren, und der jeweilige "Chef de Mission". "Irgendwer muss ja die Meute im Zaum halten", sagte dazu Österreichs Delegationsleiter Christoph Sieber. Der ÖOC-Sportdirektor und Surf-Olympiasieger 2000 ist schon seit vergangener Woche vor Ort, um für sein Team möglichst viele organisatorische Vorarbeiten zu erledigen.

Österreichs Fahnenträger ist Trap-Europameister Andreas Scherhaufer, mit 44 Jahren knapp ein halbes Jahr älter als Sieber bzw. Team-Senior. "Es ist eine große Ehre für mich", sagte der Schütze am ÖOC-Einkleidungswochenende am 30. Mai beim "Team Austria Abend" im Studio 44 der Lotterien. "Ich werde der Anführer einer jungen, hungrigen Truppe sein." Sportlich sieht Scherhaufer die Europaspiele hochwertig: "Neben der EM ist das das Wichtigste."

Athleten, Betreuer, Offizielle und Zuschauer reisen zu den Europaspielen wohl meist über den 25 Kilometer von der Hauptstadt des Landes entfernt gelegenen "Heyda Alijew International Airport" an. Drei der vier Sportarten-"Cluster" sind über die ampelfreien "European Game Lanes" innerhalb von 40 Bus-Minuten zu erreichen, nur die Kanu-Bewerbe in Mingchevir sind 300 km entfernt. Die Kanuten verfügen dort natürlich über ein eigenes Athleten-Dorf.

IOC-Standard im Athletendorf

Die in Baku untergebrachten Sportler wohnen in 10 bis 15 Stockwerke umfassenden Häusern. Diese beinhalten gesamt 1.042 Appartements bzw. in Zwei- und Dreibettzimmern verteilte 7.510 Betten. Das Athleten-Dorf bietet alle von Olympia bekannten Annehmlichkeiten wie kostenloses Internet, eine Rund um die Uhr geöffnete, riesige Speisehalle, Fitnesscenter, Supermarkt, eine Bank, Friseur- und Wäsche-Service wie auch sogar ein Reisebüro.

Alfred Engel wird wieder als Österreichs "Chief Medical Officer" fungieren. Den österreichischen Athleten stehen zudem zwei weitere Ärzte, zehn Physiotherapeuten und als neues Service-Angebot Sportpsychologen zur Verfügung. Jeder Athlet kann in seinem Bewerb je Wettkampftag zwei kostenlose Tickets für Familie, Verwandte oder Bekannte anfordern. Bei Medaillengewinnen wird dies das ÖOC wie die Deutschen mit 4.000, 2.500 bzw. 1.500 Euro belohnen.

Medaillen auch in Sambo und Beach-Soccer

Diese Summen gibt es auch bei Erfolgen in den nicht-olympischen Sportarten Sambo und Karate, in denen Österreich jeweils vertreten ist. Sambo ist ein militärischer Kampfsport. Ebenfalls nicht im Zeichen der fünf Ringe stehen 3x3-Basketball und Beach-Soccer. Unter den gesamt 31 Disziplinen der 20 Sportarten werden zudem auch etwa in der Sportakrobatik, im Aerobic oder im Blind-Judo - im Rahmen der Judo-Bewerbe - keine Olympia-Medaillen vergeben.

"Rise to the occasion" heißt das zukunftsträchtige Motto der 1. Europaspiele, deren von den Sportstätten her sicher hochwertige Austragung in vielen Bereichen aber noch mehr ein Kompromiss sein wird. Welche Zukunft die Europaspiele haben, wird sich viel mehr 2019 bei der 2. Auflage in den Niederlanden zeigen. "Oranje" hat den Zuschlag für ein Konzept der Leistbarkeit und Nachhaltigkeit erhalten. Der Countdown dafür läuft spätestens ab 28. Juni.

Lupenreine Diktatur

Menschenrechtsverletzungen werfen in Aserbaidschan einen langen Schatten. "Aserbaidschan ist ohne Frage eine Diktatur", drückte der deutsche Sport-Sonderberater von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, Willi Lemke, jüngst in den Medien seine Hoffnung auf Veränderungen aus. Der vorderasiatische Staat am Kaspischen Meer wird seit 2003 mit harter Hand von Präsident Ilham Aliyev (Alijew) geführt. Bürgerrechtler beklagen in dem Land Justizwillkür, massiven politischen Druck auf Medien und Andersdenkende.

EU-Parlamentarier verlangten fraktionsübergreifend einen politischen Boykott der Europaspiele. Ein entsprechendes Schreiben an die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn und die zuständigen EU-Sportminister veröffentlichte die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Ulrike Lunacek (Grüne), vor wenigen Tagen.

Kopf reist an

Diese Aufforderung gelte auch für alle österreichischen Politiker und Regierungsmitglieder, "vor allem den ressortzuständigen Sportminister Gerald Klug sowie ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel und ÖOC-Präsident Karl Stoss", erklärte Lunacek in einer Aussendung. "Diese Spiele haben die Auszeichnung, Europa im Namen zu tragen, nicht verdient, solange in Aserbaidschan europäische Grund- und Menschenrechte mit Füßen getreten werden."

Weder Sportminister Klug noch Außenminister Kurz werden nach Angaben von Ministerbüro und Lunacek nicht zu den Europaspielen nach Aserbaidschan reisen. Der zweite Nationalratspräsident Karlheinz Kopf (ÖVP) wird dagegen am Freitag der Eröffnung der Europaspiele in Baku beiwohnen, hieß es in einer Aussendung des Parlaments am Mittwoch.

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