ARD entschuldigt sich für Doping-Berichte:
"Verdächtigungen ohne belegbare Fakten"

Aber: TV-Sender kündigt weitere Recherchen an Zuvor gingen Wogen im heimischen Sport hoch

Ein ARD-Mitarbeiter hat sich in unerwarteter Weise von der eigenen Berichterstattung distanziert und für die Veröffentlichung von Doping-Vorwürfen gegen deutsche Wintersportler entschuldigt. "Es ist nicht vertretbar und mit unserer Berufsauffassung nicht vereinbar, wenn solche Pauschalverdächtigungen erhoben werden, ohne dafür belegbare und nachprüfbare Fakten zu haben", sagte Moderator Michael Antwerpes vor Beginn der Übertragung vom Biathlon-Weltcup in Antholz.

Antwerpes kritisierte damit den eigenen Sender, der zuvor mit seinen Doping-Anschuldigungen gegen insgesamt 30 namentlich zum Großteil nicht genannte Athleten für Aufsehen gesorgt hatte. Sie alle sollen laut ARD-Berichten im Umfeld des Wiener Instituts Humanplasma Blutdoping betrieben haben. Der Deutsche Ski-Verband (DSV) hat bereits rechtliche Schritte gegen den Sender eingeleitet. Namentlich waren nur die vier Radprofis Michael Rasmussen (DEN) und Denis Mentschow (RUS) sowie die bereits zurückgetretenen Michael Boogerd (NED/alle bis 2007 im Team Rabobank) und Georg Totschnig genannt worden.

"Werden weiter recherchieren"
Die Faktenlage erlaube es derzeit nicht, diese Pauschalverdächtigungen aufrecht zuerhalten, erklärte ein SWR-Sprecher. Die ARD bedauere es, wenn sich jemand angegriffen gefühlt habe. Allerdings werde sich der Senderverbund weiter um journalistische Aufklärung kümmern: "Es wird weiter recherchiert", erklärte der Sprecher.

Die Distanzierung von den Vorwürfen, die der Westdeutsche Rundfunk aufgebracht hatte, sei in einer Schaltkonferenz der Sportchefs abgesprochen worden. Die ARD entschuldige sich, wenn ihre Berichterstattung als ungerechtfertigte Pauschalverurteilung von Sportlern verstanden worden sei.

ÖADC ohne Fakten
Im österreichischen Sport gingen vor der Distanzierung die Wogen hoch. Das Österreichische Anti-Doping-Komitee (ÖADC) hat Akteneinsicht in die laufenden Ermittlungen der Behörden, bisher lagen aber keine Beweise vor. "Es gibt derzeit keine Fakten", erklärte ÖADC-Geschäftsführer Michael Mader.

Mader hofft auf Erkenntnisse der Behörden bis Ende kommender Woche. Derzeit habe man auch im Fall von jenen vier Radprofis, deren Namen von einem deutschen ARD-Journalisten als Blutdoping-Kunden genannt worden waren, keine Handhabe. Dazu benötige man Fakten, über die man derzeit aber nicht verfüge.

Auch ÖOC ohne Informationen
ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth sagte, das Österreichische Olympische Komitee habe bisher überhaupt keine Informationen über die Affäre bekommen. "Wir haben es erst jetzt aus der Zeitung erfahren, dass es diesen Brief gibt", sagte Jungwirth über ein Schreiben von Richard Pound, dem Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), an Sport-Staatssekretär Reinhold Lopatka, in dem die Plasmapherese-Station Hunamplasma namentlich genannt worden war.

Er wünsche sich eine rasche Aufklärung und dass nichts unter den Tisch gekehrt werde, sagte Jungwirth. "Es gibt angeblich eine Liste, auf der Namen sind. Aber solange diese Liste nicht auf dem Tisch ist, sind alles Vermutungen. Für die Athleten ist das eine schlimme Sache." Deshalb erhob er eine klare Forderung: "Liste mit Namen auf den Tisch und Ende der Gerüchte."

"Keine österreichischen Sportler betroffen"
Ähnlich argumentierte Schwimm-Verbandspräsident Paul Schauer angesichts einer Nennung von Schwimmern als Beteiligte der Blutdoping-Affäre. Diese Verallgemeinerung ohne Namensnennung sei eine Verleumdung des österreichischen Sports generell. "Aus Sicht des österreichischen Schwimm-Verbandes sind keine österreichischen Sportler betroffen", meinte der 61-Jährige und hob in diesem Zusammenhang die Bemühungen des OSV hervor: "Wir sind da ganz, ganz streng dahinter." Blut-Manipulation sei kein Kavaliersdelikt.

Das sieht auch Robert Michlmayr so. Der Trainer von u.a. Fabienne Nadarajah möchte daher keine Pauschal-Verurteilung einer Sportart: "Es müssen die Namen auf den Tisch."

Ermittlungen zu Turin 2006 in Endphase
Die Staatsanwaltschaft in Turin, die durch ein diesbezügliches Rechtshilfeersuchen das Einschreiten der österreichischen Behörden erst ermöglicht hat, hat aus der Alpenrepublik noch keine Informationen erhalten. "Wir warten noch auf Ergebnisse aus Wien", sagte Staatsanwalt Raffaele Guariniello. Seine Ermittlungen in der Doping-Affäre um österreichische Langläufer und Biathleten bei den Winterspielen in Turin 2006 befinden sich in der Endphase. Bis Ende Februar soll ein Untersuchungsrichter über die Einleitung eines Verfahrens entscheiden.

Der schwedische Anti-Doping-Experte Bengt Saltin hat sich im schwedischen Fernsehen über Blutdoping in Österreich geäußert. Gegenüber der APA wollte Saltin aber die in Schweden genannte Zahl von drei Blutdoping-Labors in Österreich ebenso wenig bestätigen wie deren Standorte.

"Man bekam Hilfe"
"Aus meiner Tätigkeit in der FIS bis 2006 weiß ich aber, dass es in Österreich Plätze gab, wo man Hilfe bekommen konnte. Wir hatten damals Probleme mit den Möglichkeiten, die in Österreich existierten", erklärte der Anti-Doping-Experte, der als Mitglied einer Kommission die Blutdoping-Affäre um Radprofis des früheren Teams Telekom in der Freiburger Universitätsklinik untersucht.

ÖADC-Geschäftsführer Mader verneinte, jemals von "Einrichtungen" für Blutdoping in Österreich gehört zu haben, bevor Ende November 2007 der Brief des Chefs der Welt-Anti-Doping-Agentur, Dick Pound, an Lopatka eintraf. "Wir haben in Österreich sensible Antennen, aber ich habe nie gehört, dass die Zeiger da angeschlagen hätten", betonte Mader. (apa/red)