Architektur der rohen Emotionen - WTC-Planer Daniel Libeskind ist 60 Jahre alt

Libeskind entwarf auch Jüdisches Museum in Berlin Multitalent: Architekt begann als Musik-Wunderkind

Architektur der rohen Emotionen - WTC-Planer Daniel Libeskind ist 60 Jahre alt

Daniel Libeskind hat früh gelernt, sich vom Gefühl beflügeln zu lassen. "Vertraue dem Unsichtbaren", bläute ihm der Vater ein. Bald nach dem Holocaust in ein jüdisches Getto im polnischen Lodz geboren, versorgte der kleine Daniel die Gräber der umgekommenen Verwandten und Familienfreunde, als gelte es, "die Historie vergessen zu machen". Diese traumatische Erfahrung lehrte ihn, "die überwältigende Leere zu empfinden, die aus dem Verlust so vieler Menschen erwächst", sagt Libeskind, der an diesem Freitag (12. Mai) 60 Jahre alt wird.

Und sie prädestinierte ihn dazu, das Jüdische Museum in Berlin zu entwerfen und den Plan für den Wiederaufbau des von Terroristen am 11. September 2001 zerstörten World Trade Center in New York, schreibt der Stararchitekt in seiner Autobiografie "Breaking Ground. Entwürfe meines Lebens". Immer wieder beschwört er die Last der Geschichte in seinen Werken. "Es sind zerrissene, poetische Geschichten, die Libeskind umsetzt", sagt seine Berliner Kollegin Petra Kahlfeldt.

Loftwohnung in TriBeCa
Wo Libeskind, eine kleine, drahtige Figur mit Bürzelschnitt und Elton-John-Brille, seinen Geburtstag verbringt, verrät man in seinem New Yorker Büro nicht. Als einer der globetrottenden Architekten von Weltruf arbeitet er ständig an drei Dutzend und mehr Projekten gleichzeitig. Seine Frau Nina, "meine treueste Mitarbeiterin und die Liebe meines Lebens", ist immer mit dabei und schottet ihn, wenn nötig, ebenso energisch wie diplomatisch ab. Die beiden sind 36 Jahre verheiratet, haben drei Kinder und leben in einem Loft in TriBeCa, nur einen kurzen Fußweg von Ground Zero entfernt.

Streit um Ground Zero
Dort, beim größten Bauvorhaben seines Lebens, hat Libeskind nicht mehr viel zu sagen. Den Bauherrn, Larry Silverstein, sieht er nur noch vor Gericht und mit dessen Hausarchitekten, David Childs, ist er hoffnungslos zerstritten. In seinem Buch vergleicht Libeskind den Investor Silverstein mit dem für seine Wutausbrüche bekannten früheren sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow. Bei seinem "homerischen Kampf" gegen Childs fühlt er sich an Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" erinnert.

Immer Lächeln...
Dennoch ist ihm, dem ewigen Optimisten, das Lächeln nicht vergangen. "Man kann als Musiker melancholisch sein und in Moll komponieren, sich als Schriftsteller in tragischen Aspekte ergehen und als Filmemacher von Verzweiflung hinreißen lassen", meint Libeskind. "Aber man kann als Architekt kein Pessimist sein" - so seine Berufsphilosophie.

Musikalisches Wunderkind
Libeskind wurde die Architektur nicht in die Wiege gelegt. Der Sohn eines Malers und Druckers machte in Israel als musikalisches Kindertalent auf sich aufmerksam. Der Musik ist Libeskind bis heute verbunden geblieben. So inszenierte er unter anderem an der Deutschen Oper in Berlin Olivier Messiaens Religionsepos "Saint Francois d'Assise".

Im Alter immer aktiver...
Er ist ein Teenager, als die Familie von Israel nach New York zieht und in der Bronx eine neue Heimat findet. Nach Jahrzehnten rein "akademischer" Architektur am Zeichentisch ist Libeskind 52 Jahre alt, als er sein erstes Projekt selbst aufzieht. "Ich lebe mein Leben andersherum, ich starte mit dem langsamen Teil und werde im Alter immer aktiver", sagt er dazu.

Vom Avantgardisten zum Mainstream-Architekten?
Nur sechs Jahre nach dem ersten Projekt, im Jahr 2004, hat er bereits vier Bauwerke erstellt und rund 35 weitere in Planung. Das Jüdische Museum in Berlin und das Projekt auf Ground Zero, das auf dem Fundament des zerstörten World Trade Center den höchsten Turm der Welt vorsieht, machen ihn über Nacht zu einem Architekten vom Rang Frank Gehrys, Zaha Hadids oder Rem Kohlhaas'. Sein ehemaliger Lehrer Peter Eisenman befürchtet jedoch gelegentlich, dass Libeskind zu viel macht und vom Avantgardisten zum Mainstream-Architekten wird.
(apa/red)