Fakten von

Warum wir zu viel arbeiten,
es aber gar nicht müssten

Ein Gespräch mit dem Soziologen Jörg Flecker über die Arbeitszeitverkürzung

Fakten - Warum wir zu viel arbeiten,
es aber gar nicht müssten © Bild: shutterstock

Seit Bundeskanzler Kern eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 37,5 Wochenstunden forderte, ist die Debatte darum neu entfacht. Weniger Arbeit für gleiches Geld mag zuerst auch einmal paradox anmuten. Wirklich paradox ist aber, dass wir immer mehr arbeiten, obwohl Maschinen und Technik uns zunehmend Arbeit abnehmen. Die Folge: Die einen verlieren ihren Arbeitsplatz und haben dadurch zwar mehr Zeit, aber wenig Geld. Die anderen wiederum Geld, aber keine Zeit, um Produkte und Dienstleistungen auch konsumieren zu können.

Wirtschaftssoziologe Jörg Flecker ist überzeugter Verfechter der 30-Stunden-Woche. Im Interview mit News.at spricht er über die Arbeitszeitverkürzung, eine ausgewogene Work-Life-Balance und seine persönliche Utopie einer perfekten Arbeitswelt.

News.at: Wie ist die derzeitige Arbeitszeitsituation in Österreich?
Flecker: Österreich hat unter den europäischen Ländern eine der höchsten Wochenarbeitszeiten. Selbst die Jahresarbeitszeiten, Urlaubs-und Feiertagen miteinberechnet, liegen über dem Durchschnitt der EU.

Gibt es da geschlechterspezifische Unterschiede?
Wir haben einen sehr hohen Anteil an Teilzeit bei Frauen, der nähert sich gerade der 50-Prozent-Marke. Das bedeutet zwar kürzere Arbeitszeit, aber auch deutlich weniger Einkommen, was gerade im Hinblick auf die soziale Absicherung Nachteile mit sich bringt. Hingegen arbeiten 15% der Männer, aber auch 10% der vollzeitbeschäftigten Frauen mehrmals die Woche über 10 Stunden am Tag.

Bundeskanzler Kern hat vor kurzem vorgeschlagen, die Arbeitszeit auf 37,5 Stunden zu verkürzen. Was bedeutet das in Hinblick auf die Arbeitslosigkeit?
Eine Arbeitszeitverkürzung ist wichtig, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Es lässt sich aber nicht sagen, dass eine Stunde weniger so und so viel Leuten Arbeit bringt. Denn dadurch, dass die Menschen intensiver arbeiten, geht ein Teil in Produktivitätssteigerungen, ein anderer in Maschinen-Investitionen über. Die durchschnittliche Kollektivvertrags-Arbeitszeit pro Woche beträgt 38,8 Stunden, da stellt sich die Frage, ob eine Verkürzung auf 37,5 Stunden ausreicht. Größere Schritte der Arbeitszeitverkürzung machen es aber auf jeden Fall notwendig, neue Leute einzustellen.

»Es stellt sich die Frage, ob eine Verkürzung auf 37,5 Stunden ausreicht.«

Wäre eine 30-Stunden-Arbeitswoche die Lösung?
Auf jeden Fall sollte es ein langfristiges Ziel sein. Wenn man diese in beispielsweise zwei Schritten realisiert, könnte die Arbeit in der Gesellschaft völlig neu verteilt werden – zwischen Männern und Frauen, Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigen, Arbeitslosen und Beschäftigten.

Meine Großmutter musste in den 60ern noch samstags arbeiten. Von 48 Stunden wurde zuerst auf 45, 1975 dann auf 40 reduziert. Wie kann es sein, dass so etwas damals möglich war, heute sich jedoch so viele gegen eine Arbeitszeitverkürzung stellen?
Nachdem es vorher zu einer massiven Verlängerung gekommen war, gab es Mitte des 19. Jahrhunderts Bewegungen in die Gegenrichtung. Arbeitszeit wurde, in längeren Abständen, immer wieder reduziert. Was ja auch Sinn macht. Wenn die Gesellschaft immer reicher wird, wenn man immer weniger Arbeit braucht, um Güter und Dienstleistungen herzustellen, dann braucht es nicht so lange Arbeitszeiten. Die Gesellschaft profitiert ja von arbeitssparenden Maschinen.

Wieso arbeiten wir heute dann doch noch so viel?
Es ist paradox, denn obwohl immer mehr Computer und andere Technik angewendet werden, die Produktivität immer weiter steigt, ist in den 1980er Jahren diese schrittweise langfristige Arbeitszeitverkürzung zum Stillstand gekommen. Das liegt jedoch an der Politik und nicht an Notwendigkeiten in der Arbeitswelt. Es hat sich politisch viel geändert. Die Arbeitszeitverkürzungen im 19. und 20. Jahrhundert wurden erkämpft, heutzutage sind ArbeiterInnen und Gewerkschaften in der Defensive.

»Es braucht eine Umverteilung von Arbeit«

Gegenstimmen kommen vor allem von Wirtschaft und Unternehmen. Verständlicherweise, oder?
Natürlich steigen die Kosten zuerst einmal. Es ist eben eine Umverteilung. Man kann das auch nicht in großen Schritten alleine in einem Land machen, das muss auf europäischer Ebene koordiniert werden. Aber wir haben in Europa massive Ungleichgewichte, stecken in einer tiefen Krise, an der auch die hohe Produktivität in einzelnen Ländern schuld ist. Will man diese Ungleichgewichte ausgleichen, muss man die Kosten in Überschussländern wie Deutschland oder Österreich erhöhen. Wenn aber auch andere europäische Länder die Arbeitszeit verkürzen, muss das kein Nachteil für Österreich sein.

Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen dadurch?
Es gibt viele Berufe, wo das Unternehmen viel in seine Mitarbeiter investiert. Wenn gerade diese Personen dann 13 Stunden am Tag arbeiten, Burn-Outs bekommen und ausfallen, sind diese Investitionen in den Wind geschossen. Wenn sich alle an Arbeitszeitgrenzen halten müssen, kann der Konkurrenzdruck entschärft und mehr auf die Gesundheit der MitarbeiterInnen geachtet werden.

… und die Work-Life-Balance verbessert sich.
Genau. Arbeit ist immer unpünktlicher geworden, viele Beschäftigte wissen nicht mehr, wann sie aus der Arbeit rauskommen oder ob sie von zuhause aus noch arbeiten müssen. Das schafft nicht nur in Hinblick auf Erholung, sondern auch auf Familie und Kinderbetreuung Probleme. Es bleibt keine Zeit mehr, um am sozialen Leben teilzunehmen. Singles in Pflegeberufen tun sich schwer, jemanden kennenzulernen. Warum? Weil Dienstpläne nicht eingehalten werden und sie nur schwer ein Date ausmachen können. Und das ist ein ungünstiger Zustand für ein gutes Leben.

»Die Jungen sehen extrem lange Arbeitszeiten nicht mehr ein«

Lässt sich sagen, wie die neue Generation der Arbeitenden, die Generation Y, zum Thema Arbeit steht?
Es gibt Hinweise, dass die jungen Leute mehr darauf achten, dass sie der Beruf nicht auffrisst. Allerdings stellt sich auch die Frage, ob sie sich das längerfristig leisten können, wenn sie Karriere machen wollen. Aber den Wunsch nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance gibt es auf jeden Fall.

Was wäre Ihre Utopie einer perfekten Arbeitswelt?
Ich würde mir wünschen, dass die Arbeit so verteilt ist, dass die Menschen sie mit Freude machen können. Und, dass der Reichtum der Gesellschaft auch in Zeit-Wohlstand umgesetzt wird – eine entschleunigte Gesellschaft sozusagen, in der man Zeit für Beziehungen, Familie und politische Aktivitäten hat. Einfach, um nicht so durchs Leben hetzen zu müssen. Angesichts des materiellen Wohlstands ist es auch absurd: Wir hetzen uns ab, um immer mehr zu produzieren, haben aber immer weniger Zeit, um diese Güter auch in Ruhe konsumieren zu können. Der erste Schritt dorthin ist, Arbeitszeitverkürzung zumindest wieder ernsthaft zu diskutieren. Das geschieht jetzt gerade. Und das finde ich gut.

© Flecker

Zur Person: Jörg Flecker ist Professor für Soziologie an der Universität Wien. Davor war er wissenschatlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, die sich mit Verbesserungen der Arbeitsbedingungen auseinandersetzt.

Kommentare

Ivoir

Es sind meiner Meinung nicht die Arbeitszeiten, ob 4, 6, 8, 10 oder 12 Stunden gearbeitet wird ist sekundär. Das Problem ist der Druck der ausgeübt wird, bzw. die Leistungen die während der Arbeitszeiten verlangt werden. Daraus resultierende längere Erholungsphasen absorbieren die vorhandene Freizeit die mit Spass und Freude ausgefüllt werden könnte(sollte).

na dann gäbe es weniger arbeitslose, glauben sie nicht ? immerwieder ? hm.....

na glauben sie nicht, immerwieder, dass, die menschen krank werden, weil sie zuviel arbeiten ? es gibt arbeit, aber für einen machen zwei bessere arbeit, n' est pas ?

falscher ansatz. arbeit hin oder her zu wälzen bringt GAR NIX, wenns keine arbeit für alle gibt. da kann ma machen was ma will.

das hauptübel, warum so viele menschen krank sind (vom arbeitsplatz) und auch burn outs haben , ist : weil eine person für 2 arbeiten muss, die arbeitgeber ersparen sich so noch einen lohnempfänger und wir haben dadurch zuviele arbeitslose , schon mal nachgedacht ?

Ich für mich lebe dieses Modell bereits mit großem Erfolg. Die Torte der Arbeit wird kleiner wenn jeder ein Stück bekommen soll werden wir lernen müssen zu teilen. Alles andere ist Umverteilung von unten nach oben, die Reichen haben ihre Gehirnwäsche sehr erfolgreich in eure Schedl implementiert.

Super Utopie. Work-Life Balance, schöne Worte. Maschinensteuer, weniger arbeiten, gleich viel verdienen, Arbeit auf mehr Menschen aufteilen, bla, bla, bla. Reine Theorie. Kein Unternehmen wird mehr Leute einstellen, nur weil stundenmäßig weniger gearbeitet wird, bei 75% Lohnnebenkosten. Dort muss man drehen, nicht bei der Umverteilung. Weniger Kosten, mehr Arbeit. So einfach ist das.

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