Angst vor einem zweiten "Tschernobyl":
Die "Risiko"-Reaktoren nahe Österreich

Von Temelin bis Paks: Die Gefahr lauert im Osten Baufälliges AKW Dukovany liegt nur 30 km entfernt

Seit vor 20 Jahren die Folgen des Super-GAU in Tschernobyl auch in Österreich für Angst und Schrecken gesorgt haben, gibt es hier zu Lande verstärkt Diskussionen über Kernkraftwerke, die näher an den heimischen Grenzen stehen. Vor allem in den östlichen Nachbarländern befinden sich Reaktoren, die von Umweltschutzorganisationen heftig kritisiert werden. In der Folge eine Auflistung der von Global 2000 als gefährlich eingeschätzten Standorte.

Als Risikofaktoren gelten unter anderem das Alter mancher Reaktoren sowie die Art der Schutzmaßnahmen bei Zwischenfällen, sagte Global 2000-Expertin Silva Herrmann: "Kein Containment ist sicher ein Problem." Bei einem Zwischenfall sei eine solche Schutzhülle andererseits aber auch kein absoluter Schutz.

Eines der hier zu Lande durch Negativ-Schlagzeilen bekanntesten Kernkraftwerke steht im tschechischen Temelin und ist im Jahr 2000 in Probebetrieb gegangen: Bekannt wurden seitdem zahlreiche Probleme wie Vibrationen der Turbine. Die dadurch bedingte häufige Schnellabschaltung der Reaktoren bringe erhöhte Unfallrisiken mit sich, kritisiert Global 2000. Dazu kommt, dass die Kombination von alter sowjetischer mit neuerer Technologie als problematisch gilt.

Weitere Details, die den Umweltschützern Kopfzerbrechen bereiten: Ein Austritt von radioaktivem Material durch die Bodenplatte könne nicht ausgeschlossen werden, und eine Prüfung über die Erdbebengefährdung sei nicht ausreichend durchgeführt worden, so Global 2000.

Baufälliges AKW Dukovany nur 30 km entfernt
Mit 30 Kilometern Entfernung am nächsten zur österreichischen Grenze befindet sich der tschechische Standort Dukovany. Das Kraftwerk wurde in den Jahren 1985 bis 1987 errichtet, die Druckwasserreaktoren sind sowjetischer Bauart. Laut Global 2000 fehlt ein Volldruck-Containment, das bei einem Unfall den Austritt von Radioaktivität verhindern oder verzögern soll. Der Feuerschutz sei "unzureichend", die Wand des Reaktors neige zu erhöhter Versprödung, und durch Materialermüdung träten Risse und Lecks auf.

Bohunice und Mochovce arbeiten extrem riskant
Auch die zwei slowakischen Standorte Bohunice und Mochovce gelten als riskant: In ersterem werden Reaktoren "mit erhöhtem Betriebsrisiko" verwendet, warnt Global 2000. Auch fehle das Containment. Ein Problem stelle die Sprödbruchfestigkeit der Reaktordruckbehälter dar, die im Notkühlfall zu einem Versagen des Reaktordruckbehälters führen könnte. Die beiden laufenden Blöcke sowie die nicht fertig gestellten Einheiten 3 und 4 sind ohne Vollcontainment.

Konstruktionsmängel im ungarischen Paks
Der als unsicher geltende Reaktor WWER-440/213 im ungarischen Paks weist laut Global 2000 "typische Konstruktionsmängel" auf, die sich in Störfällen niederschlagen. Beispiele sind ein Leck mit Dampfaustritt und daraufhin erfolgter Schnellabschaltung von Block 1 (1991) oder der Ausfall einer Pumpe im Reaktor 4 für zehn Stunden (1994). Zuletzt kam es am 10. April 2003 zu einem Störfall im AKW Paks, der auf Stufe 3 der siebenteiligen INES-Skala eingestuft wurde. Dabei kam es zum Austritt radioaktiver Gase bei der Zwischenlagerung von Brennstäben in einem Reinigungsbehälter.

Deutsches Kraftwerk in Einflugschneise
Auch der deutsche AKW-Standort Isar gilt auf Grund seiner geographischen Lage - in der Einflugschneise des Münchener Flughafens - als besonders gefährdet. So wäre es etwa 1988 fast zu einer Katastrophe gekommen, kritisiert Global 2000.

Das Atomkraftwerk Krsko in Slowenien wurde auf einer so genannten geologischen Bruchlinie gebaut. Das Gebiet um Krsko gehört zu den seismisch ungünstigsten Standorten, die es für ein AKW in Slowenien gibt, da es im Kreuzungsbereich mehrerer tektonischer Platten gelegen ist, so die Umweltorganisation.

(apa/red)