Angst vor neuer Terrorwelle: "Real IRA" bekennt sich zu Massaker in Nordirland

Dublin: Bekenneranruf ging in Zeitungsredaktion ein Erster Anschlag auf britische Soldaten seit 12 Jahren

Angst vor neuer Terrorwelle: "Real IRA" bekennt sich zu Massaker in Nordirland © Bild: Reuters/MacNaughton

Bei einem der schwersten Anschläge seit dem Friedensabkommen für Nordirland vor elf Jahren sind zwei britische Soldaten getötet worden. Vier weitere Menschen wurden bei dem Angriff auf den britischen Militärstützpunkt Massereene verletzt. Die Gruppe "Real IRA", eine Splittergruppe der katholischen pro-irischen Separatistenorganisation Irisch-republikanische Armee (IRA), bekannte sich gegenüber einer Zeitung zu dem Anschlag. Mit dem brutalen Angriff wuchs die Sorge um den Friedensprozess in der einstigen Krisenregion. Politiker betonten jedoch, es werde keinen Rückfall in den jahrzehntelangen Terrorkampf geben.

Ein junger Mann habe bei der Zeitung "Sunday Tribune" angerufen und sich zu dem Anschlag bekannt, sagte die "Tribune"-Journalistin Suzanne Breen. "Er sagte, er und die 'Real IRA' würden sich nicht für den Anschlag auf britische Soldaten entschuldigen, weil sie seiner Aussage zufolge weiterhin Nordirland besetzt hielten", sagte Breen dem Fernsehsender Sky News. In den kommenden Tagen wolle die Gruppe weitere Details zu der Tat bekanntgeben.

Aus nächster Nähe abgedrückt
Die beiden Attentäter schossen laut Polizeichef Derek Williamson mit Sturmgewehren aus ihren Auto, das dem Lieferwagen offenbar bis zur Massereene-Kaserne in Antrim westlich von Belfast gefolgt war. Mindestens ein Angreifer sei dann ausgestiegen und habe aus nächster Nähe auf seine Opfer gezielt, als diese bereits am Boden gelegen seien. Nach den tödlichen Schüssen ergriffen die Männer die Flucht. Ihr mutmaßliches Fahrzeug wurde später verlassen im Nachbarort Randalstown aufgefunden. Bei den Toten handelte es sich laut Polizei um zwei Soldaten Anfang 20, die in Kürze nach Afghanistan entsandt werden sollten.

"Furchtbare Erinnerung"
Der Anschlag richtete sich offenbar auch gegen die nach langem Ringen gebildete nordirische Allparteienregierung. Der Präsident der nationalistischen Partei Sinn Fein, Gerry Adams, erklärte, die Verantwortlichen wollten die Fortschritte der jüngsten Zeit zunichtemachen und neue Konflikte schüren. Sie hätten keine Unterstützung. Vielmehr sei es die Pflicht der Republikaner, die Tat zu verurteilen. Peter Robinson, Vorsitzender der größten Protestanten-Partei Nordirlands und Chef der Einheitsregierung der britischen Provinz, sagte: "Das ist eine furchtbare Erinnerung an die Ereignisse der Vergangenheit."

Brown: Ganzes Land geschockt
Großbritanniens Premierminister Gordon Brown sagte, das ganze Land stehe wegen der bösartigen and feigen Tat unter Schock. "Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um die Sicherheit Nordirlands zu gewährleisten", sagte Brown auf Sky News. Der irische Ministerpräsident Brian Cowen sagte: "Wir hatten alle gehofft, dass sinnlose Gewalt der Vergangenheit angehören würde."

Warnung vor Anschlägen
Erst eine Woche vor dem Anschlag hatte Nordirlands Polizeichef gewarnt, dass die Bedrohung durch pro-irische Dissidenten so hoch sei wie noch nie seit dem Friedensabkommen von 1998. Aus diesem Grund seien Spezialkräfte der Armee in die Provinz beordert worden, um die Gefährdungslage aufzuklären. Nationalistische Politiker hatten sich verärgert über die Rückkehr der zuletzt im Irak und in Afghanistan eingesetzten Spezialkräfte in die Provinz gezeigt.

Kämpfe seit 1960er Jahren
In Nordirland tobten zwischen Ende der 60er und 90er Jahre blutige Kämpfe zwischen pro-britischen Protestanten und republikanischen Katholiken, die für eine Abspaltung von Großbritannien und für eine Vereinigung mit Irland eintraten. 1998 leitete das Karfreitagsabkommen den Friedensprozess und damit ein Ende der Gewalt ein. Nach dem Abzug der meisten britischen Soldaten im Jahr 2007 sind derzeit noch mehrere tausend Mann, hauptsächlich für Auslandseinsätze, in Nordirland stationiert. Ihre sicherheitspolitische Rolle in der Provinz ist stark eingeschränkt.

Letzter Anschlag auf Briten 1997
IRA-Dissidenten haben in den vergangenen Jahren wiederholt britische Sicherheitskräfte angegriffen und verletzt. Der letzte Anschlag, bei dem ein Soldat getötet wurde, war im Februar 1997. Im Jahr 2002 wurde ein von den Streitkräften engagierter Bauarbeiter von IRA-Abweichlern getötet.

Waffenruhe gipfelte in Karfreitagsabkommen
Die IRA selbst hatte Jahrzehnte lang Zivilpersonen, die Geschäfte mit britischen Soldaten machten, auf ihrer Schwarzen Liste. Ihre Waffenruhe von 1997 ermöglichte ein Jahr später das sogenannte Karfreitagsabkommen über eine gemeinsame Regierung der Protestanten und Katholiken in Nordirland. Der Gewalt in der Provinz fielen in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 3.700 Menschen zum Opfer. Allein die IRA war zwischen 1970 und 1997 für den Tod von fast 1.800 Menschen verantwortlich.

(apa/red)