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So sehr müssen wir
uns wirklich fürchten

Fakten - So sehr müssen wir
uns wirklich fürchten © Bild: Shutterstock

Terror, Einwanderung, Arbeitslosigkeit, Spinnen: Ängste bestimmen unser Leben. Experten erklären, wie sehr man sich wirklich fürchten muss-

Angst vor Terror. Vor Zuwanderung. Vor Krankheiten. Vor dem Klimawandel. Vor der Zukunft im weitesten Sinne. Von allen Seiten Bedrohungen, denen wir scheinbar schutzlos ausgeliefert sind.

Oder?

Der Begriff "Angstgesellschaft" hat Hochkonjunktur. Jeder fürchtet sich vor irgendetwas. Das Internet, das Fernsehen und die Zeitungen sind voll von sorgen- und bedeutungsvoll mit den Köpfen wackelnden Experten, die das Ende der Welt vorhersagen. Und wir, entmündigt von unseren eigenen Ängsten, kauern mittendrin und starren wie hypnotisiert auf den Sekundenzeiger, der tickt und tickt und tickt ...

Oder?

"Nein", sagt der renommierte deutsche Angstforscher Borwin Bandelow, und er sagt es lachend. "Es entsteht im Moment durch Berichte in den Medien der Eindruck, dass wir sehr viel Angst haben. Aber letztendlich haben die Ängste insgesamt nicht zugenommen." Sie verschieben sich nur. Die Versicherung R+V führt jedes Jahr eine Umfrage über die größten Ängste der Deutschen durch. Der Langzeitvergleich zeigt, was Bandelow meint: Während von 2004 bis 2008 die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten dominierte, lebten die Deutschen von 2011 bis 2015 in größter Angst vor den Kosten durch die EU-Schuldenkrise. 2016 und 2017 führte Terrorismus die Liste an, heuer übernahm die Angst vor der Politik Donald Trumps.

In Österreich ist die Angst vor Migration derzeit besonders weit verbreitet. In 15 Jahren werde das wohl nicht mehr so sein, meint Bandelow: "Die Leute stellen fest, dass es vielleicht eine Überreaktion war, und dann geht das wieder zurück. Eine als unbeherrschbar und neu empfundene Angst wird statistisch überhöht wahrgenommen. Durch Elektrofahrräder sterben jedes Jahr mehr Menschen als durch Terrorismus, in Deutschland allein 60 pro Jahr, und trotzdem warnt der Innenminister nicht vor Elektrofahrrädern. Ich sage immer, Angst ist nicht gut in Statistik."

Sinnvolle Ängste

Dabei sind Ängste durchaus sinnvoll – vorausgesetzt, sie schränken den Alltag nicht zu sehr ein. "Angst brauchen wir immer, wenn wir halbwegs sicher durchs Leben kommen wollen", sagt Bandelow. "Manchmal merken wir gar nicht, dass unser Angstsystem ständig mithilft, damit uns nichts passiert. Beim Fahrradfahren zum Beispiel." Das galt auch, oder noch mehr, für unsere Vorfahren.

Ängste vor Schlangen, Spinnen, Dunkelheit oder Unwetter waren früher überlebensnotwendig. "Wenn man immer eine schlechte Erfahrung bräuchte, um eine Angst zu kriegen, dann hätte es zu viele Totalausfälle in der Evolution der Menschen gegeben. Wenn man die schlechte Erfahrung macht, dass ein Klapperschlangenbiss tödlich ist, hat man zwar diese ­Erfahrung gemacht, kann aber keinen Nutzen mehr daraus ziehen. Deswegen ist es sinnvoll, dass viele Ängste angeboren sind. Diejenigen, die in ihrem Erbgut diese Ängste nicht hatten, sind im Lauf der Entwicklungsgeschichte ausgestorben."

Deswegen plagen wir uns also mit sinnloser Spinnenangst herum, haben aber keine Steckdosenphobie, obwohl es schon seit über 100 Jahren elektrischen Strom gibt. "So ein Prozess dauert vielleicht 10.000 bis 50.000 Jahre", sagt Angstforscher Bandelow. "Im Moment ist unser primitives Angstsystem immer noch auf der Stufe eines Huhnes."

Ängste sind zu ungefähr 50 Prozent angeboren und zu 50 Prozent anerzogen, glauben Forscher. Und sie treten in allen Kulturkreisen und Gegenden der Welt gleichermaßen auf. Menschen, die in sicheren Ländern wie Österreich leben, haben also nicht weniger Angst als die Bewohner eines brasilianischen Slums. "Menschen sind adaptionsfähig. Die Deutschen haben sich, wenn ich an die Erzählungen meiner Eltern denke, an den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs gewöhnt. Der Mensch ist extrem flexibel und kann sich in den schwierigsten Situationen adaptieren." Auch die Bedrohung durch Terroristen, vermutet Bandelow, werde irgendwann zum Alltag gehören. "Die Leute werden sich wahrscheinlich daran gewöhnen. Terror wird sich zu den zahlreichen anderen Gefahren hinzuaddieren, die auf uns lauern."

Selbstheilung

News hat Experten nach ihrer Meinung zu weitverbreiteten Ängsten gefragt: Muss man sich fürchten? Vor dem Klimawandel? Vor Jobverlust, vor Impffolgen?

In vielen Fällen ist die Antwort beruhigend. Und wenn nicht, können wir uns ­immer noch auf uns selbst verlassen. Die Menschen, sagt Borwin Bandelow, verfügen über die Fähigkeit zur Selbstheilung. "Spätestens vier Wochen nach einer Katastrophe schreiben die Medien meiner Beobachtung nach nicht mehr darüber, weil das Thema für die Leute dann abgefrühstückt ist. Man kann nicht ständig in Angst und Sorge leben."

»Ängste brauchen wir, wenn wir halbwegs sicher durchs Leben kommen wollen«
© Michael Wallmüller/ Visum/picturedesk.com Borwin Bandelow, Angstforscher

Terror

Nicolas Stockhammer, Terrorexperte an der Uni Wien

Die Lage hat sich zuletzt wieder zugespitzt. Das war auch Tenor bei einer bedeutenden Terrorismusbekämpfungskonferenz in Israel, an der ich kürzlich teilgenommen habe. Einerseits, weil al-Qaida wieder auf dem Plan ist. Aber auch der Terrorarm des IS ist nach wie vor aktiv und unternimmt regelmäßig Versuche, wieder einen Terroranschlag größerer Ordnung durchzuführen. Außerdem konnten sich die vermehrt zurückströmenden Kriegsheimkehrer sukzessive wieder in Europa verankern. Europa ist unverändert das primäre Spielfeld von Terroranschlägen. Dschihadisten sprechen in der Propaganda auch explizit vom "weichen Bauch Europa", weil die Sicherheitsmaßnahmen hier vergleichsweise viel weniger strikt und leider auch weniger effizient sind als in den USA.

Wir sehen uns derzeit mit einem explosiven Gemisch konfrontiert: In Österreich sind es Schätzungen zufolge an die 100 Personen, die aus dem Kriegsgebiet in Syrien zurückgekehrt sind. Gut zwei Drittel davon sind als Gefährder einzustufen. Zusammen mit den bereits ansässigen Gefährdern eine brisante Kombination. Einige davon sind unter permanenter Überwachung, aber aufgrund mangelnder Ressourcen kann man nicht alle rund um die Uhr überwachen. Eine rege dschihadistische Interaktion mit Gesinnungsgenossen in anderen Staaten besteht unvermindert. Es ist davon auszugehen, dass in Europa wieder etwas passieren wird, und Österreich ist nach wie vor nicht davor gefeit. 2019 wird bedauerlicherweise ein Jahr werden, in dem wir in Europa wieder verstärkt Terroranschläge sehen werden. Österreich respektive Wien ist ein sekundäres Terrorziel und daher für Dschihadisten nicht gleichermaßen "attraktiv" wie große europäische Metropolen wie London, Paris, Brüssel oder Berlin. Wien ist als Sitz mehrerer internationaler Organisationen (UN, OSCE, OPEC), was zusätzliche Aufmerksamkeit im Falle eines Terroranschlags versprechen würde, zwar grundsätzlich im Fokus terroristischer Organisationen, aber auch fremde Nachrichtendienste sind hier besonders aktiv und dementsprechend "alert". Im Normalfall werden derartige konkrete Hinweise von "befreundeten Diensten" an das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) weitergegeben. Ich meine, dass der Austausch von Informationen derzeit jedoch auf das äußerst Notwendige beschränkt ist. Die internationale Kooperation hat durch die Vorgänge rund um das BVT und die mediale Berichterstattung darüber massiv gelitten, das ist ganz klar.

Spinnen

Christian Komposch, Arachnologe

Die Angst vor Spinnen hat zwei Aspekte. Einerseits den fachlichen, andererseits den psychologischen. Als Spinnenfachmann kann ich sagen, dass es keinen Grund gibt, vor Spinnen Angst zu haben. Auch bei Kleinkindern, älteren Menschen mit Herzproblemen oder Haustieren muss man sich nicht fürchten. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man einige Stunden bis wenige Tage Schmerzen verspürt. Anschwellen der Lymphknoten, ansteigende Temperatur, Symptome einer leichten Grippe. Aber das vergeht nach wenigen Tagen wieder und es bleiben bei Spinnenbissen nie Nachwirkungen. Auch weltweit wird die Furcht vor der Spinne völlig überschätzt. Es gibt jährlich nicht mehr als fünf bis zehn Todesfälle. Allerdings ist durch den Klimawandel damit zu rechnen, dass unangenehme Tiere zu uns kommen. Für die Schwarze Witwe, die eigentlich in Neuseeland und Australien heimisch ist, passt das Klima bei uns mittlerweile sehr gut. Nach der Einschleppung kann sie sich binnen weniger Jahre flächendeckend verbreiten. Der Biss der Schwarzen Witwe ist sehr, sehr schmerzhaft, aber es gibt wirksame Antiseren.

Kriminalität

Norbert Leonhardmair, Forscher Vicesse

Die Kriminalitätsfurcht wird europaweit alle zwei Jahre erhoben. In Österreich kommen dabei für sich genommen immer sehr gute Werte heraus.

In den letzten zehn Jahren gab es einen Einbruch, 2007/08, das scheint mit der Finanzkrise zusammenzuhängen. Man sieht, welche Auswirkung krisenähnliche Zustände auf das Sicherheitsgefühl haben. Die registrierte Kriminalität in Österreich und dem Großteil der westeuropäischen Länder sinkt.

Das ist im Wesentlichen ein demografischer Effekt: Junge Männer sind in der Kriminalitätsstatistik quantitativ am auffälligsten. Wenn die weniger werden, gibt es weniger Kriminalität. Unabhängig davon hängt das individuelle Sicherheitsempfinden nicht mit dem tatsächlichen Risiko zusammen, Opfer von Kriminalität zu werden. Ältere Frauen zum Beispiel haben verhältnismäßig große Angst vor Kriminalität, aber objektiv wenig Risiko. Hier geht es um andere Aspekte. Habe ich stabile Erwartungen an die Zukunft? Wie sieht es mit Job, Beziehungen, Pension aus? Fühle ich mich in meinem Wohngebiet wohl oder hat es dort starke Veränderungen gegeben, die dazu führen, dass ich mich nicht mehr heimisch fühle?

Wenn ich mit diesen Aussichten zufrieden bin, habe ich ein hohes Sicherheitsbefinden.

Die Kriminalitätsrate in Österreich gibt objektiv keinen Anlass zu Ängsten. Die Gefahr eines Unfalls im Straßenverkehr ist viel größer, als Opfer einer kriminellen Handlung zu werden, aber wir können besser damit umgehen.

Gesellschaftlicher Abstieg

Martin Schenk, Armutsexperte Diakonie

Einerseits haben wir im Europavergleich sehr gute Daten. Österreich gehört zu den vier, fünf Ländern, in denen die Armut nach der Finanzkrise am wenigsten zugenommen hat. Auf der anderen Seite gibt es Gruppen, die stärker als früher betroffen sind. Das sind einerseits junge Leute, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt reinkommen. Die sich ständig von einem Projekt zum anderen hangeln, nie angestellt werden und auch mit Familie noch in prekären Verhältnissen leben.

Zweitens fällt uns auf, dass das Wohnen immer mehr Anteil an den Haushaltsausgaben hat, bis zu 50 Prozent und darüber. Wohnen frisst einen ganz großen Teil dessen auf, was man verdient.

Und drittens gibt es im Alter riesige Probleme mit Krankheit, Depressionen etc. Betroffene bekommen nur mehr ganz, ganz schwer einen Job.

Diese beiden Phänomene finden also gleichzeitig statt: Es gibt stabile Armutsraten, aber gleichzeitig diese drei Gruppen, bei denen sie ansteigt.

Mittlerweile kennt jeder irgendwen, der mit 50 abgestürzt ist, oder junge Leute, die ewig mit irgendwelchen Projekten herumtun. Es trifft wenige, aber das hilft ja nichts.

Zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung leben an der Einkommensarmutsgrenze, vier Prozent tatsächlich in Armut. Grob 70 Prozent sind relativ gesichert und haben keine große Abstiegsgefahr. Aber das ist rein statistisch, das heißt noch nicht, dass die Leute keine Angst haben.

Die Frage ist ja auch, wie ich mir die Welt erkläre. Wenn ich die Welt als einzige große Castingshow wahrnehme, wo es Gewinner und Verlierer gibt, und ich ständig das Gefühl habe, mich beweisen zu müssen, fürchte ich mich auch, wenn alles gleich bleibt. Ich bin dann immer selber schuld. Wenn ich es schaffe, bin ich der Superstar, wenn nicht, habe ich versagt. Ob Job oder Beziehungen, es ist alles nicht mehr so dauerhaft wie früher, und das ist für manche Leute stark verunsichernd. Dieses neue Bedürfnis nach Heimat verstehe ich zum Beispiel als Versuch, Nähe und Stabilität zu erleben. Als Gegenbewegung zum Ständig-flexibel-sein-Müssen, das die Leute doch nicht aushalten.

Pensionsverlust

Bernd Marin, Pensionsexperte

Kurze Antwort: Nein, aber. "Aber" heißt, dass wir immer etwas kriegen werden, was "Pension" heißt. Doch das sagt noch nichts darüber aus, wie viel reale Kaufkraft dahinterstehen wird. In den letzten drei Jahrzehnten wurden etwa 30 Prozent der Leistungen gekürzt. So musste man damals 40 Jahre arbeiten, um auf 80 Prozent Bemessung zu kommen, jetzt sind es 45 Jahre. Man hat stillschweigend fast alle Anspruchsvoraussetzungen erhöht, um am Fetisch des unveränderten Pensionsantrittsalters nichts ändern zu müssen. Dennoch hat sich gewaltig viel verändert und immer nur in eine Richtung. So gesehen ist es natürlich höchst ungewiss, wie viel jemand bekommt, der jetzt in den Beruf eintritt und etwa 2063 pensioniert wird oder mittendrin ist und noch Jahrzehnte bis etwa in die 2040er Jahre vor sich hat. Auch das Verhältnis der Erwerbsfähigen zu den Ruheständlern wird sich dramatisch ändern – zuungunsten der Erwerbstätigen. Wenn wir in weniger als einer Generation drei statt zwei Millionen Pensionisten haben werden, könnten bis zu einer Million statt derzeit 200.000 Menschen an oder unter der Armutsgrenze leben, vor allem Frauen. Grundsätzlich wird die Entwicklung in Richtung Grundsicherung gehen, weniger abhängig davon, wie viel man vorher eingezahlt hat. Wer höhere Leistungen wie Lebensstandardsicherung will, ist quasi gezwungen, Privatvorsorge zu treffen.

Rechtsextremismus

Bernhard Weidinger, Forscher DÖW

Angst plus Ohnmacht ist die Erfolgsformel des Rechtsextremismus: Wer sich fürchtet und sich gleichzeitig einer Bedrohung hilflos ausgeliefert fühlt, wird empfänglich für autoritäre Angebote. Deshalb ist rechtsextreme Politik immer Angstverbreitungspolitik, und allein schon darum sollte man vor dem Rechtsextremismus keine Angst haben. Sorge ist dagegen sehr berechtigt.

Demokratie, Menschenrechte, die Gleichheit aller Menschen werden vielerorts wieder zunehmend offen infrage gestellt – nicht nur von randständigen Neonazis, sondern auch von durch Wahlen legitimierten Politikern, teilweise in Regierungsfunktion. Die schleichende Demontage humanistischer Errungenschaften ist heute weit bedrohlicher als explizit faschistische Losungen und deren Träger. Angesichts all dessen ist es gut, sich zu sorgen, wenn die Sorge aktiviert – und nicht, wie Angst es zu tun pflegt, lähmt.

Zuwanderung

Rainer Münz, EU-Migrationsexperte

Es gibt drei Ebenen. Zum ersten die persönliche Erfahrung: Migrantinnen und Migranten sowie deren Kinder sehen internationale Wanderung wahrscheinlich vor allem als Chance, auch wenn dies mit dem Verlust von Heimat und Freunden verbunden ist. Wer hingegen in einer Gegend lebt, wo es kaum Erfahrung mit Zuwanderung gibt, empfindet Fremde eher als negativ.

Zum Zweiten muss man sich fragen: Von welcher Zuwanderung reden wir? Ausländische Studierende, mobile EU-Bürgerinnen und -Bürger, nachziehende Ehepartner und neu ankommende Asylbewerber werden jeweils unterschiedlich wahrgenommen. Es gibt wohl nur wenige Einheimische, die erschrecken, wenn sie im Spital liegen und eine philippinische Krankenschwester an ihr Bett tritt. Und jener Teil der österreichischen Bevölkerung, der sich Haushaltshilfen, Kindermädchen oder Altenbetreuer leistet, greift häufig auf Ausländerinnen und Ausländer zurück. Gleiches gilt für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft sowie im Gastgewerbe. Zum Dritten: Haben wir eine Makro- oder eine Mikroperspektive? Man hat vielleicht Probleme mit fremden Religionen und Kulturen bei uns im Land oder fürchtet sich vielleicht abstrakt vor unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Afghanistan oder Syrien. Aber wenn so jemand eine Weile in einer Ortschaft lebt und wieder abgeschoben werden soll, gibt es häufig Widerspruch von der örtlichen Pfarrgemeinde bis hin zum Landeshauptmann.

Die Frage "Muss man vor Zuwanderung Angst haben?" kann daher fast niemand eindeutig mit Ja oder Nein beantworten.

Altwerden

Gerald Gatterer, Psychotherapeut

Altern ist so wie jede Entwicklungsaufgabe eine Herausforderung. Man kann sich mit positiver Lebenseinstellung auf Veränderungen des Körpers und des sozialen Umfelds vorbereiten. Menschen, die mehr Flexibilität aufweisen und sich besser anpassen, können auch mit dem Alterungsprozess besser umgehen. Das gilt auch für die weitverbreitete Angst vor Demenzerkrankung. Aktive ältere Menschen, die sich fit halten, haben ein geringeres Demenzrisiko. Gegen Ängste vor Vereinsamung im Altern hilft es, vermehrt soziale Kontakte zu knüpfen. Auch mit jüngeren Menschen. Und es ist wichtig, am eigenen Rollenbild zu arbeiten, sich nicht nur als Ehefrau, Großmutter oder Berufstätigen zu sehen, sondern eine breitere Palette aufzubauen, sodass mehr Alternativen zur Verfügung stehen, wenn ein Aspekt wegfällt.

Das Altern, das wir vor 20, 30 Jahren diskutiert haben, ist nicht mehr das Altern, das wir jetzt haben. Wir sind heute durchschnittlich zehn bis fünfzehn Jahre jünger, als wir kalendarisch alt sind. Die Lebenserwartung hat sich nach oben verschoben, aber auch die Anzahl lebenswerter Jahre hat sich verbessert. Wir werden nicht nur älter, sondern wir werden auch später krank.

Es gibt zwei typische Altersbiografien: Menschen, die das traditionelle Rollenbild leben, und die "jungen Alten", die ihr Leben im Alter nochmals neu planen, neue Beziehungen aufbauen – auch zu Jüngeren –, reisen, unterwegs sind, neue Rollenbilder als Oma und Opa entwickeln etc. Also nicht mehr die typischen "Kleingarten-Omas", sondern sehr aktive Seniorinnen und Senioren, die mitten im Leben stehen. Es ist wichtig, keine dieser beiden Lebenseinstellungen zur einen, richtigen zu erklären. Solange man glücklich ist, ist beides in Ordnung.

Menschen, die Angst vor dem Leben haben, haben auch Angst vor dem Alter. Wer positiv im Leben steht, hat keine Angst.

Klimakatastrophe

Gerhard Wotawa, Klimaforscher ZAMG

Die Temperatur hat sich in den letzten Jahrzehnten global um ein Grad, in Österreich schon um zwei Grad erhöht. Was wir sehen, ist das Zunehmen extremer Hitzewellen, extremer Niederschlagsereignisse, extremer Stürme. Wir stehen in Österreich nicht im Brennpunkt des Geschehens. Von katastrophalen Wetterereignissen wie tropischen Stürmen oder extremer Trockenheit sind wir zum Glück nicht betroffen. Aber mit den Hitzewellen in den Städten fängt es schon an. Wenn wir es nicht schaffen, die weltweite Erwärmung in den nächsten 15 Jahren auf 1,5 bis zwei Grad zu beschränken, kommen wir aus der Zone heraus, in der sich die Temperaturschwankungen in den letzten 10.000 Jahren bewegt haben – also in jenem Zeitraum, in dem sich die menschliche Zivilisation entwickelt hat. Dann haben wir ein echtes Problem. Und die weltweite Politik gibt derzeit nicht gerade Grund zur Hoffnung.

Gefahren aus dem All

Christian Köberl, Forscher und NHM-Direktor

Aus dem Weltall kommen vielfältige Gefahren. Nicht nur Asteroiden und große Meteoriten, es gibt auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel große Supernova-Explosionen, Gammastrahlen-Bursts von Sternexplosionen oder die – oft unterschätzten – Sonneneruptionen, die auch die Erde treffen können. Der letzte größere Vorfall war 1858. Wenn eine derartige Sonneneruption heute auf die Erde treffen würde, käme es zu wochen- oder monatelangen Stromausfällen in großen Gebieten. Zu der Gefahr von Einschlägen extraterrestrischer Objekte kann man sagen: je größer, desto seltener. Das größte Ereignis, das wir in letzter Zeit nachweisen können, ist die Kollision der Erde mit einem zehn Kilometer großen Asteroiden vor 66 Millionen Jahren. Dabei sind nicht nur die Dinosaurier, sondern 70 Prozent aller damals lebenden Tier- und Pflanzenarten ausgestorben. Dass wir heute hier sitzen, hat damit zu tun, dass es diesen Einschlag gegeben hat. Kleine rattenähnliche Tiere, frühe Säugetiere, die Vorfahren der Menschen, haben damals nämlich überlebt. Die Zeit der Echsen war vorbei. Auch kleinere Vorkommnisse können dramatische Folgen haben. Vor einigen Jahren ist in 25 Kilometern Höhe über Russland ein kleiner Körper mit 20 Metern Durchmesser in der Luft explodiert. Dabei wurde Energie freigesetzt, die dem 30-Fachen der Hiroshima-Atombombe entspricht. Die Explosion hat in einer 65 Kilometer entfernten Stadt viele Schäden verursacht, 1.500 Menschen mussten ins Krankenhaus. So etwas kommt alle paar Jahrzehnte vor, also relativ häufig.

Müssen wir uns fürchten? Ich wache nicht jede Nacht schweißgebadet auf, aber es ist keine schlechte Idee, sich einmal vor Augen zu führen, was passiert, wenn man wochenlang keinen Strom hat. Da ist eine Zivilisation wie unsere schon sehr gefährdet.

Handystrahlung

Wilhelm Mosgöller, Krebsforscher an der Uni Wien

Ich habe zwei große Projekte gemacht mit der Fragestellung, ob sich Handystrahlung auf Neurologie und Denkvermögen wirkt. In beiden Fällen mit positiven Ergebnissen. Zum einen hat man, wenn man zum Beispiel mit dem Handy am Ohr Auto fährt, ein viermal höheres Unfallrisiko. Einerseits natürlich, weil man abgelenkt ist. Und es passiert etwas mit meinem Gehirn: Es verkürzt die Denkzeit und erhöht dabei die Fehlentscheidungen. Die Leute reagieren zwar genauso schnell, aber falscher. Es ist für das Alltagsleben vielleicht nicht sehr interessant, wenn man nicht gerade Berufschauffeur ist, aber: Autofahren und Handy gehören getrennt.

Das andere ist die Frage: Erzeugt Handystrahlung Krebs? Sie ist sehr umstritten. Im Labor sehen wir, dass Handybestrahlung unter stark kontrollierten Bedingungen DNA-Abbrüche erzeugt. Wir finden im Labor Zelltypen, die ziemlich robust sind und denen das nichts ausmacht, ab in einigen Zellen gibt es diese Brüche. Wer von vornherein ein erhöhtes Tumorrisiko hat, kann gefährdet sein, wenn er etwa über einen langen Zeitraum hinweg jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Handy am Ohr telefoniert. Generell gibt es zu dieser Frage zu wenig Forschung. Aber es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich an ein paar Regeln zu halten: lieber ein Headset verwenden, nicht im Keller telefonieren, weil das Handy bei schlechtem Empfang seine Leistung hochfährt.

Wir brauchen Regeln wie beim Auto, dann passiert in der Regel nichts.

Wenn Sie ein ängstlicher Typ sind, dürfen Sie auch nicht Autofahren, weil Sie jederzeit mit einem Betrunkenen rechnen müssen, der Ihnen ­entgegenkommt.

Impffolgen

Rudolf Schmitzberger, Kinderarzt

Wir führen bei jeder Impfung ein Impfgespräch. Ich sage den Patienten immer ganz klar, dass Impfen eine Risikoreduktion bedeutet.
Ich überlege also bei jeder Impfung, was schlimmstenfalls passieren und was dadurch verhindert werden kann. Das Problem der Nebenwirkungen liegt bei einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 1.000.000 oder seltener. An Masern, einer Krankheit, die oft verharmlost wird, stirbt dagegen eines von tausend Kindern. Seitdem eine Impfung gegen Gehirnhautentzündung Teil der Sechsfachimpfung ist, kommt sie nur mehr extrem selten vor bzw. nur dann, wenn die Impfung nicht vorgenommen wurde. Ich versuche die Patienten auch mit finanziellen Argumenten zu überzeugen. Würde der Staat Millionen Euro für die Impfung der Kinder ausgeben, wenn sie dadurch zu Schaden kommen? Impfskeptiker kann man meistens überzeugen, bei expliziten Gegnern hat man keine Chance.

Arbeitslosigkeit

Helmut Mahringer, Arbeitsmarktexperte Wifo

Das Risiko, arbeitslos zu werden, hat sich gar nicht so stark verändert, eher jenes, arbeitslos zu bleiben. Wir sehen eine Verschiebung zu älteren Arbeitnehmern, Arbeitnehmern mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Sie haben insgesamt sogar ein geringeres Risiko, ihren Job zu verlieren – es sind eher Jüngere, die häufig den Job wechseln und zwischendurch ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko haben –, aber wenn Arbeitslosigkeit eintritt, sind die Rückkehrmöglichkeiten schwieriger geworden. Das gilt jetzt gerade in der Hochkonjunktur ein bisschen weniger, aber in der Phase mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten hat sich die Arbeitslosigkeit verfestigt.

Arbeitslosigkeit ist kein Randphänomen. Wir haben eine Untersuchung gemacht, wonach im Verlauf von zehn Jahren knapp die Hälfte der Arbeitskräfte, die auf dem Markt sind, von Arbeitslosigkeit betroffen war. Aber es ist auch stark konzentriert. Rund sechs Prozent der Arbeitskräfte tragen die Hälfte der Arbeitslosigkeitslast, wenn man es in Tagen misst. Ein weiterer langfristiger Trend betrifft die Jugendlichen: Die Einstiegsphasen in den Arbeitsmarkt sind schwieriger geworden und werden häufiger durch Arbeitslosigkeit unterbrochen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 46 2018