Angola: Nachkommen von Sklaven und Kolonialherren spielen in einem WM-Team

Besonderes Duell bei Angola gegen Portugal Historie: Lissabon um Wiedergutmachung bemüht

Was wäre der brasilianische Fußball wohl ohne Angola? Bis zu drei Millionen Sklaven - so viel wie aus keinem anderen Land - haben die Portugiesen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert von ihrer afrikanischen Kolonie auf die andere Seite des Atlantik verschifft. Der bitterarme Staat leidet noch heute unter den Folgen der brutalen Kolonialherrschaft, die erst vor 30 Jahren zu Ende ging. Mit großzügiger Entwicklungshilfe in Angola versucht Portugal zumindest einen Teil des historischen Unrechts wieder gut zu machen. In der Vorrunde treffen die beiden Länder in der Gruppe D aufeinander.

Als die portugiesischen Eroberer im 15. Jahrhundert die Westküste Afrikas in Besitz nahmen, waren sie eigentlich auf der Suche nach Gold. Bald jedoch stellte sich heraus, dass der Menschenhandel ein viel einträglicheres Geschäft ist. 1575 gründeten die Portugiesen in Luanda (der heutigen Hauptstadt Angolas) eine Kolonie, die zum wichtigsten Umschlagplatz für den Handel mit Menschen wurde. Im Hinterland des schmalen portugiesisch kontrollierten Küstenstreifens wurde der "Rohstoff" für den Sklavenhandel beschafft.

Der Verlust Brasiliens und die weltweite Ächtung der Sklaverei bewog die Portugiesen ab 1830 zu einer Ausdehnung ihrer Herrschaft ins Landesinnere. Auf riesigen Plantagen und in Bergwerken konnte die Gratis-Arbeitskraft der "Untermenschen" nämlich weiter ausgebeutet werden. Erst 1961 wurde die Zwangsarbeit abgeschafft, nachdem bei der blutigen Niederschlagung von Revolten auf Kaffeeplantagen 50.000 Menschen ums Leben kamen.

Gänzlich unter portugiesische Kontrolle gelangte des Gebiet des heutigen Angola erst in den 1920er Jahren - nach jahrzehntelangen Kämpfen mit afrikanischen Stämmen. Um die Kolonialherrschaft zu festigen, wurden auch Portugiesen aus dem Mutterland angesiedelt, die zeitweise fünf Prozent der angolanischen Bevölkerung ausmachten.

In den 1950er Jahren begannen mehrere Rebellengruppen den Kampf für die Unabhängigkeit Angolas. Den Weg dafür machte erst der Militärputsch gegen die faschistische Diktatur in Portugal im Jahr 1974 frei. Die neuen Machthaber legten keinen Wert mehr auf die verlustreiche Kolonie und zogen überstürzt aus Luanda ab, was ein Machtvakuum zurückließ. Ein 27 Jahre dauernder Bürgerkrieg zwischen der marxistischen Befreiungsbewegung MPLA und den Unita-Rebellen mit rund einer Million Toten war die Folge. Bis zum Ende des Kalten Krieges hatte dieser Kampf auch den Charakter eines Stellvertreterkriegs zwischen der Sowjetunion und den USA.

Erst seit Ende der 1990er Jahre bemüht sich Portugal wieder um eine Annäherung an seine frühere Kolonie. Den Anfang machte im Jahr 1997 eine als "historisch" bezeichnete Visite des portugiesischen Regierungschefs Antonio Guterres, der mit fünf Ministern, acht Staatssekretären und 65 Spitzenunternehmern nach Luanda kam. Dabei wurde eine Stundung von Schulden im Gegenzug für Öllieferungen an Portugal vereinbart - 2004 förderte Angola erstmals mehr als eine Million Barrel Öl.

Die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zwischen Portugal und Angola sind äußerst eng. Ein Achtel aller EU-externen portugiesischen Exporte geht nach Angola (Ausfuhrvolumen 170 Mio. Euro jährlich), das damit nach den USA der zweitwichtigste Absatzmarkt ist. Das afrikanische Land bezieht fast ein Siebentel seiner Importe aus Portugal. Die portugiesische Entwicklungshilfe betrug im Vorjahr 22,3 Millionen Euro. 27.000 Angolaner leben in Portugal, das ist ein Zehntel aller Ausländer in dem iberischen Land. Von den portugiesischen Ex-Kolonien hat nur der Inselstaat Kap Verde eine größere Gemeinschaft im früheren Mutterland.

Dass die Wunden der angolanisch-portugiesischen Vergangenheit langsam verheilen, zeigt ein Blick auf den Kader der angolanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM. In diesen haben sich mit Tormann Joao Ricardo (33) und Mittelfeld-Spieler Figueiredo (36) auch zwei Weiße "verirrt". Die gebürtigen Angolaner flüchteten nach der Unabhängigkeitserklärung 1975 mit ihren Eltern nach Portugal. Am Sonntag kämpfen die beiden "Kolonialistenkinder" im angolanischen Dress für einen Sieg gegen die frühere Kolonialmacht.

(apa)