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Schule: Die drei großen Tabus

Bildungsexperte Andreas Salcher über falsch gesetzte Maßnahmen und dringend notwendige Reformen

Schule © Bild: iStockphoto/Imgorthand

Das österreichische Bildungssystem ist zwar das zweitteuerste Europas, allerdings nicht das zweitbeste - oder gar beste. Es läuft also etwas klar falsch an den heimischen Schulen, wie auch Bildungsexperte Andreas Salcher im Interview mit News.at bestätigt. Um das zu ändern, müssten die drei großen Tabus in Angriff genommen werden, sagt er. Doch welche sind das – und wie kann eine zukunftsfähige Schule aussehen?

Herr Salcher, Sie haben 2008 das Buch „Der talentierte Schüler und seine Feinde“ veröffentlicht – und es 2019 neu überarbeitet noch einmal publiziert. Warum? Und was hat sich in diesen elf Jahren an Österreichs Schulen verändert?
Andreas Salcher: Weil die entscheidendste Zahl leider fix geblieben ist: Genauso wie vor elf Jahren kann auch heute jeder fünfte 15-Jährige nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen und beherrscht die Grundrechnungsarten nicht. Das ist erschreckend. Seit 2008 wurde eine Vielzahl sehr teurer Maßnahmen gesetzt– aber leider keine, die ein Schulsystem verbessern.

Zum Beispiel?
Wir haben die Neue Mittelschule - inzwischen wieder Mittelschule - eingeführt mit zwei Lehrern in den Hauptgegenständen. Das hat das System wesentlich verteuert aber in keinster Weise verbessert.
Wir haben die Klassenschüler-Höchstzahl flächendeckend auf 25 reduziert – gegen jeden internationalen Befund. Wenn man Klassen reduziert, muss man auf zwölf reduzieren, damit sich die Pädagogik wirklich ändert. Daher sollte man das gezielt in Brennpunktschulen machen.
Wir haben Bildungsstandards und die Zentralmatura eingeführt, haben ein Autonomiepaket und theoretisch ein neues Lehrerdienstrecht gemacht, aber alles sehr halbherzig und es nie konsequent umgesetzt. Dafür wurden die drei großen Tabus unseres Schulsystems nicht angegriffen.

Welche sind die drei großen Tabus unseres Schulsystems?
Das sind drei Dinge auf politisch-struktureller Ebene: Wir brauchen ein Lehrer-Bild, das dem 21. Jahrhundert entspricht. Und das besteht nicht darin, dass man bis zu 22 Gegenstände in abgehakten 50-Minuten-Einheiten in kleine Kinder hineinzustopfen versucht. Ein Lehrer im 21. Jahrhundert hat auch einen modernen Arbeitsplatz, arbeitet in Teams und ist acht Stunden pro Tag in der Schule.

Das führt zum zweiten Punkt: Wir brauchen ein ganztägiges Schulsystem und zwar echte Ganztagsschulen. Das ist ganz wichtig für die sogenannten Bildungsfernen. Wer soll denn sonst mit diesen Kindern am Nachmittag lernen? Die Eltern können es nicht, weil sie die Sprache oder Mathematik nicht beherrschen und für Nachhilfe ist weder Geld da, noch der Wille, dafür etwas auszugeben.

»Wir müssen viel mehr Geld in unsere Kindergärten investieren«

Der dritte Punkt: Wir müssen viel mehr Geld in unsere Kindergärten investieren, denn dort lässt sich mit geringem Aufwand ein maximaler Bildungsnutzen erzielen. Startnachteile, Sprache, soziale Nachteile können dort einfach kompensiert werden. Und gerade da sind wir leider ganz schlecht. Im Schnitt fallen auf eine Pädagogin und eine Hilfskraft 21 Kinder! Wir haben die kleinen Klassen dort, wo es nichts bringt, zum Beispiel in der AHS-Oberstufe. Zudem sind wir eines der der wenigen Länder, in dem die KindergartenpädagogInnen nicht akademisch ausgebildet sind.
Als externer Experte habe ich dazu beigetragen, diesen Punkt ins Regierungsprogramm aufzunehmen, aber Länder und Gemeinden wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, ElementarpädagogInnen aufzuwerten, sprich ihnen mehr zu bezahlen.

Gibt es auch etwas, das gut funktioniert an Österreichs Schulen?
Gut ist relativ, aber entgegen allen öffentlichen Behauptungen haben wir zum Glück genug Lehrer und auch genug Geld. Nur verbrennen wir das Geld eben an völlig falschen Dingen. Tendenziell haben wir natürlich, zehrend von den Leistungen der Vergangenheit, noch immer ein sehr hohes Bildungsniveau. Allerdings immer stärker auseinanderklaffend zwischen den Bildungsschichten und den Bildungsfernen. Und diese Kluft wird immer größer.

»Der Schüler entscheidet selbst, in welcher Geschwindigkeit er welche Themen in Teams erarbeitet. «

Ein wichtiger Punkt in Ihren Forderungen ist es, nicht zentrale Lehrpläne einfach über alle Kinder „drüberzustülpen“, sondern individuelle Lehrpfade für jedes Kind zu entwickeln. Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?
Das große Problem beginnt ab der Mittelstufe. Mit dieser völlig verrückten Zerteilung der Welt in bis zu 22 Gegenstände, verpackt in 50-Minuten-Einheiten. Hier wäre es notwendig, viel größere Flächen zu machen, zum Beispiel Science (Wissenschaft). Und diese dann in Lernbüros zu erarbeiten: Das heißt, der Schüler entscheidet selbst, in welcher Geschwindigkeit er welche Themen in Teams erarbeitet. Der Lehrer soll nur zur Verfügung stehen, wenn Schüler nicht mehr weiterkommen. Kombiniert wird das mit einem „persönlichen Coach“; einem Lehrer, der sich mit einem Schüler zusammensetzt und den Fortschritt sowie die Probleme bespricht und Unterstützung anbietet. Und: Der Schüler meldet sich selbst zur Prüfung, wenn er meint, den Stoff verstanden zu haben.
Digitale Möglichkeiten können diese Individualisierung zudem noch verstärken. Die Kombination all dieser Dinge kostet übrigens nicht mehr.

Auch in Sachen Bewegungsdrang ist jedes Kind individuell…
Ja, ein großer blinder Fleck in unserem Schulsystem ist, dass Kinder kleine Menschen mit einem Körper sind. Diese Körperlichkeit verdrängen wir völlig, aber sie wäre ganz wichtig. Wir bringen ja nicht einmal die tägliche Bewegungseinheit zusammen. Und bestimmte Kinder können nur in der Bewegung lernen. Aber das lässt unser Schulsystem ja fast nicht zu.

»Das, was auf der Schule drauf steht ist nicht so entscheidend, wie das, was in der Schule passiert. «

Dass sich das gesamte System schnell ändert, ist wohl unwahrscheinlich. Welchen Schultyp würden Sie nach derzeitigem Stand empfehlen, um auf die Individualität der Kinder besser einzugehen?
Das, was auf der Schule drauf steht ist nicht so entscheidend, wie das, was in der Schule passiert. Niemand hindert einen Direktor daran, eine herausragende Schule zu machen oder den Deutsch- und Geschichtelehrer daran, ihre Stunden zusammenzulegen. Allerdings stoßen selbst herausragende LehrerInnen und DirektorInnen sehr schnell an die Grenzen der Spielregeln.
An sich muss man zwischen dem großstädtischen und dem ländlichen Bereich unterscheiden. In Wien geht mehr als jedes zweite Kind in eine AHS-Unterstufe und wir haben die absurde Situation, dass die Gesamtschule voll verwirklicht ist. Das ist das Gymnasium für die Bildungsschichten in seiner schlechtmöglichsten Form, nämlich nicht leistungsdifferenziert dafür sozial ungerecht. Denn die zweite Gesamtschule ist sozusagen die Mittelschule, böse formuliert der „B-Zug“ der ehemaligen Hauptschule für die Bildungsfernen.

Im ländlichen Bereich funktioniert die Mittelschule besser, allerdings gibt es auch dort eine ganz starke Tendenz, das Kind aufs Gymnasium zu schicken. Nicht sehr sinnvoll, weil die gute Mittelschule am Land mit engagierten Lehrern und mit kleinen Klassen wahrscheinlich leistungsstärker ist als irgendein vollgestecktes Gymnasium.

Dazu auch interessant: Die richtige Schule für Ihr Kind - Darauf kommt es an.

Andreas Salcher
© Ecowin Verlag Andreas Salcher: "Herausragende LehrerInnen und DirektorInnen stoßen sehr schnell an die Grenze der Spielregeln. Deswegen forde ich eine Änderung der Spielregeln.

Ab welchem Alter würden Sie Ganztagsschulen empfehlen?
Auf alle Fälle ab der Mittelstufe, sprich ab zehn Jahren, wobei für die Bildungsfernen muss das in Wirklichkeit ab der Volksschule passieren. Sonst bewegen diese Kinder sich in einem völlig fremdsprachigen Kulturraum. Das heißt nicht, dass Volksschüler bis 16.00 Uhr in der Schule bleiben sollen aber es sollte ein gemeinsames Essen geben, das hat auch eine soziale Komponente und die ist sehr wichtig.

Zum Thema: So motivieren Sie Ihr Kind zum Lernen

Aber würden Sie das damit trennen, Ganztagsschule für die Bildungsfernen und für die anderen nicht?
Nein, natürlich nicht. Ich würde den Eltern eine Wahlmöglichkeit bieten, aber ich würde ein Anreizsystem für Bildungsferne schaffen wie etwa ein kostenloses Essen für die Kinder. Und wenn es den Kindern gefällt, dann wird das auch einen gewissen Druck auf die Eltern ausüben. Die Bildungsschichten geben ihre Kinder ohnehin eher in eine Ganztagsschule.

Gerade in der Stadt ist die hohe Rate der nicht Deutsch sprechenden Schüler ein Problem. Was wäre hier Ihr Lösungsansatz abgesehen von Ganztagsschulen?
Es gibt genug Beispiele, die uns zeigen, wie man es besser machen kann. In Kanada etwa sprechen die Kinder der Einwanderer teilweise besser Englisch als die in Kanada geborenen Kinder, denn Integration wird dort nicht nur ausgesprochen, das wird auch praktiziert. Zum Beispiel werden die Eltern stärker eingebunden oder mehr Lehrer aus Migrantenkreisen rekrutiert, die die auf Augenhöhe mit Kindern aus ihrer Kultur umgehen können. Und ElementarpädagogInnen werden gleich gut bezahlt wie höhere Lehrer.

Bei uns wurde versucht, die Situation durch Deutschklassen zu verbessern. Eine gute Lösung?
Man muss simpel feststellen, so wie man es vorher gemacht hat, hat es nicht funktioniert. Daher habe ich es für richtig empfunden, Alternativen zu suchen. Es ist natürlich alles ein bisschen überhudelt passiert, aber die Idee an sich ist nicht schlecht. Allerdings müsste man es gezielter machen und nicht nur auf Deutsch reduzieren. Ganz wichtig bei diesen Kindern ist, dass man ihr Selbstwertgefühl stärkt. Wenn man diese soziale Komponente viel stärker hineinbringen würde und auch die Bewegungskomponente, glaube ich, könnte das Ganze besser funktionieren.

Es gibt auch noch die Möglichkeit der Privatschulen. Sind Privatschulen besser als öffentliche?
In Österreich besucht etwa jedes zehnte Kind eine Privatschule, in Wien sogar jedes sechste bis siebte Kind, Tendenz stark steigend! Ob sie pädagogisch besser sind? Das könnte ich vom Schnitt her nicht sagen. Die internationalen Privatschulen spielen natürlich in einer ganz eigenen Liga. Aber die katholischen Privatschulen etwa sind genauso an das Lehrerdienstrecht gebunden wie die öffentlichen. Also zu glauben, dass dort ein schlechter Lehrer gekündigt werden kann, ist eine Illusion. Natürlich kommen dort im Schnitt bessere Schülerleistungen heraus, aber einfach weil die Kinder dort primär aus gebildeten Elternhäusern kommen, die mit ihren Kindern lernen.

» Es hält sich bei Parteien das Gerücht, dass man mit Schule und Bildung Wahlen verlieren aber nicht gewinnen kann.«

Vor kurzem wählte Österreich. Bildung war jedoch kein entscheidendes Thema im Wahlkampf. Warum eigentlich nicht, es betrifft doch so viele?
Bildung hat in keinem der letzten Wahlkämpfe eine Rolle gespielt. Und zwar weil es uns offenbar nicht wichtig genug ist, sonst würden es die Parteien ja aufgreifen. Es hält sich bei Parteien auch ein bisschen das Gerücht, dass man mit Schule und Bildung Wahlen verlieren aber nicht gewinnen kann. Das ist aber nicht meine Meinung. Dazu kommt natürlich noch, dass der Bürger den politischen Parteien ohnehin nicht zutraut, Schule wirklich zu reformieren.

Warum fallen Reformen in der Bildung so schwer – und was bräuchte es, um das Schulsystem wirklich zu verbessern?
Keine der Parteien traut sich, die großen Tabus anzugehen. Die stoßen alle an dieselben Grenzen. Das hat mit der Macht der Länder und mit der eingebildeten Macht der Lehrergewerkschaft zu tun, die extrem ausgeprägt ist. Das ist das wirkliche Problem.
Die letzten Bildungsminister waren außerdem zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahre im Amt. So kann man eine Organisation mit 125.000 Mitarbeitern nicht führen. Man muss einen nationalen Konsens schaffen und gewisse Dinge außer Streit stellen. Dazu gehört für mich ein zeitgemäßes Lehrerbild, das vom Parlament beschlossen werden muss. Außerdem ein Commitment für ganztägige Schulformen, Digitalisierung und die Aufwertung der Kindergärten. Und man muss dazu stehen, egal, wer Bildungsminister wird oder in fünf oder zehn Jahren die Regierung stellt. Das ist meine tiefe Überzeugung. Wenn das nicht gelingt werden wir es nicht schaffen.

»Das Land braucht eine Leitvision. «

Wie realistisch ist so ein Konsens?
Der Problemdruck wird steigen und ich glaube, dass es realistisch wäre. Das Land braucht eine Leitvision. Zu sagen, wir wollen zum Beispiel eine klimaneutrale, umweltpolitisch führende und lernende, leistungsstarke Nation werden, wäre für mich wirklich eine Vision und wer immer dann in der Regierung wäre könnte sich vor Zustimmung wohl nicht retten. Denn die Menschen wollen das sicher.

Zum Autor:

Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und ein kritischer Vordenker in Bildungsthemen. Von 1987 bis 1999 war er Mitglied des Wiener Landtags für die ÖVP und bis 2005 Wiener Gemeinderat. Salcher ist Mitbegründer der "Sir Karl Popper Schule" für besonders begabte Kinder. Seit 2008 engagiert er sich mit seinem "Curriculum Project" für bessere Schulen. 2017 war er als externer Berater bei den Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ im Einsatz. Kurzfristig wurde er auch von Medien als Bildungsminister gehandelt.

Zum Buch:

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Weitere Literatur von Andreas Salcher:

Das erste Buch aus 2008:

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