Andrea Kuntzl: Rote Musterschülerin als Nummer eins auf der Wiener Landesliste!

48-Jährige schert sich nicht immer um Parteilinie

Andrea Kuntzl geht für die Wiener SPÖ als Frontfrau ins Rennen um die Nationalratsmandate. Die frühere Bundesgeschäftsführerin gilt als feinsinnige Intellektuelle, der mancherorts sogar ein zu defensives Auftreten für eine Spitzenpolitikerin attestiert wird. Folgerichtig konnte sich sich in ihrer Zeit als Bundesgeschäftsführerin gegen die robuste Kollegin Doris Bures nie behaupten.

Um die Parteilinie schert sich die Familiensprecherin des Parlamentsklubs nicht immer. Beim Ausländerpaket gehörte sie zu jenem kleinen Grüpplein um Caspar Einem, das der Abstimmung im Parlament aus Protest gegen die Zustimmung der Klubspitze fernblieb.

Die typische SPÖ-Mandatarin ist die gebürtige Wienerin nicht. Kuntzl (48/*31.3.1958) stammt aus bürgerlichem Elternhaus, besuchte brav in Schuluniform das noble Kloster-Gymnasium Sacre Coeur, schlug nach der HAK-Matura ein Soziologie-Studium ein und machte ihre ersten politischen Gehversuche in der Anti-Atom-Bewegung, wo sie Bruno Kreisky als Reibebaum erkannte. Fasziniert hat sie der damalige Kanzler trotzdem, sie schnupperte bei der SPÖ zuerst im Rahmen eines Ferienjobs, dann ging es ab zur jungen Generation, wo sie es bis zur stellvertretenden Vorsitzenden brachte (1989-1991), führend beteiligt war sie am Aufbau der Zukunftswerkstatt (1992-1996).

Dass Kuntzl auch mal Nein sagen kann, bewies die Mutter eines Sohnes schon in jüngeren Jahren. Als Helmut Zilk sie an die Spitze des neu gegründeten Integrationsfonds holen wollte, ohne mit ihr das genau Konzept abzusprechen, lehnte Kuntzl dankend ab. Ja sagte sie dafür, als man ihr 1996 den Job der Bundesfrauensekretärin anbot - und auch als nach dem Untergang der Ära Klima eine Bundesgeschäftsführerin gesucht wurde, verweigerte sich die Vertraute von Wiens Bürgermeister Michael Häupl nicht.

Es folgte vielleicht die schwierigste Phase in Kuntzls Karriere. An der Seite von Doris Bures, die das Vertrauen von Parteichef Alfred Gusenbauer genoss, hatte sie wenig zu lachen. Interna wurden vor ihr verheimlicht, sie zu wichtigen Sitzungen nicht mal eingeladen. Als sich Gerüchte zu häufen begannen, sie würde durch den Burgenländer Norbert Darabos ersetzt, hatte Kuntzl die Nase voll - und ging Anfang 2003 erhobenen Hauptes von sich aus. Die Bundespartei soll diesen Schritt erst aus einer Presse-Aussendung Kuntzls erfahren haben.

Ab nun widmete sie sich voll ihrem Job im Parlament - das Nationalratsmandat hat sie seit Oktober 1999 inne - und wandte sich Familienagenden zu. Zu den Hauptanliegen der Mutter eines Sohnes (Maximilian, geboren 1995) zählen dabei eine Evaluierung des Kindergelds sowie ein Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen. Aufgefallen ist Kuntzl freilich weniger mit diesen Ideen denn mit ihrem Nein zum Fremdenpaket, als sie aus der Parteilinie ausscherte und den strengeren Asylregelungen ihre Zustimmung verweigerte, in dem sie sich bei der entscheidenden Nationalratssitzung krank meldete.

Dass nun gerade die einst von Gusenbauer abgeschobene "Dissidentin" in Ausländerfragen von Wiens Bürgermeister Häupl an die Spitze der Landesliste gehievt wurde, wird bei Insidern wohl für einiges Schmunzeln sorgen. Der Partei sollte es aber nicht schaden, erstens wird dem Wiener Spitzenkandidaten ohnehin weniger Bedeutung zugemessen als den Spitzenleuten in den ländlichen Regionen und zweitens kann die immer ein wenig bürgerliche anmutende Sachpolitikerin Kuntzl als ruhender Gegenpol in einer wohl eher rabiaten Wahlauseinandersetzung in der Bundeshauptstadt durchaus die richtige rote Alternative sein. (apa/red)