Nepps Kampfrhetorik und
das "rechthaberische Wir"

Die Wiener FPÖ wird das Ergebnis der letzten Gemeinderatswahl nach massiven Parteiturbulenzen wohl nicht mehr wiederholen können. Spitzenkandidat Dominik Nepp tritt bis Herbst also zu einer Herkules-Aufgabe an. Aber ist er rhetorisch ausreichend gut gewappnet? Ein Gastbeitrag von Thomas W. Albrecht.

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Analyse - Nepps Kampfrhetorik und
das "rechthaberische Wir" © Bild: APA/Fohringer
Thomas Wilhelm Albrecht ist international renommierter Redner und Life-Coach für Rhetorik & Kommunikation. Er entwickelte einen speziellen Blick auf die Kunst der Rede als Ausdruck von Kultur und Wertehaltungen. In seinem Buch "Die Rhetorik des Sebastian Kurz | Was steckt dahinter?" beschreibt er die Wirkkraft von Sprache, Körperbewegung und Emotion. Er wird gerne gebucht, Menschen und Organisationen bei der Lösung kommunikativer Herausforderungen in Veränderungsprozessen zu begleiten. Mehr Infos unter twa.life/hello

In dieser Analyse geht es ausschließlich um die Sprache, Körperhaltung, Mimik und Gestik von Dominik Nepp, losgelöst von allen politischen Inhalten. Nepps Rede-Verhalten hat im Vergleich zu Michael Ludwig naturgemäß massive Unterschiede.

Dominik Nepp zeigt eine leicht aufgeregte Körperhaltung, als hoffe er, dass seine Botschaften ankommen und sein Publikum so reagiert, wie er es gerne möchte. Seine Stimme wirkt von der Stimmlage etwas zu hoch und im Kehlkopf angespannt. Mit seichten Witzen, sogenannten Kalauern, versucht er meist vergebens, das Publikum zu unterhalten.

Keine emotionale Bindung

Sieht man bei seinen Reden das Publikum eingeblendet, so hat man den Eindruck, dass dieses rein zufällig, ohne besonderen Grund, dabei ist. Es fehlt jede emotionale Bindung zum Sprecher. Nepps Körperhaltung entspricht meist der eines Anklägers: seinen linken Arm immer wieder in einer aggressiven Abwärtsbewegung, die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Faust geformt. Zwischendurch hält er sich gerne am Rednerpult fest.

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Er beginnt seine Reden und Auftritte ohne zu sagen, warum wir ihm zuhören sollten. Er gibt uns keinen Anlass und er verrät nicht den Zweck seiner Rede. Es bleibt somit die Frage offen, warum spricht er zu uns?

Muster aus der Kampfrhetorik

Nepps Reden und Auftritte sind in jeweils in kurze, leicht überschaubare, Abschnitte unterteilt, die sich regelmäßig und mehrfach wiederholen. Sie folgen einer einfachen Struktur: 1) Jemand wird aufgrund des Verstoßes gegen eine Regel angegriffen. 2) Derjenige, der diese Regel verletzt, wird persönlich angegriffen und in einem seichten Witz verunglimpft.

Dieses Muster kennen wir aus der Kampfrhetorik. Arthur Schopenhauer (deutscher Philosoph, 1788 – 1860) hat in der von ihm begründeten Eristik, der Lehre vom Streitgespräch, unter anderem Folgendes dargelegt: Der Angriff auf persönlicher Ebene ist ein Zeichen, selbst auf verlorenem Posten zu stehen. Diese Methode ist sehr beliebt, weil sie jeder ausführen kann. Beispiele sind: „Du hältst Dich doch ebenfalls nicht an Deine Prinzipien.“ oder „Wenn ich die Gesetze machen würde, wären Sie im Gefängnis.“ Tatsächlich hört man bei Nepps Auftritten wenig bis keine sachlich faktischen Beiträge oder Argumente.

Interessant zu beobachten ist, dass Nepp jeweils am Ende seiner kurzen, oben genannten Abschnitte, von einem auf das andere Bein zu wanken beginnt. Es sieht so aus, als hoffe er darauf, das Publikum zum Applaudieren zubringen. Vielleicht bemerkt er selbst, wenn auch unbewusst, die wenig vorhandene Aussagekraft seiner Statements.

Einfach wie das Publikum?

Dominik Nepp spricht in sehr einfacher Sprache und Wortwahl. Das zeugt von seiner Einschätzung, die er über sein Publikum hat. Seine Sätze sind sehr einfach konstruiert und haben die Form eines Ursache–Wirkung – Zusammenhangs. Als Beispiel: „Weil die Regierung das oder jenes getan hat, geht es der Bevölkerung schlecht.“ oder „Wenn wir gewählt werden, dann geht es uns allen besser.“ Wenige bis keine seiner Aussagen werden mit sachlich faktischen Argumenten belegt, sondern dienen offensichtlich dem Versuch einer reinen Stimmungsmache.

Wir hören von Nepp wenig Lösungsvorschläge, wie er, bzw. die FPÖ, die Sache besser machen könnte. Seine Reden und Ansprachen enthalten keinen Call-to-Action. Er verrät uns nicht, was seine Zuhörerschaft tun sollte.

Das "rechthaberische Wir"

Wie wir es von der FPÖ kennen, so geht es auch Nepp hauptsächlich um das Aufstellen und die Einhaltung von Regeln. Wir bemerken ein „rechthaberisches Wir“ in einer pyramidenartigen, hierarchischen Organisation. Es geht um zielbewusste Kontrollprozesse als Basis für unsere menschliche Existenz. Diese Kontrollprozesse können durchaus sehr autoritär gestaltet sein. Nepp versucht in seinen Auftritten die Prinzipien eines „richtigen“ Lebens aus Sicht der FPÖ anhand von Regeln darzulegen, um den Menschen Bedeutung, Kraft und Sinn zu geben. Der Sinn des Lebens bestünde darin, seine Pflicht zu erfüllen, sonst wird man bestraft. Es bedarf sogar sehr genauer Regeln, die am besten in Stein gemeißelt sind. Tatsächlich hört man das Wort „Regel“ sehr oft in Äußerungen von Dominik Nepp und anderen Vertretern seiner Partei.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Dominik Nepps Auftritte von Angriffen auf seine politischen Gegner geprägt sind. In keiner seiner Reden gibt er uns einen Grund, ihm zuzuhören. Die Frage nach dem Warum bleibt völlig unbeantwortet. Die Struktur seiner Formulierungen folgt dem Muster des persönlichen Angriffs. Es geht ihm um die Aufstellung und die Einhaltung von Regeln, die der FPÖ sinnvoll erscheinen, und um den Angriff auf alle jene, die diese Regeln verletzen.

Disclaimer: Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. News.at macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.