Analyse von

Größte Sorge um
das Volkstheater

Analyse - Größte Sorge um
das Volkstheater © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Kay Voges, designierter Direktor des krisengeschüttelten Volkstheaters, gab an der Burg sein Wien-Debüt als Regisseur. Die Kritiken sind verheerend, der Besuch gleicht einer Katastrophe. Hat die Stadtpolitik den falschen Mann nach Wien überredet? Eine Analyse von Heinz Sichrovsky.

Um sich aufdrängenden, möglicherweise sogar willkommenen Missverständnissen vorzubeugen: Ich sehe die vom Burgtheater am 19. Dezember zur Premiere beförderte Weltuntergangs-Performance „Dies Irae – Tag des Zorns" positiver als meine Kollegen von der österreichischen und der deutschen Kritik. Ich fand die vom Regisseur Kay Voges mitverantwortete Textcollage – vom Apokalyptiker Johannes bis Hofmannsthal, Walter Benjamin, Primo Levi und Ferdinand Schmalz – anregend, die von Daniel Roskamp elegant vermüllte Bühne ansehnlich und die Permanenzbeschallung durch den Komponisten Paul Wallfisch unangenehm, aber nicht unmittelbar quälend. Auch konnte ich den finsteren, monumentalen Bildern etwas abgewinnen und will dem Ganzen Rhythmus und Atmosphäre nicht absprechen. Vom Luxusemsemble nicht zu reden: Martin Schwab, Florian Teichtmeister, Dörte Lyssewski, Mavie Hörbiger und Andrea Wenzl schleudern wie die Besatzung eines Katastrophenfilms durch berstende Galaxien.

Andererseits ist das Potenzial an Schauspielkunst weitgehend vergeudet, denn der Regisseur Kay Voges versteht sich als Prophet des digitalen Theaters. Deshalb verräumt er den analogen Menschen in Ecken und Nischen, wenn nicht gar hinter der Bühne, und überträgt das Geschehen auf riesige Videowände. Das rückt selbst ausgewiesene Könner in die aseptische Zweitklassigkeit eines B-Movies (die rufschädigende Prozedur übersteht letztlich nur Martin Schwab mit einer formidablen Todesszene). Die Hauptrolle hat hier die mit schwindelerregendem Aufwand bemühte Bühnentechnik übernommen.

Einer vor allem verdirbt dem Haus die Freude am sauteuren Spektakel: der Zuschauer nämlich, der „Dies Irae" nicht sehen will. Schon die erste Reprise war miserabel besucht, und die wenigen Folgeaufführungen sind so gut wie unverkauft. Das auf der Internet-Seite www.burgtheater.at abrufbare Saalbild zeigt am 28. Dezember und am 6. Jänner alle drei Ränge leer und das Parkett zu einem geschätzten Drittel gefüllt.

© screenshot/Burgtheater Fast leer: „Dies Irae" am 28. Dezember im Burgtheater. Die leuchtenden Punkte zeigen leere Plätze an

Wohin mit dem Volkstheater?

Hier ist kein Unterschied mehr zum krisenzerrütteten Volkstheater zu erkennen. Das trifft sich – leider nur unter dem Blickwinkel bitterer Ironie – insofern gut, als Voges das Volkstheater mit Saisonende als Direktor übernimmt (eröffnet wird umbauhalber erst im Jänner 2021). Die Findungsprozedur durch die Stadt Wien hat Empörung provoziert: Publikumsmagnetische Theatergrößen wie Maria Happel, Andrea Eckert und Paulus Manker hatten sich mit ausgearbeiteten Konzepten einem mehrstufigen Verfahren unterzogen und wurden mit offen abfälligen Begründungen verworfen. An ihrer Stelle keilte man den aus Dortmund scheidenden Voges, der sich bis knapp vor der Bekanntgabe gar nicht beworben (und daher auch kein Konzept) hatte, aber ins Anforderungsprofil einer weltfremden Feuilleton- und Dramaturgenblase passte. Das Volkstheater hatte er nur einmal betreten – als Probenbesucher einer deutschen Festwochen-Produktion. Im News-Gespräch gab er bekannt, a) sein Digital-Konzept auf das Haus übertragen und b) vom derzeitigen Ensemble maximal vier Personen behalten zu wollen. Mit dem letztgenannten Verfahren hat die grundsätzlich kompetente (noch) amtierende Direktorin Anna Badora das Haus ruiniert: Das Wiener Publikum will seine Schauspieler und pfeift traditionell auf Konzepte.

Fassen wir also zusammen: Der neue Volkstheaterdirektor hat soeben als Regisseur in Wien debütiert. Er wurde von der Kritik mit eisiger Häme begrüßt und wird vom Publikum boykottiert. Er kündigt an, den Kardinalfehler seiner Vorgängerin wiederholen zu wollen. Sein Theater ist teuer und das Volkstheater bettelarm – mit dem Aufwand der Produktion „Dies Irae" könnte das Haus vermutlich drei Inszenierungen finanzieren. Im Interview fordert Voges zweieinhalb Jahre Zeit, um sein Konzept beim Publikum durchzusetzen. Abgesehen davon, dass Anna Badora bei Amtsantritt nahezu wortgleich das Nämliche anmahnte, bis das Haus leer war: Das Volkstheater befindet sich in existenzbedrohenden Umständen, und selbst wenn Kulturstadträtin Kaup-Hasler willens wäre, den Status um zweieinhalb Jahre zu verlängern – im Herbst sind Wahlen, nach denen sich die personellen Verhältnisse leicht drehen können. Voges könnte es also vom ersten Tag an mit einem weniger langmütigen Machtinhaber zu tun bekommen. Einem wie Kaup-Hasler, deren Amtsantritt die Direktoren der Kunsthalle und des Volkstheaters und der Intendant der Festwochen nur um wenige Tage überlebten.

Voges ist ein schätzenswerter, interessanter, geachteter und sympathischer Theatermann, aber er hat sich offenbar das falsche Haus in der falschen Stadt aufschwatzen lassen. Die Schlussfolgerungen liegen bei ihm.

Und das Burgtheater?

Übrigens bereitet auch ein Blick auf die nicht Voges-generierten Publikumsverhältnisse des Burgtheaters dezente Sorgen. Die (zugegeben: schwierigen) Wochen zwischen 20. und 31. Dezember und der beginnende Jänner zeigen beunruhigende Auslastungsdefizite auch bei tollen Herbstproduktionen wie „Die Bakchen", „Vögel" und Kusejs „Don Karlos". Die infantile isländische „Edda"-Bearbeitung, Kusejs missglückte „Hermannsschlacht" und der Einakter „Der Henker" wurden praktisch überhaupt nie angenommen. Der Vermerk „Bonuspunkte", der üblicherweise abgespielten Inszenierungen mittels großzügiger Ermäßigungen über die letzten Reprisen hilft, klebt auch auf Produktionen, die erst wenige Vorstellungen hinter sich haben. Dass dem Akademietheater ein prognostizierter Publikumsbummer – „Tosca" mit Birgit Minichmayr und Franz Pätzold – ausgefallen ist, weil der Regisseur lieber einen Film dreht, entspannt die Lage nicht. Andererseits retten drei (von derzeit fünf auf dem Spielplan befindlichen) Kusej-Inszenierungen, nämlich „Faust", „Der Weibsteufel" und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf", die Bilanz. Und die sechste, der aus München übernommene Schwank „Der nackte Wahnsinn", lässt sich vor der Premiere am 31. Dezember hoffnungsvoll an.

Kein dies irae also am Burgtheater. Aber mit Andrea Breth, Joachim Meyerhoff, Nicholas Ofczarek (zwei Jahre Karenz), Sven-Eric Bechtolf, Christiane von Poelnitz und einigen anderen, die nicht mehr da sind, wäre es trotzdem leichter gewesen.

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