An den Folgen eines Schlaganfalls: "Haus der Künstler"-Gründer Leo Navratil ist tot

Entdecker und Förderer der Gugginger Künstler

An den Folgen eines Schlaganfalls: "Haus der Künstler"-Gründer Leo Navratil ist tot

Der Gründer des später als "Haus der Künstler" bekannt gewordenen "Zentrums für Kunst-Psychotherapie" in Maria Gugging (NÖ), Leo Navratil, ist tot. Der Psychiater verstarb 85-jährig in einem Wiener Spital an den Folgen eines Schlaganfalls, bestätigte der Direktor des "Hauses der Künstler", Johann Feilacher, am Dienstag auf Anfrage der APA.

Navratil war Entdecker und Förderer der Gugginger Künstler. Er ließ Ende der 1950er Jahre seine Patienten in der Landesnervenklinik Maria Gugging zu Testzwecken Zeichnungen anfertigen. In den folgenden Jahren fand er künstlerisch Talentierte in seiner Abteilung. 1965 gab er sein erstes Buch "Kunst und Schizophrenie" heraus.

1970 fand die erste Ausstellung der "Gugginger Künstler" in einer Wiener Kunstgalerie statt, der weitere Präsentationen der "Art Brut" folgten. 1981 gründete Navratil das "Zentrum für Kunst- und Psychotherapie". In dieses lud er die künstlerisch talentierten Patienten ein, und es diente ihnen als Wohnhaus, Atelier, Galerie und Kommunikationsraum. 1986 setzte Johann Feilacher das Engagement seines Vorgängers fort und prägte den Begriff "Haus der Künstler". Viele Künstler aus Gugging sind international bekannt geworden, vor allem Johann Hauser, August Walla und Oswald Tschirtner.

"Schizophrene sind Künstler", gab Leo Navratil einmal als sein Motto an. Wahnsinn sei "dienlich dafür, etwas Besonderes zu schaffen". In einem Interview warnte er jedoch: "Heute betrachtet man die Arbeiten psychiatrischer Patienten unter rein ästhetischen Gesichtspunkten. Das finde ich nicht gut. Man darf nicht vergessen, dass es leidende Menschen sind, die diese Kunst hervorbringen."

Leo Navratil wurde am 3. Juli 1921 in Türnitz (NÖ) geboren und war ab 1946 an der Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt Gugging tätig. Die Werke einiger Patienten, mit denen Navratil zu arbeiten begonnen hat, wurden erstmals 1970 in der Galerie nächst St. Stephan ausgestellt. Die Arbeiten erregten in der Kunstwelt Aufmerksamkeit, Navratil erlangte von Jean Dubuffet die Bestätigung, dass seine Patienten Kunst hervorbrachten. Viel beachtet war insbesondere das lyrische Werk von Ernst Herbeck.

1986 ging Navratil in den Ruhestand, blieb aber publizistisch weiterhin tätig (u. a. "August Walla - Seine Leben & seine Kunst", Greno 1988, "Art Brut und Psychiatrie", Brandstätter 1997). Im Juni 2006 wurde unter Anwesenheit Navratils am Gelände der ehemaligen Landesnervenklinik und zukünftigen Elite-Uni das "Museum Gugging - Art / Brut Center" eröffnet.
(apa)