Undercover von

Ich schuftete zwei
Wochen bei Amazon

NEWS schleuste sich beim Versandgiganten ein und zeigt, was keiner sehen soll

Arbeiter schuften im Amazon-Lager. © Bild: Oli Scarff/Getty Images

Am Montag haben Amazon-Mitarbeiter in Deutschland wieder gestreikt. Für bessere Verträge, für erträgliche Arbeitsbedingungen. Ist es um die Zustände beim Versandgiganten wirklich so schlecht bestellt? NEWS-Reporterin Nina Strasser hat 14 Tage im Amazon-Lager in Leipzig geschuftet und dabei Tagebuch geführt.

Tag 1: Ich werde Amazonierin

Für 13 Uhr bin ich für den "Orientierungstag“ bei Amazon Leipzig bestellt, um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Ich bin eine halbe Stunde zu früh dran. In der Kantine, wo ich warte, mache ich mich mit dem Essensangebot vertraut. Putengulasch mit Spätzle um 2,90 Euro ist günstig - für einen Vegetarier wie mich kommt es ebenso wenig in Frage wie Bockwurst oder Hackebällchen. Ich beschließe, dass ich nicht alles testen muss.

Schon Wochen zuvor habe ich bei einem Massenbewerbungs-Tag einen Eignungstest bestanden - und zwar so gut, dass ich mir aussuchen durfte, in welchem von vier Bereichen ich meinen Schichtdienst versehen werde. Zur Auswahl: Receive, Stow, Pick oder Pack.

»Die Arbeitssprache bei Amazon ist Englisch«

Englisch, das muss man wissen, ist bei Amazon Arbeitssprache. Receiver und Packer stehen acht Stunden, Picker und Stower sind acht Stunden unterwegs - das macht bis zu 15 Kilometer am Tag. In einem Amazon-Vorststellungsvideo sagte eine lachende Amazonierin: "Hier spare ich mir sogar das Fitnessstudio.“ Das hat mich überzeugt. Ich habe mich deshalb für Stow, also das Schlichten, entschieden.

Uns wird der Vertrag erklärt, er ist mehrere Seiten lang. Teil davon ist der "Code of Business Conduct and Ethics“. Darin werde ich angehalten, bei der "Ethics-Hotline“ anzurufen, falls ich jemanden beobachte, der in einem Interessenskonflikt mit Amazon steht. Meine Daten werden in Amerika gespeichert. Auch die gesundheitlichen. Ich fühle mich beobachtet - und unterschreibe.

Als wir über die Sicherheitsvorschriften belehrt werden, schläft mein Sitznachbar schon. Wertgegenstände wie Handys dürfen nicht ins Betriebsgelände. Jeder, der die Halle wieder verlässt, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Die funktioniert wie jene am Flughafen, mit dem Unterschied, dass es darum geht, nichts hinaus zu schmuggeln statt eben hinein.

Einem Grufti versichern die Amazon-Mitarbeiterinnen, dass er auch in Warnweste gut aussehen wird. Ich klemme meine neue Amazon-Brotbox unter den Arm und gehe.

Tag 2: Verdienst 9,55 brutto

Ich habe Spätschicht. Start 15 Uhr, Ende 23.30. Hin- und zurück fahre ich je eine Stunde mit der Straßenbahn.

Ich lerne weitere Neuankömmlinge kennen. Eine junge Spanierin ist wegen der Krise nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimat hat sie studiert, hier ist sie froh, einen Job zu haben, in dem sie wenig reden muss. Zwei Mütter aus Leipzig, an die 30 Jahre alt, eine mit einem, die andere mit drei Kindern. Der Mann der zweiten arbeitet ebenfalls bei Amazon. Er in der einen Schicht, sie in der anderen. Sie sehen sich nicht mehr, aber die Kinder sind versorgt.

Je ein Co-Worker lernt ein Grüppchen Neuer ein. Wir sind zu fünft. Darunter eine zierliche ältere Dame, Heike, und Pascal, um die 40, der dauernd zur Toilette muss. 75.000 Quadratmeter ist Amazon Leipzig groß. Pascal nimmt stets Begleitung mit, aus Angst nicht mehr zurück zu finden. Ich habe die Orientierung längst verloren.

Pascal hat Probleme mit den englischen Ausdrücken. Heike kommt mit dem Scanner nicht zurecht. Nach fünf Stunden Belehrungen gähnen wir. Aber alle in meiner Gruppe sind froh, dabei zu sein. Bei Amazon, sagen sie, verdient man sehr gutes Geld.

Als Neue bekomme ich 9,55 Euro brutto die Stunde, nach 12 Monaten kann ich mich auf 10,47 Euro steigern, nach zwei Jahren auf 10,99 Euro. Ich bin auf Job-Level 1, Amazon-Gründer Jeff Bezos hat Job-Level 12 - und geschätzte 27 Milliarden Dollar auf dem Konto.

Kurz nach ein Uhr nachts komme ich nach Hause. Klatschnass, weil es regnet und ich die letzte Straßenbahn verpasst habe.

Tag 3 : das Bonussystem

Beim sogenannten "All Hands“ - einer Mitarbeiterversammlung - spricht der General Manager von Amazon Leipzig. Er trägt Warnweste wie wir und heißt Dietmar. Hier sind alle per Du. Amazon Leipzig versendet in einer Woche der Vorweihnachtszeit im Schnitt drei Millionen Artikel. Dass Kunden denken könnten, es käme wegen Streiks zu Verzögerungen, macht Dietmar wütend. Die Gewerkschaft, stellt er fest, hat das Prinzip der Kundenorientiertheit von Amazon nicht begriffen.

Verständnis hat Dietmar, dass die Mitarbeiter wegen des "PRP“ unzufrieden sind. Dabei handelt es sich um ein Belohnungssystem: Pro Monat gibt es die Möglichkeit, um zwölf Prozent brutto mehr zu verdienen. Aber nur, wenn bei Arbeitssicherheit, Produktivität und Inventurgenauigkeit keine Fehler passieren. Im Oktober gab es ein mageres Prozent Zuschlag. Viele Neue, viele Fehler.

»Im neuen Jahr werden die Leistungsschwachen aussortiert«

Bis zu 3.000 Menschen arbeiten jetzt bei uns. Rund 1.600 sind extra für das Weihnachtsgeschäft dabei. An die 700 sind fest angestellt. Und die restlichen stehen gewaltig unter Druck. Denn wer auf eine unbefristete Anstellung aus ist, muss erst einmal zwei Jahre überstehen und stets die geforderten Leistungslevel bringen. Krank sein ist keine gute Idee. "Jeder ist sich hier der Nächste“, sagt mir einer: "Du musst deine Quote schaffen, nur um das geht es.“ Ich gehe den Job an, als wäre ich auf eine Verlängerung aus.

Die Arbeit ist eine Kombination aus Parkplatzsuche und Tetris-Spielen. Vom so genannten Bahnhof hole ich mein Cart mit sechs oder neun gelben Kisten ab. In diesen liegen Artikel, vom Adventkalender bis zur Zahnbürste. Regale rechts, links, vor und hinter mir. Ich suche eine Lücke, in welcher der Artikel Platz findet, platziere Barbie-Puppen neben Vibratoren, baue Türmchen aus Smartphones. Sieht aus wie ein Durcheinander, ist aber das effektivste System, um auf wenig Platz viel einzulagern.

Sind die Fächer voll, wird es mühsam. Bei leeren Bins bekomme ich Glücksgefühle.

Später sortiere ich Kabel anhand ihrer Strichcodes. Denn merke: Nur weil Artikel gleich aussehen, sind es nicht zwingend die gleichen Artikel. Strichcodes zu vergleichen ist das A und O meiner Arbeit.

Ich scanne, scanne und scanne: erst die Kiste, dann den Artikel, dann das Fach, in das ich ihn einlagere. Wenn ich einen Fehler mache, schreit der Scanner. Nachdenken darf ich dabei nicht. Das reißt mich sofort aus der Konzentration.

Zu jedem Zeitpunkt wird gemessen, wie viele Artikel ich einlagere und wie viele Fehler ich dabei mache. Finde ich keinen freien Platz oder muss jemanden um Hilfe bitten, leidet meine Statistik.

Stets weiß Amazon, wo ich mich in dem Areal aufhalte. Dafür reicht dem Lead, so nennen sie hier den Schichtführer, ein Blick in den Computer. In den Gängen länger als drei Minuten zu plaudern ist tabu.

Zehn Minuten vor Schichtende stellt mich ein älterer Herr zur Rede. 30 Fächer, in denen ich Artikel verstaut habe, hat er kontrolliert, drei waren nicht optimal sortiert. Die betroffenen Fächer nimmt er sofort mit mir in Augenschein. Ich bin motiviert, morgen besser zu sein.

Die Beine tun mir weh.

Tag 4: Wer kauft das alles?

Niemand hat mich gefragt, was ich bisher gearbeitet habe. Das ist bei Amazon egal. Mit unseren Warnwesten sind wir nur rote Blutkörperchen im Amazon-Kreislauf. Genauso sieht es auch aus, wenn ich von oben in die Halle schaue. Und auf langen Förderbändern wird der Verpackungsmüll nach draußen transportiert.

Zwei unterhalten sich, verbotener Weise, im Gang neben mir. Einer war Drucker, erzählt er. Den Job bei Amazon wollte er nur vorübergehend machen. Jetzt ist er drei Jahre hier und hat den Anschluss in seinem Beruf verloren.

Oft frage ich mich, wer das ganze Zeug aus China kauft, das ich stundenlang einsortiere. Irgendwer, der irgendwo ein paar Mal mit dem Zeigefinger auf eine Computermaus drückt - und schon setze ich mich in Bewegung. Obwohl: In meinem vorigen Leben war ich selbst Großkundin von Amazon.

Tag 5: Wir sind Zahnrädchen

Ich habe jetzt Frühschicht. Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr. Um 5.15 Uhr steige ich in die Straßenbahn, die sich schnell mit Kollegen füllt. Draußen ist es dunkel, und drinnen sind die Fensterscheiben beschlagen. Erst als sich die Bahn schlagartig leert, wie eine gut geschüttelte Sektflasche, weiß ich, dass ich da bin.

Vor dem Eingang verteilt die Gewerkschaft Flyer. Wann das nächste Mal gestreikt wird, ist noch ein Geheimnis. Für alle, die auf einen Festvertrag aus sind, wäre es sowieso unklug, sich anzuschließen. Für jene, die nur vor Weihnachten arbeiten wollen, ist der Streik sinnlos. Bleiben die 700 Angestellten. Zwischen 200 und 400 sind am Ende bereit, statt zu scannen zu demonstrieren - bei Kaffee und Bockwurst.

Veteranen tragen T-Shirts mit "7 Jahre Amazon“ - sie sind seit der Gründung des Lagers in Leipzig dabei. Ich empfinde Hochachtung und Mitleid. Schließlich machen manche immer noch die gleiche Arbeit wie ich, die Anfängerin, nach wenigen Tagen.

Amazon ist wie eine große Maschine, und wir Menschen sind ihre Zahnrädchen, die zu funktionieren haben. Mir tränen die Augen vom roten Blitzen des Scanners. Das Geräusch nervt mich sowieso.

Wenn ich in die Straßenbahn steige, geht die Sonne schon wieder unter.

Tag 6: Ich kann nicht schlafen

Heute bekomme ich Feedback. Ein Lead mit Laptop auf seinem Cart informiert mich, dass ich über meiner prognostizierten Leistungskurve liege - pro Stunde verstaue ich fast 200 Artikel. Das ist für die erste Woche gut, aber nur halb so viel wie ein erfahrener Amazonier. Meinen einzigen Fehler habe ich am Mittwoch gemacht, um 16 Uhr. Er zeigt mir sogar das Kinderbuch, das ich vergessen habe zu scannen. Allerdings, so dämpft er meine Euphorie, sage eine gute Woche noch gar nichts aus.

Ich habe Konzentrationsprobleme, weil ich nicht schlafen kann. Manchmal, das habe ich beim Feedback erfahren, werden von den Qualitätskontrolleuren kleine Fallen eingeschmuggelt, um Stower wie mich zu testen. Zum Beispiel: In einer Kiste befindet sich 29 Mal Harry Potter Band eins und einmal Band zwei. Das übersieht ein unaufmerksamer Einschlichter leicht und tippt womöglich 30 Harry Potters Teil eins in den Scanner. Nicht immer macht mich das Schreien des Scanners auf einen Fehler aufmerksam.

Ich bin auf der Hut und orte überall Fallen. 41 Bücher oder 39 Stoffaffen für Hunde - steckt der Quality-Checker dahinter?

Abends creme ich meine rauen Hände ein.

Tag 7: zu langsam für Amazon

Das Feedback zeigt Auswirkungen. Pascal hat aufgegeben, auf eine Verlängerung zu spekulieren. Er macht zu viele Fehler, ist zu langsam. Bei Heike läuft es ähnlich schlecht. Sie ist aber guter Dinge - bleiben mag sie sowieso nicht.

Zwei Lager, in die die Neuen gespalten sind, werden offensichtlich. Da gibt es die einen, die in den Gängen schwatzen und flirten. Und die anderen, die sich die Carts fast aus den Händen reißen, wenn sie auf dem Bahnhof knapp werden. Den Leistungsdruck spürt auch eine der Muttis, mit der ich in der Pause zusammensitze. Entweder sie oder ihr Mann muss die Verlängerung schaffen, sagt sie. Sonst sind beide nächstes Jahr arbeitslos. Ihre Statistik war gut. Darum geht sie heute nicht nach Hause - obwohl sie starkes Zahnweh hat.

Tag 8: sechs Minuten Pause

Meine anfängliche gute Laune ist dahin. Der Umgangston der Leads wird zusehends patziger. Drei Mal werde ich heute angebellt. Einmal, weil ich mich an der Nase kratze, während ich die Stufen hoch gehe. Bei Amazon ist oberstes Gebot, das Geländer zu benutzen. Ich habe es kurz losgelassen.

Ein noch schlimmeres Vergehen ist der vorzeitige Abmarsch in die Pause sowie das zu späte Zurückkommen. Erst die "Pausenglocke“ ist das Startsignal - und je nachdem, wo ich mich auf dem Areal befinde, ist der Gang in die Kantine oder gar ins Freie ein kleiner Gewaltmarsch, den die müden Beine in schnellst möglichem Tempo zu absolvieren haben. 7 Minuten hinaus, 7 Minuten wieder zurück zum Cart habe ich heute gestoppt - inklusive im Spind die Jause holen - bleiben in der ersten Pause der Frühschicht, sechs Minuten Sitzpause, in der zweiten sind es elf. Die Zeit für das Zapfen des Gratis-Kaffees ist nicht inkludiert.

Viele kauen noch, wenn sie durch den Schranken Richtung Arbeitsplatz eilen. Zwei meiner Pausenkolleginnen haben es nicht pünktlich durch das Drehkreuz geschafft - das setzte eine Verwarnung. Bei der zweiten, sagen sie, fliegt man raus.

Vom Leben bleibt mir, seit ich bei Amazon arbeite, nichts übrig. Nach der Arbeit bin ich geschafft. Erste Priorität: Essen besorgen. Die zweite: Schlafen.

Tag 9: ein Zwischenhoch

Ich habe im hintersten Gang des Picktower 1, Level 3, den Schrecken meines kurzen Amazon-Lebens. Ich vergleiche voll konzentriert die Codes von unglaublich vielen schwarzen Handy-Hüllen, als mich aus einem Turm von Stoffhunden einer anbellt.

Das Scannen geht mir leicht von der Hand. Erst quäle ich mich zwar mit den sperrigen Artikeln durch vollgestellte Regale, aber danach vergnüge ich mich in luftigen Schränken bei Buch und Media. Dann geht’s erstmals zu den Nahrungsmitteln, später hantiere ich mit Whiskas und Kitekat.

Wenn ich mir zwischendurch die Hände wasche, rinnt schwarze Brühe in den Abfluss.

Weihnachten rückt näher, schon bald ist eine Überstunde pro Tag verpflichtend. Das heißt, die Frühschicht beginnt um 5.30 Uhr, die Spätschicht endet um 00.30 Uhr. Im vergangenen Jahr gab es daher nur eine Pause - 50 Minuten. Wahrscheinlich wird das heuer wieder so. Ich bin froh, dass ich nicht mehr dabei sein werde.

Mehrarbeit ist unter den Amazoniern beliebt. Ein Feiertag steht an, viele würden wegen der extra Bezahlung gerne Schicht machen. Doch Amazon wird an diesem Tag geschlossen bleiben. In der Vergangenheit gab es auch Sonntags- und Nachtdienste, die besser entlohnt werden. Alles heuer gestrichen. Wahrscheinlicher Grund: Seit heuer gibt es für jene, die länger als ein halbes Jahr dabei sind, bis zu 400 Euro brutto Weihnachtsgeld. Und Amazon spart die Kosten dafür bei den Überstunden. Viele ärgern sich.

Heute musste ich erstmals beim Verlassen der Halle die Hosentaschen umdrehen. Ein Zuckerl, ein OB. Bestanden.

Tag 10: Ich habe Durst

Ich finde meine Amazon-Wasserflasche nicht mehr. Sie ist durchsichtig, damit ich nichts klauen kann. Im Spind ist sie nicht, auch nicht in meiner Mitarbeiterbox aus Karton. Ich frage einen Lead um Rat. Eine neue Flasche, sagt er mir, gibt es beim Eingang. Nur holen darf ich sie mir nicht. Ich soll bis zur Pause warten. Die ist in zweieinhalb Stunden, um 9:10 Uhr. Um in der Pause keine unnötige Zeit zu verlieren, beschließe ich, mir erst nach Schichtende eine zu besorgen.

Nach einer Stunde klebt mir der Mund zusammen und die Zunge schmeckt nach Plastik. In den Gängen ist es warm. Bei der Arbeit schwitze ich. Für jeden Schluck auf die Toilette in den anderen Stock laufen - das tu ich mir nicht an. Brav pilgere ich in der Pause also doch zum Eingang und hole mir die neue Flasche.

Ich habe schon einige Tricks drauf, was das Einlagern betrifft. Im Kampf um die beste Reihe kenne ich kein Erbarmen. Ich lagere vor mich hin. Schweigend. Buch für Buch. Handtuchhalter für Handtuchhalter. X-Box für X-Box. Ich spreche - bis auf die Pause - mit niemanden mehr.

Tag 11: mein Blackout

Die Artikel bei Amazon kommen und gehen wie Ebbe und Flut. Wir stopfen das Amazon-Lager voll wie eine Weihnachtsgans kurz vorm Schlachten. Dann sorgen die Picker dafür, dass in den Fächern wieder Lücken entstehen. An ihrer steigenden Zahl merke ich, dass die Kunden vermehrt auf ihre Computermäuse klicken. Weihnachten naht.

Wie ein Führerscheinneuling im ersten Jahr bin ich anfällig für Unfälle. Ich fühle mich schon zu sicher. Ich ziehe heute meine Bahnen etwa im Erdgeschoß, Level 1. Danach gehe ich zur Toilette im ersten Stock, Level 2. Und arbeite im zweiten Stock, Level 3, weiter, obwohl ich dort gar nicht hingehöre. Dort war ich am Vortag eingeteilt. Optisch sieht es sowieso gleich aus. Es dauert eine Stunde, bis ich den Fehler bemerke.

Wieder Feedback: Ganz sicher bin ich, gute Leistungen abgeliefert zu haben. Ich habe stets von der ersten bis zur letzten Minute alles gegeben. Aber nein. Die Kurve zeigt deutlich: An einem Tag erreiche ich das angeforderte Niveau, am anderen bin ich darunter. Alles in allem bleibe ich knapp unterm Schnitt, der zur Vorwoche angehoben wurde.

Ich liege jetzt bei 218 kleinen Artikel pro Stunde beziehungsweise bei 112 mittleren. Das ist für mein Ausbildungsniveau etwas zu wenig. Fünf schwere Fehler sind obendrein nicht erbaulich. Einer in der Woche wäre noch okay.

Das bringt mich aus der Fassung.

Es gibt keine Pluspunkte beim Finden von Fehlern - etwa wenn ein falscher Strichcode das Harry Potter Buch als Rammstein-CD ausweist, es gibt keine Pluspunkte, wenn ich ein Fach aufräume, das ein Vorgänger im Chaos hinterlassen hat.

Tag 12: Ich gehe, sie bleiben

Mein letzter Tag. Gleich nach dem Morgen-Meeting melde ich mich beim Manager und kündige. Er ist nett, wie es hier fast alle zu mir waren, wünscht mir alles Gute. Meinen Freunden sage ich nichts: Pascal, der mir in den Gängen immer ein Zuckerl zugesteckt hat. Heike, deren ostdeutschen Dialekt ich nie richtig verstanden habe. Die Spanierin, die optisch eher auf den Laufsteg, nicht zwischen die Regale passt. Die zwei Muttis, die in der Pause die Zeit gestoppt haben. Zwei Wochen waren wir ein Team. Morgen werde ich ausschlafen. Sie müssen in die Schicht.

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Kommentare

in usa arbeitete ich für einen ähnlichen betrieb-allerdings in einer wellblechhalle im staat texas-es war nicht unüblich dass es leuten schlecht wurde, da der weg zum ausgang oder der toilette sehr weit war, wurde in leere plastik grated gespien. wer beim scannen pech hatte und diese plastickiste irgendwie schräg durch die waschanlage ging hatte erstmal mind 20 min aus um die artikel (die nicht weggeworfen werden) und sich selbst zu säubern-diese zeit wurde einem als pause angerechnet. in at kenne ich keinen vergleichbaren betrieb

Oh mein Gott, wie schrecklich. 8 Stunden Arbeit am Tag. Ich sollte mich auch aufregen. Wer wird gezwungen dort zu arbeiten, wo es doch bei anderen Firmen Geld für´s Nichtstun gibt? Manche wären in der heutigen Wirtschaftslage froh einen Job zu haben. Und wer wirklich Geld für´s Faulenzen möchte, der muß nur Politiker werden :-)

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Die Dame scheint sich mit geregelter Arbeit nicht anfreunden zu können ;-)

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naja, ich würde eher meinen, nicht mit einem Ameisendasein. Und wenn das weltweit gängige Norm wäre, könnt ma kollektiv aus der Familie der Primaten austreten und uns zu der der Formicidae schlagen.

Und was soll jetzt so schrecklich sein? Schrecklich ist nur wie wenig Lebensstandard man in der EU mit der hohen Bezahlung bekommt.

Wenn man 200 Stunden für 9,55 brutto arbeitet und nach Lohnsteuer - ja man gehört ja zu den bösen Reichen die Lohnsteuer zahlen, Sozialversicherung und Miete fast nichts übrig bleibt ist der Skandal.

Unglaublich! Ich hab gar nicht gewusst dass die Leute beim Amazon so gut haben!
Das sind typisch die west Europea, die einfach nicht gewohnt sind schwer unter Stress zu arbeiten! Tja, wenig arbeiten und viel verdienen wäre besser. Leider sind diese Zeiten längst vorbei! Dass hat die Europächische Union erreicht. Passt nicht? dann Arbeitsplatz wechseln.






1) Fazit also, dass man bei Amazon wie in den meisten Firmen hart für sein Geld arbeiten muss und alles perfekt logistisch geplant ist. Und was soll daran keiner sehen?
2) Bedenklich, dass nicht mal mehr die Story-Titel auf der Startseite auf Schreibfehler überprüft werden. ("Udercover")

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