Altenpflege als Chance für Prostituierte: Austieg aus Sex-Job ist 'auf Raten' möglich

Projektleiterin: "Pflege ist logischer nächster Schritt" Dortmund: Fast alle Prostituierten wollen aussteigen

Als ausweglos gilt die Lage vieler Prostituierter, die aussteigen wollen, doch die 34 Jahre alte Melanie hat es geschafft. In der Dortmunder Mitternachtsmission erzählt die Mutter von zwei Kindern, wie sie im Rahmen des Projektes ProFridA gelernt hat, sich um alte Menschen zu kümmern. Ihr Altenpflege-Praktikum dürfte bald in ein Anstellungsverhältnis umgewandelt werden.

Insgesamt 74 Frauen nehmen an der Initiative teil, die Prostituierten und Gewaltopfern die Chance auf einen Neuanfang geben will. Melanie freut sich vor allem über "den ganz anderen Respekt", den sie jetzt von ihren Kunden erfährt.

Sie kümmere sich um drei ältere Herren, erzählt Melanie. Sie kommt zu ihnen nach Hause, wäscht sie und zieht sie an. "Jetzt werde ich bezahlt und ich sage ihnen was zu sie zu tun haben", sagt die junge Frau mit den müden blauen Augen grinsend.

Doch abgesehen von dem neuen Ansehen, das die Ex-Prostituierten genießen, ist der Job in der Altenpflege nach Einschätzung von Gisela Zohren, einer der Projektleiterinnen, nicht so weit von dem des bezahlten Sex entfernt. "In der Pflege muss man gut mit Menschen umgehen können, man hat oft mit nackten Menschen zu tun, man kümmert sich um Menschen - es ist der nächste logische Schritt", findet Zohren, die selbst 20 Jahre lang im Sex-Geschäft arbeitete.

Die meisten Prostituierten wollen aussteigen
Und ein Ausstieg ist das, was die meisten Prostituierten wollen. Es gebe nur wenige, denen dieser Job wirklich Spaß mache, meint Melanie. Die meisten wollten 'raus. Aber allein ist das nur schwer zu schaffen, weiß Rita Kühn von der Diakonie Westfalen, Chef-Koordinatorin des Projekts.

Deshalb stand am Anfang die Idee, aus möglichst vielen existierenden Einrichtungen ein Netzwerk zu schaffen, das den Aussteigerinnen auf möglichst vielfältige Weise helfen kann: Bildungsträger, Unternehmen, Frauenhäuser, Beratungsstellen. "Die Frauen werden während der ganzen Maßnahme kontinuierlich begleitet, beraten und gecoacht", sagt Kühn. Und es funktioniert: Bis jetzt ist keine Frau aus dem Programm ausgestiegen.

Austieg 'auf Raten' möglich
Ein entscheidender Faktor sei dabei auch die Tatsache, dass von den Frauen kein sofortiger Ausstieg verlangt werde, um am Programm teilzunehmen, sagt Renate Nöbe von der Initiative Madonna in Bochum. Zwanzig Monate dauern die Fortbildungen und Beratungen, bei denen es zunächst um eine Basisqualifizierung in EDV, Deutsch, Englisch und Buchhaltung geht, bevor eine fachliche Qualifizierung im kaufmännischen Bereich oder der Altenpflege angeschlossen wird.

Die Nachfrage sei überwältigend, sagen die Organisatorinnen. Finanzhilfen der EU und des Landes Nordrhein-Westfalen von 1,1 Million Euro machen das Projekt möglich. Ein neuer Jahrgang von Aussteigerinnen könnte im Jänner 2008 beginnen - sobald die Finanzierung gesichert ist. (apa)