Alma Zadic: Zwischen Hass und Hype

Alma Zadic über ihre Image zwischen Hoffnungsträgerin und Feindbild

Hoffnungsträgerin, Politstar, Feindbild: Die aus Bosnien stammende Justizministerin Alma Zadić macht sich auf die Suche nach der Missgunst, die ihr entgegenschlägt - ein Weg zurück in eine finstere Vergangenheit.

von Alma Zadic © Bild: APA/Punz

Die 35-jährige Alma Zadić ist Hoffnungsträgerin und Hassobjekt: Binnen kürzester Zeit avancierte das erste Regierungsmitglied mit "Migrationsvordergrund" (Zadić über Zadić) zum Role Model der jüngsten Einwanderergeneration und zum Star der Grünen. Parallel dazu wurde sie von rechts außen (Identitäre) und rechts (FPÖ) massiv angegriffen und rassistisch und sexistisch beleidigt, in Posts sogar mit Mord bedroht - und steht nun unter Polizeischutz.

Im großen News-Gespräch sucht die Justizministerin nach den Wurzeln des Hasses, der ihr entgegenschlägt. Und zieht dabei einen Bogen von den Kriegserlebnissen ihrer Kindheit im zerfallenden Jugoslawien zu den Alltagsrassismen im Österreich von heute.

Frau Ministerin - haben Sie sich an diese Anrede eigentlich schon gewöhnt?
Es ist schon noch ein wenig surreal, zumal ich jemand bin, der anderen sehr schnell das Duwort anbietet.

Einerseits sind Sie am bisherigen Höhepunkt Ihrer Karriere angelangt, andererseits stehen Sie unter Polizeischutz, weil man um Ihr Leben fürchtet. Beschreiben Sie bitte ein wenig Ihre Gefühlslage.
Am besten kann ich sie am Beispiel meiner Eltern erklären: Als ich Abgeordnete wurde, waren sie unglaublich stolz und voller Freude: "Das Kind ist im Nationalrat, wir sind in Österreich angekommen", so könnte man ihre damaligen Gefühle zusammenfassen. Es war für sie ein starkes Zeichen dafür, dass jetzt auch wir Österreicher sind, immerhin wurde ich ins österreichische Parlament gewählt. Aber jetzt, wo ich Ministerin geworden bin, habe ich gemerkt: Sie sind zwar froh und freuen sich für mich - aber sie haben gleich- zeitig auch Angst. Angst, dass etwas passiert, Angst vor den Reaktionen, den Hassnachrichten.

Sie selbst taugen ja absolut zum Feindbild der Rechten und der Stammtische. Haben Sie lange darüber nachgedacht, was da auf Sie zukommt?
Mir war schon bewusst: Wenn ich annehme, bin ich viel stärker in der Öffentlichkeit als bisher und werde wahrscheinlich auch viel stärker angefeindet. Aber ich bin bekannt dafür, dass ich mich gerne ins kalte Wasser stürze und Neues ausprobiere. Manchmal begebe ich mich selbst in die Grube des Löwen - so bezeichnen das zumindest Freunde.

Haben Sie sofort Ja gesagt?
Ich habe schon darüber nachgedacht, und zwar aus unterschiedlichen Gründen, mich dann aber dazu entschlossen, die Gestaltungsmöglichkeit dankbar zu ergreifen.

Freiwillig in die Löwengrube - aber warum?
Ich habe in meinem Leben nicht immer den einfachen Weg gewählt, deswegen weiß ich: Wenn man etwas verändern will, dann kommt automatisch Widerstand.

Sie sind in den vergangenen Tagen zum Medienstar avanciert -schwingt da bei Ihnen auch ein wenig Eitelkeit mit?
Ehrlich, ich hatte so viel zu tun, dass ich gar nicht dazugekommen bin, die vielen Sachen zu lesen - was den Vorteil hat, dass mir auch nicht die Zeit blieb, all die Hassnachrichten zu lesen.

Aber was löst diesen Hass auf Sie aus -der Umstand, dass Sie Vorurteile widerlegen?
Wo kommt dieser Hass her? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Immerhin hatte ich ja auch mit einigen aus den freiheitlichen Reihen ein gutes Arbeitsverhältnis. Aber die erste Ministerin mit Migrationshintergrund -das ist einerseits ein starkes Zeichen für viele, die ebenfalls eine andere Herkunft oder Religion haben. Andererseits bedeutet es aber eine systemische Veränderung, weil auf einmal wer am Tisch sitzt und mitgestaltet, der das früher nicht konnte oder durfte. Dass Menschen, die nicht hier geboren wurden, trotzdem hier mitgestalten -das ist es, was bei einer kleinen Gruppe von Menschen gewisse Emotionen auslöst. Ich habe in den letzten Tagen aber auch unheimlich viel Solidarität erfahren, besorgte Bürger haben im Ministerium angerufen, das ist schön und unterstützend. Man sieht, dass die Gesellschaft mich durchaus akzeptiert. Aber ein kleiner Teil, dem das nicht passt, schreit laut.

Bei einer Ihrer Reden als Abgeordnete rief ein VP-Mandatar dazwischen: "Wir sind hier nicht in Bosnien!"
Der Abgeordnete hat dann in einem Interview sinngemäß gesagt, er sei ja nicht rassistisch, aber eine Alma Zadić dürfe ihm sein Österreich nicht schlechtmachen. Mir wurde also das Recht abgesprochen, über gewisse Dinge zu reden, da ich ursprünglich aus Bosnien bin. Das entfachte eine breite Diskussion, seither habe ich einen Zwischenruf wie diesen im Parlament nie mehr gehört. Diese Debatte hat dazu beigetragen, dass sich die Diskussionskultur in diesem Zusammenhang zumindest im Parlament verändert hat.

Sie haben mit Hass ja eine relativ lange Erfahrung. Bereits als Sie als Mädchen mit Ihrer Familie aus Bosnien flohen, ging es um das Feindbild bosnische Muslime.
Dabei ist meine Familie ohne religiöses Bekenntnis. Aber ja, gerade in Jugoslawien hat es in den zehn Jahren nach Titos Tod nationalistische Bewegungen gegeben, die versuchten, die Bevölkerungsteile gegeneinander auszuspielen und die Gesellschaft zu spalten. Man hat es geschafft, gewisse Gruppen zu entmenschlichen und eine Angst zu erzeugen, die Nachbarn auf Nachbarn losgehen ließ. Einerseits diese Spaltung, andererseits dieses Spiel mit der Angst vor dem Fremden, vor dem Anderen, sei das nun in Bezug auf die Religion, die Herkunft, die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung - diese Vorzeichen muss man erkennen, und gegen die muss man als Gesellschaft immer wieder aufstehen.

Der Hass von damals und der Hass, der Ihnen heute entgegenschlägt - sind die vergleichbar?
Bis zu einem gewissen Grad ja, auch wenn er zu Zeiten des Jugoslawienkriegs und kurz davor, als ich ein Kind war, wesentlich stärker ausgeprägt war. Und dennoch: In einem der wenigen Hassposts gegen mich, die ich las, stand sinngemäß zu lesen: "Ihr Türken, geht zurück in die Türkei!" Und das ist bezeichnend, weil auch während des Balkankriegs muslimische Personengruppen als "Türken" bezeichnet wurden, um sie so von den "echten" Jugoslawen zu trennen - und es war für mich bezeichnend, dass das jetzt wieder so ähnlich klingt. Dennoch ist mein Gefühl heute ein anderes, weil auch so viel Unterstützung und Solidarität da ist. Allein beim Besuch meiner ehemaligen Wiener Schule - diese Freude bei den Kindern, die oft ja selbst Migrationshintergrund haben, war für mich unglaublich schön.

Im Jahr 1994 haben Sie mit Ihrer Familie Tuzla verlassen. Was sind denn die atmosphärischen Eindrücke des zehnjährigen Mädchens, die Bilder, die Ihnen aus der alten Heimat im Kopf blieben?
Immer wieder wurde Tuzla beschossen, immer wieder heulten die Sirenen. Noch heute erinnere ich mich bei völlig harmlosen Sirenenübungen an damals. Die Sirenen - wie oft sind wir hinunter in den Keller gelaufen und, als es Entwarnung gab, wieder hinaus zum Spielen! Der Mensch akzeptiert das und lebt in diesem Alltag. Natürlich war da auch stets eine gewisse Angst, denn man wusste ja nie, wo die erste Granate vor dem Alarm einschlug. Fiel sie in größerer Entfernung, so lief man in den schützenden Keller - wäre sie in der Nähe gefallen, so wäre es vorbei gewesen. Meine Mama, die damals bei der Baupolizei beschäftigt war, ist damals noch täglich in die Arbeit gefahren, obwohl es völlig absurd war und mitten im Krieg eigentlich überhaupt keinen Sinn mehr machte. Eines Tages kam sie zufällig zu spät - genau an jenem Tag, an dem gegen acht Uhr früh die erste Granate in der Nähe ihres Inspektorats eingeschlagen hatte: Einige ihrer Kolleginnen und Kollegen sind verstorben. Von da an blieb meine Mama zu Hause.

Hatten Sie auch in Ihrem privaten Umfeld Tote zu beweinen?
Ja, als, praktisch in den letzten Kriegstagen, eine Granate mitten in der Altstadt landete: Es war im Mai, der erste laue Abend, ein echter Ausgehabend für junge Leute. 71 Menschen wurden damals getötet, nur acht waren älter als 30. Ich war bereits in Österreich, hatte ein Glück, das andere nicht hatten.

Sie haben sich intensiv mit Hannah Arendt beschäftigt. Als Sie als junge Juristin in Den Haag am Internationalen Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien arbeiteten, waren Sie dort - wie Arendt im Eichmann-Prozess in Jerusalem -mit der "Banalität des Bösen" konfrontiert?
Ja, denn man wächst mit den Bildern des großen, monströsen Bösen auf, das letztendlich zu den Gräueltaten und dem Völkermord in Bosnien-Herzegowina führte. Doch dann stand ich da in Den Haag am Bürofenster und sah, wie man den frisch gefassten Radovan Karadžić überstellte, wie er mit seinem langen Bart und seinen langen Haaren aus dem Wagen stieg. Er wirkte, wie viele andere, so unscheinbar, so ungefährlich wie Menschen, die deine Nachbarn sein könnten. Und dann stellt man sich die Frage: Wie konnte dieser Mensch so weit gehen? Was bringt einen Menschen dazu, den Befehl zu geben, eine gesamte Menschengruppe auszulöschen, oder zumindest den Versuch zu starten, sie auszulöschen. Wie kann eine Gesellschaft so weit kommen, dass Nachbarn auf Nachbarn schießen? Das große Böse kommt in vielen kleinen Schritten, wie Michael Köhlmeier sagte -und das ist so, so richtig! Und es braucht viele kleine Schritte, bis man gegen eine Gruppe von Menschen so vorgeht, als wären sie gar keine Menschen.

Dann kommen Sie als Zehnjährige nach Österreich und sind "der Jugo", der "Tschusch" - was macht das mit einem?
Ich war ein sehr ehrgeiziges Mädchen und gut in der Schule, auch schon früher, in Bosnien, und ich wollte beweisen, dass ich das auch hier kann. Dann wird man aber immer wieder daran erinnert, dass man anders ist, dass man inferior ist und kein gleichwertiger Teil der Gesellschaft.

Und was macht man da?
Es hängt sehr viel davon ab, welche Personen man in solchen Phasen trifft. Zuerst war ich in einer Schule, wo mir eine Lehrerin die Mathearbeit bereits aus der Hand riss, bevor ich beginnen konnte - weil ich sie ja sowieso nicht schaffen würde! Wenn ich in dieser Volksschule geblieben wäre, hätte sich mein Ehrgeiz in Frust verwandelt, ich hätte mich abgekapselt und zurückgezogen, hätte womöglich nicht diesen Drang entwickelt, dazugehören zu wollen. Und ich glaube, dass genau das mit vielen Migrantinnen und Migranten passiert.

Wie haben Sie es geschafft, dieses Gefühl der Ablehnung in positive Energie zu verwandeln?
Zum Glück sind wir vom dritten in den 15. Bezirk gezogen. Bei der nächstgelegenen Schule wollten sie mich aber nicht nehmen, weil sie ohnedies schon zu viele Ausländerkinder hätten. Dann haben wir es in der nächsten Schule versucht, die etwas weiter weg war - und die haben uns sehr herzlich empfangen. Und ich habe von Anfang an Deutschförderung bekommen. Meine Lehrerin etwa sagte für mich extra "Hausaufgabe" statt "Hausübung", weil sie merkte, dass ich das erste Wort bereits gelernt hatte und das zweite noch nicht verstand. Oft sind es nur kleine Gesten und Symbole der Wertschätzung, aber ich glaube, es sind genau diese Kleinigkeiten, die einem die Kraft geben, ein Teil der Gesellschaft zu werden.

Das heißt, die ewige Frage, wie man mit jungen Migrantinnen und Migranten umgeht, ist viel zu groß gestellt, in Wahrheit geht es um kleine Symbole?
Natürlich braucht es einen Masterplan, und für den ist die Politik verantwortlich. Doch in erster Linie bräuchte es die Wertschätzung in der Schule und im täglichen Umgang. Aber wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer mit 30 Kindern alleine in der Klasse ist, dann sind das dafür wohl nicht die idealen Rahmenbedingungen.

Sie setzen nun eine Ausforschungs- und Ermittlungspflicht bei Hasspostings auf Ihre Agenda. Kann man denn Hass dadurch stoppen, dass man ihn stärker und umfänglicher-sanktioniert?
Alltagsrassismus wird man dadurch nicht stoppen können, aber da geht es um mehr: Derzeit ist üble Nachrede oder Beleidigung im Netz, die ja auch wirklich sehr rassistisch oder sexistisch sein kann, ein Privatanklagedelikt. Die Personen, die Anzeige erstatten, sind also auch selbst für die Ausforschung der Täter verantwortlich und somit einem hohen Kostenrisiko ausgesetzt -und das nehmen viele nicht in Kauf; und das ist auch der Grund, weshalb viele Personen das Gefühl haben, einmal, zweimal, dreimal schimpfen zu können, ohne dass ihnen etwas passiert. Aber wenn ich online Personen an den Pranger stelle, sie mit Mord bedrohe, dann ist das ein Delikt, das man bekämpfen kann, indem man es verfolgt.

Patriotismus - können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen oder ist der immer ethnisch konnotiert?
Wenn er ethnisch konnotiert ist, kann ich wenig damit anfangen. Ich persönlich bin sowohl Österreicherin als auch Bosnierin als auch Europäerin. Man kann ja in einer Person unterschiedliche Identitäten haben, das ist kein Widerspruch - ich habe lange gebraucht, um das als Bereicherung zu begreifen.

Aber ist nicht genau das Leitthema der Stammtische: "Na, die ist ja gar keine echte Österreicherin"?
Das schwingt wahrscheinlich mit -so wie es in Bosnien mitschwingt: "Die ist ja keine echte Bosnierin "

Die Debatte um Religion im öffentlichen Raum dreht sich in erster Linie um Kreuze und Kopftücher - nervt es Sie, dass es da nur um äußere Symbole geht, nie um Inhalte?
Ich finde es nicht gut, Religion nur auf Symbolik zu reduzieren. Ich habe einen sehr säkularen Zugang zum Staat und, nicht zuletzt durch die Erfahrungen im jugoslawischen Bürgerkrieg, einen sehr nüchternen Zugang zu Religion. Ich habe Wertschätzung für Menschen, denen Religion wichtig ist, die an etwas Höheres glauben und dadurch geleitet werden. Ich halte aber die Diskussion darüber, welche Religionszugehörigkeit ein Regierungsmitglied hat, für nicht notwendig. Ob jemand an Gott glaubt oder nicht, darf in einem Ministeramt, in einer staatlichen Funktion keinen Unterschied machen.

Und woran glauben Sie?
Ich bin Atheistin. Ich glaube an die Europäische Menschenrechtskonvention.

Das Interview erschien ursprünglich im News 4/2020.