Alfred Zimmermann bringt Strabag auf die Schiene: Schneller, billiger & unabhängiger

FORMAT: 1. Baukonzern Europas mit eigener Logistik Bereits 100 der 600 Strabag-Waggons in Firmenbesitz

Der neue Job scheint Alfred Zimmermann zu bekommen. Entspannt und gut gelaunt erzählt er von seiner "neuen aufregenden Herausforderung", von den vielen Plänen, die er mit seinem Team umsetzen will, und davon, wie sehr es ihn freut, für ein Unternehmen wie die Strabag zu arbeiten.

Alfred Zimmermann bringt Strabag auf die Schiene: Schneller, billiger & unabhängiger

Auch aus Zimmermanns Bekanntenkreis ist zu hören, dass Hans Peter Haselsteiner. der Boss des Strabag-Baukonzerns, von der Arbeit des 56-Jährigen begeistert sei und er ihm freie Hand beim Aufbau der neuen Logistiksparte lasse.

Wilde Streits bei der ÖBB
Dabei war Zimmermann noch vor wenigen Monaten viel eher frustriert als euphorisch. Nach wilden Streits berief ÖBB-General Martin Huber den gebürtigen Wiener 2006 als Vorstand der ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG ab. Zuvor hatte ihm Huber das Vertrauen entzogen und vorgeworfen, umstrittene Geschäfte eines Mitarbeiters gebilligt zu haben. Tatsächlich war die Schlammschlacht Teil des Machtkampfes bei der Bahn - und endete vor Gericht. Disziplinarverfahren und Arbeitsgerichtsprozess gingen zugunsten Zimmermanns aus, der anschließend rund 220.000 Euro Abfertigung kassiert haben soll. Dennoch will er über die Vergangenheit, in der er sich als geschasster Manager in den Medien fand, nicht mehr reden. "Für mich zählt die Zukunft."

Mammutaufgabe für neuen Strabag-Mann
Zeit für Vergangenheitsbewältigung hat Zimmermann ohnehin nicht. "Ich komme zu nichts mehr, auch mein Sportprogramm gerät viel zu kurz", erzählt der leidenschaftliche Golfer. Der Grund für den Freizeitmangel: Im September 2007 war Haselsteiner an Zimmermann herangetreten, um ihn für ein gleichermaßen arbeitsaufwendiges wie prestigeträchtiges Projekt zu gewinnen, die Entwicklung einer Logistiksparte für die Strabag. Zimmermann hat sich, wie er sagt, nicht lange bitten lassen. Bald war man handelseins. Anfang Jänner bezog der Ex-ÖBBler ein lichtdurchflutetes Büro am Strabag-Sitz in Wien-Donaustadt.

Wachsendes Team
Zwölf Mitarbeiter zählt Zimmermanns Logistikteam bereits. Dem Vernehmen nach hat die Strabag den ÖBB dafür weitere Top-Leute abgeworben. Und die werden ihrem früheren Arbeitgeber künftig mit eigenen Strabag-Zügen wohl spürbar Geschäft wegnehmen. Zimmermann: "Wir machen aus der Strabag den ersten Baukonzern Europas, der über ein integriertes Logistiksystem verfügt." Der Transport von Baustoffen soll künftig vom Steinbruch über diverse Zwischenproduktionsstufen - etwa die Lieferung zu Mischanlagen - bis hin zur Baustelle zentral durchorganisiert sein. Was auch die Bauleiter vor Ort entlastet.

Auf rasches Wachstum vorbereiten
"Die Strabag braucht ein perfekt funktionierendes Logistiksystem, um ihr schnelles Wachstum zu bewältigen. Wir haben weltweit 10.000 Baustellen, das jährliche Transportvolumen liegt bei hundert Millionen Tonnen. Da muss straff organisiert werden", erzählt Zimmermann. Umgesetzt wird das Konzept bereits in Polen und Deutschland. In den nächsten fünf Jahren soll es auf ganz Europa ausgedehnt werden. "Es könnte auch sein, dass es etwas länger dauert."

Unabhängigkeit von staatlichen Transporteuren
Im Unterschied zum bisherigen Prozedere wird jetzt genau geprüft, welche Transportmittel sich für welche Güter je nach Region am besten eignen. "Wir überlegen gerade, in manchen Gebieten Flugzeuge einzusetzen, beispielsweise beim Abbau von Baumaterial in hohen Lagen", erzählt Zimmermann. Seinem Chef Haselsteiner geht es neben Zeitersparnis und Kosteneffizienz dabei um Unabhängigkeit, insbesondere von staatlichen Frächtern. Das deklarierte Ziel des Tirolers ist es, zwischen zehn und 15 Prozent aller Transporte über eigene Züge und Lkws abzuwickeln, den Rest größtenteils über private Anbieter.

Gezielte Investitionen
Vor allem in Eisenbahnwaggons will die Strabag investieren. Hintergrund dafür ist auch die Vermeidung von Stau- und Maut- beziehungsweise Road-Pricing-Kosten auf den Straßen. Bereits hundert der insgesamt 600 Strabag-Waggons befinden sich in Firmenbesitz. "Bislang mussten wir aber oft welche von staatlichen Anbietern anmieten, die wegen ihres hohen Eigengewichts nicht ideal waren. Dadurch ging Ladekapazität verloren", sagt Zimmermann. Er meint, die nationalen Bahnen hätten es verabsäumt, effiziente Lösungen zu schaffen: "Die Strabag konnte häufig nur achtzig Prozent der Waggonfläche nutzen. Hinzu kommt, dass die Waggons beispielsweise oft von Kohle verschmutzt waren." Die Strabag wolle künftig leichte, auf das jeweilige Transportgut abgestimmte Waggons fertigen lassen.

Ziel: effizienter, schneller, billiger
Generell gewinnt der private Gütertransport auf der Schiene im Zuge der Bahn-Liberalisierung an Dynamik. Das steht für Zimmermann außer Frage: "Es geht gar nicht anders." Immer mehr Baukonzerne setzen auf eigene Logistik: auch die heimische Porr oder die europäischen Branchenleader Vinci, Bouygues (beide Frankreich) und Skanska (Schweden). "Die Liberalisierung führt zu mehr Wettbewerb und damit zu besseren Preisen", sagt Strabag-Sprecher Christian Ebner: "Wir wollen uns nicht nach den Fahrplänen staatlicher Anbieter richten. Wir alle wissen, wie wenig kundenorientiert dort gearbeitet wird." Nachsatz: "In fünf Jahren wird die Strabag zwanzig Milliarden Euro umsetzen. Dieses Wachstum muss gefördert, nicht gebremst werden."

Wachstumschancen
Erst in der Vorwoche erwarb die Strabag SE mit Sitz in Villach 85 Prozent der deutschen Verkehrswegebaufirma Kirchhoff. Experten, die angesichts der schwachen Margen in Europa vor Zukäufen dieser Größe warnen, entgegnet Haselsteiner: "Gerade wenn alle jammern, muss man kaufen." Der Bau-Tycoon sieht das Jahr 2008 als "Erntejahr für die Strabag". Vor allem in Russland, aber auch in Libyen und dem Mittleren Osten ortet er Wachstumschancen. Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2007 stehen noch aus. Der Strabag-Umsatz dürfte aber nach 9,4 Milliarden Euro auf mehr als zehn Milliarden gestiegen sein. Die Gewinnschätzungen liegen um die 300 Millionen.

Alfred Zimmermann, bei der Bahn nur mit Milliardenzuschüssen konfrontiert, zeigt sich von dieser Dynamik beeindruckt: "Es ist toll, für so ein Unternehmen zu arbeiten." Auch mit seinem für gelegentliche Wutausbrüche bekannten Boss will der Ex-ÖBBler gut zurechtkommen. Viel besser als mit Bahn-General Huber ist das Verhältnis jedenfalls.

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