Alfred Strauch

Zu Gast bei Diktators – Teil zwei.

St. Alfred: Lieber scheinheilig als nicht gesellschaftsfähig.

Alfred Strauch - Zu Gast bei Diktators – Teil zwei.

Obwohl ich während der Kirmes in der Regel kein Fahrspiel auslasse, sind Überlandpartien mit dem Hubschrauber nicht meine Sache. Wer glaubt, man würde in diesen Ventilatoren, die aus unerfindlichen Gründen fliegen können, sanft über das Firmament gleiten, irrt gewaltig. Ab und zu rumpelt es wie damals im Schulbus, als unser Busfahrer in Erwartung seines nächsten Glaserl Weins Vollgas gab und es ihm völlig egal war, dass hinter seinem Rücken die an tonnenschwere Schulranzen geschnallten Kinder quietschend von den Sitzbänken plumpsten. Überdies trägt Kerosin geschwängerte Luft nicht gerade zum Wohlbefinden bei und so wurde es im Heli der Präsidentengattin bald sehr still.

Anfangs hatte mir Asmaa al-Assad in zweihundert Metern Flughöhe noch das eine oder andere Gebäude erklärt. Ich hatte artig genickt und mir immer wieder in Erinnerung gerufen, die sympathische junge Dame nicht versehentlich mit „Mrs. Dictator“ anzusprechen. Was eigentlich sinnlos war, da mein Mikrofon ohnehin nicht funktionierte. Als wir Damaskus hinter uns ließen, verebbte die Konversation langsam aber sicher, wie die Hilferufe der Titanic-Überlebenden. Frau Assads Assistentin und ich schauten angestrengt aus dem Fenster. Mit bleichen Gesichtern betete sie zu Allah und ich zu einer anderen Gottheit, es möge ja kein Malheur passieren. Nur nicht jetzt. Assad, in unsere Mitte, tippte noch einige Minuten tapfer in ihren Blackberry und checkte E-Mails am Laptop, danach wurde auch ihr etwas mulmig. Auch wenn sie das niemals zugegeben hätte. Schweigend knatterten wir über die Wüstenlandschaft Syriens, die sich uns abwechslungsreich wie der Mond darbot. Manchmal erblickte ich symmetrisch angelegte Aushebungen, die wohl für Panzer gedacht waren. Zumindest reimte sich das mein Gehirn so zusammen. Allerdings wagte ich nicht zu fragen. Irgendwo in dieser kargen Einöde musste auch die Baustelle zu jener Atom-Wiederaufbereitungsanlage liegen, die stets von den Israelis bombardiert wird, sobald sich auch nur ein „Betreten-Verboten“-Schild im Wind dreht. Nur die ständige Quengelei meines Fotografen, die Waffe des neben ihm sitzenden Sicherheitsmannes kitzelt ihn an den Nieren, riss mich aus meinen Gedanken, wie vertrackt die politische Lage dieser Gegend war, die unter mir vorbeisauste. „Dem sei’ Puff’n druckt si’ mir ins Kreiz eini“, maulte der gebürtige Tiroler, was in Deutsch unkundigen Ohren ungemein exotisch geklungen haben muss. Immer wenn mein Kollege diesen Satz formulierte, strahlten Asmaa al-Assad und ihre Mitarbeiterin über beide Ohren.

Je weiter wir entlang der Grenze zum Libanon in Richtung Norden vordrangen, desto mehr begannen Häuser und Vegetation erneut das Bild zu prägen. Schließlich erreichten wir die Kleinstadt Homs, drehten eine Ehrenrunde und landeten in einem unscheinbaren Hinterhof. Dort warteten bereits betankt und fahrbereit zwei SUVs. Einer für die First Lady, der andere für uns. Wie nicht anders zu erwarten lenkte Frau Assad ihren Wagen selbst und unserem Fahrer tropften Schweißperlen von der Stirn, als er versuchte das Tempo seiner Pumps tragenden Chefin zu halten. Gefolgt von einer mächtigen Staubwolke rasten wir durch zwei Torbögen. Wie von selbst öffnete sich eine olivgrüne Eisenwand und wir befanden uns im Zentrum des Stadtverkehrschaos von Homs, das nichts für schwache Nerven war. Wir würden ein Schulungszentrum besuchen, in dem „her excellency“ ein Programm initiiert hatte, das Frauen unterstützt ihr eigenes „business“ zu gründen, erklärte die Assistentin und sah mich durchdringend an. Das wäre in Syrien keine Selbstverständlichkeit sagte ihr Blick. Der hohe Besuch war nicht angekündigt, da Assad die Teilnehmerinnen während ihres realen Schulungsalltag beobachten wollte und keinen Wert auf inszenierte Farcen legte. Inoffiziell dürften auch Überlegungen die Sicherheit der Präsidentengattin betreffend eine Rolle gespielt haben, unser Kommen nicht einmal der Schulleiterin mitzuteilen. Was zur Folge hatte, dass die gute Frau in Tränen ausbrach, als die Schirmherrin ihrer Institution das Gebäude betrat. Die Direktorin schaffte es dennoch uns Hände ringend in ein Klassenzimmer zu geleiten. Am Weg dorthin erhielt mein Fotograf drei Heiratsanträge. Meine Wenigkeit wurde lediglich gefragt, ob meine Haare denn auch echt wären und ob man sie anfassen dürfte. Soviel zur Zurückhaltung der syrischen Frau.

Zuerst erstarrte die Klasse in Ehrfurcht, als die Ehefrau des Maximo Leaders ihres Landes durch die Tür lugte. Danach wurden die etwa dreißig anwesenden Damen leicht hysterisch. Eine Reaktion die der Ehrengast in Jeans mit Schmunzeln quittierte und damit beendete, indem er in der Mitte des karg möblierten Raums Platz nahm. Jetzt war sie eine von ihnen und in der Sekunde verflog unter den Anwesenden jede Scheu. Die westlich gewandeten angehenden Business-Ladies waren gerade dabei im Rollenspiel verschiedene Verhandlungsstrategien zu simulieren und setzten ihre Darbietungen umso enthusiastischer fort, weil Asmaa al-Assad lautstark Ezzes gab. Es wurde gekichert, gelacht, gekreischt. Obwohl Assads Assistentin gewissenhaft übersetzte, bekam ich nur die Hälfte mit. Für mich interessierte sich niemand mehr und das war gut, denn mich beschlich nicht das Gefühl der potjomkinschen Fassade einer Partei-Veranstaltung beiwohnen zu müssen. Als wir nach über einer Stunde das Gelände wieder verließen, war allerdings der Teufel los. Die gesamte Stadt war auf den Beinen. Zwar hatte ich zuvor weit und breit kein Telefon erblickt, aber auf die kommunikationsfreudigen Syrier war Verlass. Kurzfristig wurde die Assad ins Büro der Direktorin bugsiert, damit ihre Sicherheitsbeamten einen Plan aushecken konnten, wie ihr zierlicher Boss wohlbehalten zu ihrem gepanzerten Fahrzeug gelangt. Im Hof warteten geschätzte 500 Menschen, die auf lautstarke arabische Art „Asmaa“ skandierten. Letztlich wurde es ihr zu bunt und die erste Frau im Staate schritt erhobenen Hauptes durch den Haupteingang. Binnen Sekunden war sie umringt von Menschen, die die im fernen Damaskus lebende Präsidentengattin einfach nur berühren wollten. Was sie zu meinem Erstaunen auch taten. Und zwar gar nicht zimperlich. Ich selbst bewegte mich entlang des Außenrands der wogenden Menge, in deren Mitte ich keinen Augenblick Luft bekommen hätte, und beobachtete wie eine Formation von Bodyguards in einem beinahe unerkennbaren Oktagon per Augenkontakt das Überleben der First Lady gewährleisteten. Manchmal wurde jemand sanft beiseitegeschoben, ansonst verhielten sich die Männer so, als wären sie ebenfalls gekommen, der Besucherin aus dem Präsidentenpalast zu huldigen. Wir saßen längst im, für mein Empfinden, sicheren Helikopter, als ich Frau Assad fragte, ob sie auf dem Schulhof keine Angst gehabt hätte. „Das sind meine Leute“, antwortete sie. „Warum hätte ich Angst haben sollen?“

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