Menschen von

"Die Menschen möchten
Geschichten erzählt bekommen"

Alan Rickman spricht über seinen neuen Film "Die Gärtnerin von Versailles"

Alan Rickman © Bild: imago/Future Image

Gleich, ob als düsterer Zauberer in „Harry Potter“, sadistischer Sheriff in „Robin Hood“ oder brutaler Gangster in „Stirb langsam“ – wenn Hollywood einen Bösewicht mit Anspruch und Stil sucht, greift es gerne auf einen Mann zurück: Alan Rickman, 69 Jahre alt und einer der erfolgreichsten Briten in der Stadt der Träume. In seinem neuen Film „Die Gärtnerin von Versailles“ hingegen zeigt sich der Schauspieler mit der sonoren Stimme und dem markanten Gesicht von seiner romantischen Seite: In seiner zweiten Regiearbeit erzählt Rickman die Geschichte der unkonventionellen Gärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet), die in Versailles einen Barockgarten bauen soll – und sich dabei in den obersten Gartenarchitekten (Matthias Schoenaerts) Ludwig des XVI. (Alan Rickman) verliebt.

Was hat Sie überzeugt bei „Die Gärtnerin von Versailles“ Regie zu führen?
Alan Rickman: Ich habe das Drehbuch und die Sprache in der die Dialoge verfasst sind sofort geliebt. Ludwig XVI. wollte ein prächtige, eine phantastische Welt schaffen, eine Art Zirkus. Zugleich hat er sich aber auch nach Einfachheit, nach Schlichtheit gesehnt – all das wollte ich im Film zeigen.

Rund um Ludwig wurde ein Personenkult geschaffen, der in gewisser Weise an heutige Filmstars erinnert. Wie gehen Sie persönlich mit all der medialen Aufmerksamkeit um?
Die meiste Zeit des Jahres lebe ich in London und habe dort ein komplett normales Leben. Aber es stimmt: Viele Stars bauen sich ein großes Haus, ziehen einen hohen Zaun rundherum. So zu leben würde mir Sorgen bereiten. Doch manchmal hat man offenbar keine andere Wahl.

Leben Sie deshalb auch in London? Um ein normales Leben zu haben, das in den USA in dieser Form nicht möglich wäre?
Ich habe auch sehr gute Freunde in den Staaten, die ein normales Leben haben – allerdings leben sie in New York. Und diese Stadt geht mit Schauspielern und Prominenten sehr entspannt um. Ich lebe selber teilweise dort, man kann einfach ganz normal herumlaufen. Aber natürlich: Paparazzi gibt es überall. Sie verfolgen einen, hängen vor deinem Apartment herum – die normalen Leute auf der Straße tun so etwas nicht.

Was halten Sie von dem ganzen Paparazzi-Business?
Ich habe damit nicht viel Erfahrung, aber ich kann mir nicht vorstellen wie es ist permanent von Fotografen verfolgt und fotografiert zu werden. Ich meine, wieviele Fotos von einer Person kann man überhaupt machen? Ist das wirklich nötig?

Das hat sich mit all den Smartphones auch sehr verändert. Heutzutage kann jeder überall Fotos machen.
Ich finde, dass es zu Pflicht werden sollte, dass wir alle einmal pro Woche auf unser Smartphone verzichten. Damit wir wieder den Kopf heben, uns die Welt um uns herum anzuschauen und Fragen zu stellen. Das haben viele Menschen verlernt, weil sie nur noch auf ihre Smartphones starren, um dort Antworten zu erhalten.

Ist das mit ein Grund dafür, dass Kostümfilme wie „Die Gärtnerin von Versailles“ oft großen Anklang beim Publikum finden? Weil sie eine Flucht in einer andere Welt sind?
Vielleicht. Wobei es nicht unbedingt eine Flucht sein muss. Ich hoffe die Menschen sehen sich meinen Film an, weil sie etwas Wahrhaftiges suchen. Und ich wünsche mir, dass sie beim Zuschauen an Menschen erinnert werden, die sie aus ihrem persönlichen Umfeld kennen.

Neben der Liebesgeschichte spielt auch künstlerische Freiheit eine zentrale Rolle in Ihrem Film. Wie groß ist die im Filmgeschäft in Zeiten, in denen immer mehr gespart wird? Hat sich das Geschäft sehr verändert?
Ach, das verändert sich doch permanent. Nehmen Sie nur die Computergrafik. Heute wird so vieles im Film am Computer geschaffen, was vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Außerdem wechseln immer mehr Drehbuchautoren zum Fernsehen. Man hat dadurch mehr und mehr Sorge, dass die Menschen die Sehnsucht verlieren ins Kino zu gehen. Dass sie dort sitzen, mit 300 anderen Menschen – und nichts anderes tun, außer sich auf einen Film zu konzentrieren. Denn durch das Fernsehen sind wir es gewohnt, dass wir jederzeit auf den „Pause“-Knopf der Fernbedienung drücken können. Dadurch werden wir aber auch manipuliert und man erlaubt einer Geschichte nicht sich langsam aufzubauen, sich zu entwickeln.

Hinzu kommt, dass wir es kaum noch gewohnt sind einem Film über zwei Stunden zu folgen – weil alle TV-Serien maximal 45 Minuten dauern.
Absolut. Als ich ein Teenager war und ins Theater gegangen bin, war es vollkommen normal, dass ein Stück drei Stunden und mehr gedauert hat. Heutzutage dauert doch kaum eine Inszenierung länger als eineinhalb Stunden – und die Leute denken auch noch, dass das eine gute Sache sei.

Was kann die Kinoindustrie als tun, um in Zukunft neben dem Fernsehen zu bestehen?
Es geht um die Kinobetreiber, die Studios und die Verleiher. Denn Kinobetreiber möchten, dass die Besucher nicht nur für ein Kinoticket Geld ausgeben, sie möchten auch Popcorn und Drinks verkaufen – und, dass die Menschen einen Film öfter als nur einmal besuchen. Das ist alles mit ein Grund, warum derzeit unzählige Actionhelden-Blockbuster gedreht werden – weil man damit viele Leute ins Kino bekommt. Dadurch ist es für kleine Filme wie meinen schwieriger ins Kino zu kommen, weil die Betreiber nicht das Risiko weniger Zuschauer eingehen möchten. Aber die Menschen möchten Geschichten erzählt bekommen. Es liegt in unserer Natur und ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Nur so verstehen wir, wer wir sind, woher wir kommen.

Die „Gärtnerin von Versailles“. Regie: Alan Rickman. Mit: Kate Winslet, Matthias Schoenaerts, Alan Rickman, Stanley Tucci. Seit 30. April im Kino

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