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Die Akte Trump

Donald Trump © Bild: www.PPS.at

Donald Trump ist gerade einmal 50 Tage im Amt, und die Welt ist eine andere. Sein Biograf, der Pulitzer-Preisträger David Cay Johnston, schreibt exklusiv für News einen bestürzenden Befund vom Beginn der Trump-Herrschaft und zeichnet das Porträt eines empathielosen Egomanen.

Im Wahlkampf war Donald Trump unverschämt. Im Weißen Haus agiert er ebenso unverschämt - und manchmal auch ungesetzlich. Wie die Katze das Mausen nicht lassen kann, bleibt Trump ein Bauernfänger erster Güte. Gestützt auf seine Kunst des Täuschens, Ablenkens, des Teilens und Herrschens erschwindelte er sich seinen Reichtum. Nun setzt er dieselben Fähigkeiten ein, um seine Machtsphäre zu erweitern, was dem Familienunternehmen der Trumps dabei hilft, weitere Millionen zu scheffeln.

Trump setzt auf Angst

Sobald Trump im Amt wäre, warnte ich, würde er sich unberechenbar verhalten, weil ihm das grundlegende Wissen und die psychische Robustheit fehlen, um dem hohen Druck standzuhalten, der auf jedem amerikanischen Präsidenten lastet, besonders während einer unerwarteten Krise.

Wie sich Trump im ersten Monat seiner Amtszeit verhielt, offenbarte seine erschreckende Unkenntnis in jedem erdenklichen Bereich, von der Wirtschaft bis zur Geopolitik, von der Gesundheitsversorgung bis zum menschlichen Herzen.

Er ist etwa nach wie vor Pächter des Old Post Office Pavilions in Washington, den er in ein Luxushotel verwandelte, wo sich die Regierungen Kuwaits und anderer Länder einmieten und Partys feiern. Laut Pachtvertrag dürfen gewählte Angehörige der Bundesregierung (Exekutive, Legislative und Judikative) nicht als Pächter agieren, eine Bestimmung, die Trump mit derselben Nonchalance ignoriert, mit der er sich in seinem ganzen Erwachsenenleben über Gesetze, Vorschriften und Verträge hinwegsetzte.

Trump will, dass Sie und alle anderen Angst haben. Menschen, die in Angst leben, verzichten auf ihre Eigenständigkeit und auf ihre Rechte. Trump behauptet, dass nur er Amerika und die Welt retten könne, dass es in vielen Fragen "keine andere Wahl“ gebe, nur die seine. Das ist die Sprache eines Möchtegerndiktators.

Jeder Bundesrichter, der über eine Klage gegen Trumps Dekret verhandelte, das Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern die Einreise in die USA verwehrt, entschied gegen den Präsidenten. Anstatt anzuerkennen, dass sein Dekret gesetzwidrig war, empörte sich Trump per Twitter über "schlechte Richter“. Wenn es zu einem Terroranschlag käme, hätten das die Richter zu verantworten, twitterte er später.

Ebenso ging Trump zum Gegenangriff über, als die "New York Times“, die "Washington Post“ und mein eigenes gemeinnütziges Newsportal, dcreport.org, die engen Verbindungen zwischen Trump, seinem inneren Kreis und russischen Staatsangehörigen aufdeckten. "Fake News“, beklagte er sich, Journalisten bezeichnete er als "Feinde des Volkes“.

Die Russland-Connection

Die Untersuchungen zu den Kontakten zwischen ihm und seinem Wahlkampfteam mit Russland, russischen Nachrichtendiensten und den Oligarchen, im Wesentlichen ein staatlich finanziertes Netzwerk internationaler Verbrecher, bedachte Trump mit verächtlichen Äußerungen. Nichts dahinter, wie er sagt.

Doch als Kandidat rief Trump Russland öffentlich dazu auf, sich in die US-Wahlen einzumischen. Alle 17 US-Nachrichtendienste bestätigen das. Trump stellt das in Abrede: Die Computer des Democratic National Committees, meinte er, könnten ebenso auch von irgendeinem "400 Pfund schweren Typ“ in New Jersey gehackt worden sein.

Als immer mehr Details bekannt wurden, erklärte er schlitzohrig, er hätte keine Geschäftsbeziehungen mit Russland; mit "Russen“ sagte er nicht, wohlgemerkt. Er behauptete auch fälschlich, seit mehr als zehn Jahren nicht einmal ein einziges Telefongespräch mit Russland geführt zu haben, obwohl er 2013 mit den meisten Oligarchen in Moskau zusammentraf und dort wiederholt im TV interviewt wurde.

Trumps Sowjetstrategie

Diese und andere Attacken von Trump gegen die Medien, bei denen er sich selbst als Quelle der Wahrheit in einer Welt voller Lügen präsentiert, stammen direkt aus dem sowjetischen Strategiebuch. Trump, der bei Immobiliengeschäften mit russischen Oligarchen Hunderte Millionen Dollar verdient hat, predigt seit Jahrzehnten, dass man niemandem trauen sollte - eine düstere Sicht auf die Menschheit, die er in seiner kurzen Rede zum Amtsantritt kurz anklingen ließ, zusammen mit seiner Behauptung, er werde dem Verbrechen ein Ende bereiten und für eine florierende Wirtschaft sorgen, wenn sich bloß alle vereint hinter ihn stellten. Wie die Sowjets hat Trump eines begriffen: Wenn keiner mehr dem anderen traut, gewinnen die, die an der Macht sind.

Dass sich Trump über angeblich falsche Nachrichten beklagt, ist mehr als ironisch. Trump war Gast bei "InfoWars“, einer Website, deren Gründer von "überdimensionalen Wesen“ schwadroniert, die insgeheim die Welt beherrschen, abgesehen von anderem verschwörungstheoretischen Unsinn. Trump hat auch falsche Berichte weiterverbreitet, die von "Sputnik“ in die Welt gesetzt wurden, einer russischen Propagandaschleuder. Und er hat auch Informationen auf Twitter veröffentlicht, die sich auf Websites von Verfechtern einer "White Supremacy“, einer "Überlegenheit der weißen Rasse“, zurückverfolgen lassen.

Dann und wann leidet Trump unter Wahnvorstellungen. Er schafft sich seine eigene Wirklichkeit, wie ich es höflich auszudrücken pflege. Sein Umgang mit den Tatsachen lässt sich bestenfalls als "locker“ beschreiben.

Mit den Tatsachen auf Kriegsfuß stehende Aussagen entsprechen einer altbekannten Neigung Trumps, wahnhaften Ideen anzuhängen oder Dinge zu erfinden, die zu seiner Sicht der Welt passen. Als er nur Geschäftsmann war, wurden seine Verrücktheiten noch als unbedeutend oder exzentrisch abgetan; als Präsident sind seine verrückten Behauptungen jedoch von Bedeutung.


Als Präsident setzt Trump Angst als politische Waffe ein. Die von ihm geplanten Massenabschiebungen von Menschen, die sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA aufhalten, haben Latinos in Angst und Schrecken versetzt. Angst hilft Trump dabei, mächtiger zu werden. Dasselbe gilt für die Verunglimpfung der Gerichte und die Attacken gegen einen fundierten und seriösen Journalismus.

Der moderne Rasputin

Ob Sie in München oder Manhattan, in Berlin oder Peking, Wien oder Vancouver leben, eines sollte Ihnen allen ein dringendes Anliegen sein: Dass die Macht Trumps beschränkt oder ihr ein Ende gesetzt wird, insbesondere seiner Macht als Oberbefehlshaber einer Armee, die mehr als ein Drittel der weltweiten Militärausgaben verschlingt.

Am besorgniserregendsten sind jedoch die Ausführungen Steve Bannons, eines reichen Filmproduzenten und früheren Investmentbankers bei Goldman Sachs, vor der größten jährlichen Versammlung konservativer Amerikaner im Februar. Bannon wird von vielen als die wahre Macht im Oval Office betrachtet, als moderner Rasputin, der seinem Führer verrückte und fanatische Ideen einflüstert. Bannon bezeichnet sich selbst als "Leninist“ und behauptet, das heutige Establishment stürzen und den Staat dekonstruieren zu wollen.

"Ich liebe Krieg“

Trump werde jedes seiner Wahlkampfversprechen erfüllen, versicherte Bannon. Hoch oben auf dieser Liste befand sich das Versprechen, Kriege zu schüren und Atombomben einzusetzen. Trump hat sich öffentlichen Gedankenspielen über den Einsatz von Nuklearwaffen hingegeben, und zwar ausgerechnet in Europa.

"Ich liebe Krieg“, erklärte Trump im März 2016. Später versprach er, er werde Teile des Nahen Ostens "in Grund und Boden bombardieren“.

Trump gelobte auch, die Familien all jener zu töten, die er für Terroristen hält, und er forderte, die USA sollten das irakische Öl beschlagnahmen. Beides wären Kriegsverbrechen. Ebenso versprach Trump, "radikale islamische Terroristen“ zu foltern, ein Verstoß gegen US-amerikanisches und internationales Recht.


Folter funktioniert nicht, ihr Ergebnis sind oft falsche Informationen, und sie untergräbt die moralische Autorität der USA. Geschulte militärische Verhörspezialisten können durch geschickte Befragung weit mehr und viel zutreffendere Informationen aus Gefangenen herausholen als durch Waterboarding.

Folter kann ganze Bevölkerungen in Zorn versetzen. Noch beunruhigender ist jedoch, dass Trump als Kandidat versprach, Krieg "auch mit Atomwaffen, ja, auch mit Atomwaffen“ zu führen. Das "Bulletin of Atomic Scientists“ nahm Trump beim Wort. Sechs Tage nach dem Amtsantritt Trumps wurde die symbolische Atomkriegsuhr der Zeitschrift von drei auf nur mehr zweieinhalb Minuten vor zwölf vorgestellt.

40 Tage Ausnahmezustand

Am Tag seiner Rede vor beiden Häusern des Kongresses, am 40. Tag seiner Präsidentschaft, traf sich Trump mit TV-Moderatoren, die zusagten, ihn nicht direkt zu zitieren. Unmittelbar nach dem gemeinsamen Mittagessen überschlugen sich die Meldungen, dass Trump nach Aussagen eines "hochrangigen Regierungsmitglieds“ bereit wäre, illegal Eingewanderten einen legalen Aufenthalt zu ermöglichen, solange sie nicht straffällig geworden wären.

Der Rede Trumps war nichts Dahingehendes zu entnehmen. Bald stellte sich heraus, dass es sich um einen weiteren Versuch Trumps handelte, von seinen Plänen abzulenken und seine glasklare Position zu verschleiern. Dass der Präsident als "hochrangiges Regierungsmitglied“ eine Position vertritt und dann in seiner Rede das glatte Gegenteil, veranschaulicht das Ausmaß der berechnenden Verlogenheit im Weißen Haus. "Vielleicht sollten wir einfach nicht glauben, was sie sagen“, meinte CNN-Moderator John King zu diesen Manipulationen.

Trump versprach, dass die Grenzmauer zu Mexiko - mit voraussichtlichen Kosten in Höhe von Dutzenden Milliarden Dollar - von Mexiko selbst bezahlt werden würde. Nach dem Amtsantritt erklärte Trump, das Geld würde durch Einhebung eines Zolls von 20 Prozent auf Nahrungsmittel und Industrieprodukte aus Mexiko aufgebracht werden. Wie sich daran erkennen lässt, versteht Trump nichts von Wirtschaft, seinem Hauptfach am College. Den Großteil der Kosten des Zolls würden die amerikanischen Verbraucher in Form höherer Preise für mexikanische Waren berappen. Sie würden auch mehr für vergleichbare, in den USA hergestellte Produkte bezahlen müssen, da der Zoll amerikanischen Unternehmen ermöglichen würde, ihre Preise hinaufzuschrauben.

In einem damit zusammenhängenden Schritt trieb Trump seine Agenda der Diskriminierung voran, indem er einen mit Rassismusvorwürfen belasteten Senator aus Alabama zu seinem Justizminister machte. Bald nach der Vereidigung von Jefferson Beauregard Sessions III. zog sich das Justizministerium aus einem Verfahren gegen ein texanisches Gesetz zurück, das es Afroamerikanern und Menschen hispanischer Abstammung erschweren würde, sich an Wahlen zu beteiligen. Mit weiteren Maßnahmen zugunsten Weißer, insbesondere durch die Beschränkung der Wahlrechte von Menschen nicht weißer Hautfarbe, ist zu rechnen.

Die 27-Cent-Witwe

Als Kandidat trat Trump gegen die Wall Street an und versprach, "den Sumpf trockenzulegen“, eine Anspielung auf das, was er als Herrschaft einer korrupten Clique von Politikern und Wall-Street-Bankern in Washington bezeichnete, die den meisten Amerikanern das Geld aus der Tasche zöge. Kaum im Amt, verwandelte er jedoch Washington in ein Schutzgebiet für Milliardäre, das er mit gefräßigen Wall-Street-Alligatoren bevölkerte.

Trump hievte sechs Goldman-Sachs-Veteranen in hohe Positionen, darunter auch den nunmehrigen Finanzminister Steve Mnuchin, dessen Bank sich mit einer aggressiven Strategie Wohnungen und Häuser von Kriegsveteranen und älteren Menschen aneignete, wie aus kalifornischen Gerichtsdokumenten hervorgeht; darunter eine Zwangsvollstreckung gegen eine 90-jährige Witwe wegen 27 US-Cent, die später zurückgenommen wurde.

Selbst sein bester Berater

Gleichzeitig hat Trump Wochen nach seinem Amtsantritt noch 650 der rund 700 hochrangigen Regierungsbeamten zu ernennen, die vom Senat bestätigt werden müssen. Die für Pipelines und Fernleitungsnetze zuständige Regulierungsbehörde der Bundesregierung kann ihrer Arbeit nicht nachgehen, da sie nicht über das nötige Quorum verfügt, solange Trump keine neuen Kommissare ernennt. Trump zwang jeden Botschafter zum Rücktritt, hat in seinen ersten sechs Wochen im Amt jedoch nur sechs davon nachbesetzt und angekündigt, das Budget des Außenministeriums drastisch zu kürzen und die Mittel stattdessen für die Armee zu verwenden.

Von Trump ist noch mehr in diese Richtung zu erwarten, einem Mann ohne Empathie für andere, ohne Kenntnis der Weltpolitik, doch so überzeugt von seiner genetischen Überlegenheit, dass er sich selbst für seinen besten Berater hält.

Das Trump-Buch

Akte Trump
© Ecowin Verlag

David Cay Johnstons Akte Trump (352 Seiten, Ecowin Verlag, € 24,-/ E-Book: € 18,99) ist eine profunde Abrechnung mit einem notorischen Hochstapler, der bis ins Weiße Haus gelangte

David Cay Johnston
Der Autor und Trump-Biograf ist Investigativjournalist. 2001 erhielt er für seine Aufdeckerrecherchen den prestigeträchtigen Pulitzerpreis verliehen. Johnston kennt Trump seit Jahrzehnten und hat ihn mehrfach persönlich interviewt. Schon im Wahlkampf warnte er vor Trumps Persönlichkeitsprofil.

Kommentare

Oliver-Berg
Oliver-Berg melden

Die Welt wäre ohne diesen polternden Ami-Schnösel eine bessere. Aber die Amis wollten jemanden, der es dem Establishment zeigt, der nun aber von der Welt, vom Establishment und von den Medien zerrissen wird. Diese 4 nutzlosen Jahre hätten sich die Amis ersparen können. Das Volk verdient die Politiker, die es wählt. Gilt leider auch für uns Ösis.

parteilos melden

Jemand der die Wahrheit sagt wird sofort an die Wand gestellt? Das ihre Art der Realität? Da staune ich aber.
In Österreich drehen und biegen sich die Politiker um Wörter wie "ZAUN", damit deren Handeln nicht international angeprangert wird? Wir können es "Mauer", "Eierschale" oder sonst wie nennen, der Zweck bleibt jedenfalls der gleiche.

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