Kollektivverträge von

"All In-Verträge breiten
sich aus wie eine Seuche"

Arbeiterkammer warnt: Psychische Belastungen haben stark zugenommen

Eine Frau unterschreibt einen Vertrag. © Bild: Thinkstock

Jeder dritte Beschäftigte arbeitet auch in der Freizeit. 17 Prozent haben kein privates Handy mehr und 11 Prozent einen Dienstlaptop. 18 Prozent der Arbeitnehmer haben einen All Inclusive-Vertrag - also Überstunden fix inkludiert, geht aus einer Umfrage im Auftrag der Arbeiterkammer hervor. "Diese All In-Verträge breiten sich aus wie eine Seuche", meinte heute dazu AKOÖ-Präsident Johann Kalliauer.

Es sei längst nicht mehr so, dass diese Verträge nur Führungskräften angeboten würden. Selbst Facharbeiter würden diese aufgedrängt, was auch an der steigenden Zahl von psychisch bedingten Erkrankungen zum Beispiel bei Bauarbeitern sichtbar sei. Oft sei bei den All In-Verträgen nur schwer ersichtlich welche Leistungen abgegolten werden, so Kalliauer vor Journalisten.

Arbeitslose leiden unter Situation

Doch nicht nur zu viel Arbeit führe zu psychischen Belastungen, auch Arbeitslose würden unter ihrer Situation zusehends leiden. Zwei Drittel der Arbeitslosen würden die künftige Entwicklung der Wirtschaft schlecht einschätzen - bei der arbeitenden Bevölkerung sei das nur ein Drittel.

Die Hälfte der Arbeitslosen erhält unter 825 Euro im Monat. 52 Prozent der Arbeitssuchenden gaben an, mit dem Geld mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Während 39 Prozent der Beschäftigten mit ihrem Einkommen "gut" auskommen, sind es bei den Jobsuchenden nur 4 Prozent.

Schutz vor psychischem Schaden

Überraschend ist, dass nur drei Prozent der Personen, die in der Freizeit arbeiten, dies aus Jobangst tun. Bei einfachen Arbeitern ist dieser Wert allerdings weit höher.

Seit einem Jahr müssen die Arbeitgeber ihre Beschäftigten nicht nur vor körperlicher Gesundheitsbeeinträchtigung, sondern auch vor psychischen Schaden schützen, gab die Organisation "Great Place to Work" in einer Aussendung zu bedenken. "Laut der Novelle des ASchG1 (ArbeitnehmerInnenschutzgesetz), die vor einem Jahr in Kraft getreten ist, muss vom Arbeitgeber geprüft und dokumentiert werden, ob psychische Fehlbelastungen vorliegen und welche Gegenmaßnahmen gegebenenfalls gesetzt wurden", so die Organisation.

WKÖ fordert mehr Flexibilität beim Arbeiten in der Freizeit

Eine neue Dimension des Begriffs "flexible Arbeitszeiten" hat die Wirtschaftskammer (WKÖ) ins Spiel gebracht. Wenn Arbeitgeber die private Nutzung von Diensthandy und -Laptop tolerieren "müssten sie auch eine gewisse Flexibilität der Arbeitnehmer außerhalb der Arbeitszeit erwarten können", so Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik der WKÖ.

Empfehlenswert seien betriebliche Vereinbarungen etwa zur Erreichbarkeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern, die Firmen-Handys benutzen. Eine gesetzliche Regelung will die WKÖ aber nicht. "Dieses Geben und Nehmen zu regulieren, ist weder sinnvoll noch praktikabel", meint Gleitsmann.

Und er setzt nach: "Oder soll der Arbeitgeber privates Telefonieren oder Internetsurfen während der Arbeitszeit von der Arbeitszeit abziehen, und der Arbeitnehmer dienstliche Telefonate außerhalb der Arbeitszeit aufzeichnen?"

"All In": WKÖ lässt Kritik nicht gelten

Kritik an der zunehmenden Zahl von All In-Verträgen lässt die Wirtschaftskammer nicht gelten. "Bei solchen Verträgen liegt die Entlohnung über dem Kollektivvertragsgehalt, wobei der Arbeitnehmer dieses höhere Entgelt auch dann bezieht, wenn gar keine Überstunden anfallen", rechnete Gleitsmann in einer Aussendung vor.

Kommentare

Wolfgang 69

Die "Überzahlung" des Kollektivvertrages ist meist lächerlich gering, im Gegenzug darf man früher kommen oder später gehn und gar nix dafür verrechnen dürfen. Aufmucken? Neuen Job suchen... es lebe "All In" Sklaverei.

"Bei solchen Verträgen liegt die Entlohnung über dem Kollektivvertragsgehalt, wobei der Arbeitnehmer dieses höhere Entgelt auch dann bezieht, wenn gar keine Überstunden anfallen".

Ja vielleicht im Idealfall, in der Realität schauts aber anders aus. Ich selbst bekomme keinen müden Cent dafür dass ich beinahe täglich via Fachportalen auf dem Laufenden bleibe und ständig Bücher lese um mich weiter zu bilden. Auch nicht dafür dass ich öfter mal am Abend oder am Wochende mit der Firma kommuniziere.

Und ich kenne niemand der den gleichen oder einen ähnlichen Beruf ausübt, dem solche Leistungen bezahlt werden. Das gilt als selbstverständlich, ansonsten Abflug, der Nächste wartet schon!

Also braucht der Herr da garnicht gescheit herumrechnen, als Arbeitnehmer sitzt man ja eh meist am kürzeren Ast und muss sehen wo man bleibt.

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