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Ajatollahs gegen Shakespeare

400. Todestag von William Shakespeare: Heinz Sichrovsky über den schwarzen Othello

Heinz Sichrovsky © Bild: News

Wer immer die 36 dem englischen Theaterunternehmer William Shakespeare zugeschriebenen Dramen verfasst hat, war der größte Grenzüberschreiter der Kulturgeschichte. Zu seinem 400. Todestag ist er nun endlich ins Visier der Korrektheitsajatollahs geraten: Sein Othello ist schwarz, er wird im Untertitel explizit als „The Moore of Venice“ ausgewiesen. Nun erheben sich Bedenken gegen die Aufführung wegen „Blackfacing“: Wenn schon, so seien Shakespeares Drama und Verdis Oper schwarzen Titelhelden vorzubehalten. Da es nun vor allem einen solchen Heldentenor innerhalb einer wahrnehmbaren Liga nicht gibt, könnte man sich also aussuchen, ob man Verdis Werk gar nicht oder, wie schon erlebt, widersinnigerweise mit weißem Gesicht spielt. Genetische Selektion hat sich noch nie als tauglich erwiesen: George Gershwin hat seine Oper „Porgy and Bess“ aus ehrbaren Motiven per Verfügung schwarzen Sängern vorbehalten. Der Effekt ist, dass das Werk kaum gespielt werden kann. Überhaupt ist es besser, man stellt sich den quälenden Fragen der Kunst, statt sie auf dem Verordnungsweg zu verdrängen: In Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ wird ein jüdisches Scheusal porträtiert, aber die größten jüdischen Schauspieler und Regisseure – Ernst Deutsch, Fritz Kortner, Peter Zadek – arbeiteten sich atemlos an der Freilegung der Tiefenschichten dieses Teufels ab.

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