Afghanistan von

Der verlorene Krieg

Ein US-Soldat als brutaler Killer in einem Krieg, der längst verloren ist: eine halbe Billion Dollar Kosten, Zehntausende Tote und die Taliban vor der Rückkehr an die Macht.

Afghanistan - Der verlorene Krieg © Bild: Reuters

Nachts soll er seine Basis im Süden Afghanistans verlassen haben. Allein. Im Kampfanzug ins nächstgelegene Dorf marschiert sein. Dorthin, wo untertags seine Kameraden in sogenannten "Stabilisierungsteams“ versuchen, Kontakte zu den Ältesten zu knüpfen, Vertrauen aufzubauen. Eine Basis zu legen, damit die Bewohner nicht länger mit den Taliban kooperieren oder sie decken.

Doch der 38-jährige US-GI, welcher zuvor bereits dreimal im Irak gedient hatte, hatte in der Nacht auf vergangenen Sonntag Gegenteiliges im Sinn. Wie besessen hastete der Soldat, der von seinem letzten Irak-Einsatz ein Schädel-Hirn-Trauma davontrug, von Tür zu Tür. Verschaffte sich mit Gewalt Zugang zu den Häusern und fand die darin Schlafenden.

Stellte sie. Im Blutrausch soll er 16 Menschen erschossen haben . Ihre Leichen türmte er auf und setzte sie in Flammen. Danach sei der Soldat, der seit Dezember am Hindukusch seinen Dienst versieht und selbst angeblich Vater zweier Kinder ist, zu seinem Stützpunkt zurückgekehrt, wo er Stunden später festgenommen wurde.

Das US-Sündenregister
Was am nächsten Tag folgte, kennt man mittlerweile: US-Militärs, die sich entschuldigen. Präsident Obama, der die Nummer seines afghanischen Gegenübers Karzai wählt, um Bedauern auszudrücken und die Morde "schockierend“, ja "abstoßend“ zu nennen.

Und die andere Seite, in Gestalt der radikalislamischen Taliban, die US-Flaggen verbrennen, den "Invasoren“ mit Vergeltung drohen und in der Tat einen Beleg dafür sehen, dass die "sogenannten Friedensbringer wieder einmal ihren Durst mit dem Blut unschuldiger afghanischer Zivilisten gestillt haben“.

Amerikaner wie Taliban - beide haben sie längst Erfahrung mit diesen Gesten, denn die Anlässe dazu häuften sich zuletzt. Zuerst ein "Kill-Team“ aus US-Soldaten, welches aus purer Lust am Morden Jagd auf Zivilisten machte. Dann andere GIs, die einander dabei filmten, wie sie auf die Leichen von Afghanen urinierten. Und zuletzt die "versehentliche“ Verbrennung von Koran-Ausgaben - all das bot genügend Gelegenheit, die Reaktionsmuster zu erproben.

Die Bilanz des Versagens
Jahr 11 des Kriegs am Hindukusch. Er begann kurz nach dem 11. September 2001 mit dem Ziel, das Taliban-Regime zu stürzen. Die Herrschaft jener Radikalfundamentalisten zu brechen, welche der al-Qaida samt Osama bin Laden ihr Land als Zufluchtstätte offeriert hatten.

Die Bilanz seither fällt zwiespältig aus. Wer bloß den Blutzoll betrachtet, sieht auf der einen Seite 2.915 getötete Nato-Soldaten, zwei Drittel davon Amerikaner. Mehr als 10.000 weitere Tote aufseiten der von ihnen aufgebauten afghanischen Armee. Dem stehen an die 40.000 Taliban gegenüber, welche bei Kämpfen umkamen. Die Zahl der getöteten afghanischen Zivilisten liegt laut Schätzungen bei weit über 30.000 Menschen.

Doch das makabere Aufrechnen der Toten täuscht über die wahre Bilanz der "Operation Enduring Freedom“, wie die Amerikaner ihren Feldzug nennen, hinweg. Barack Obama, ganz "Commander in Chief“, erklärte Afghanistan - im Gegensatz zum Irak - zum "richtigen Krieg“ und stockte die Truppen auf 90.000 Mann auf.

Das Taliban-Dilemma
Der Kraftakt für den an der Heimatfront zunehmend unbeliebter werdenden Krieg endete aber nicht im erhofften Befreiungsschlag. Die Taliban sind zwar nicht stärker als zuvor, aber auch nicht so geschwächt, wie sich das die US-Strategen erhofft hatten.

"Als die Amerikaner ins Land kamen, glaubten sie, den Taliban das Rückgrat brechen zu können“, erklärt der deutsche Afghanistan-Experte Nils Wörmer. "Nun mussten sie erkennen, dass es diesen Sieg, diese Komplettauflösung der Taliban nicht geben wird, sie aber auch angesichts horrender Kosten nicht ewig im Land bleiben können. Deshalb ist es nötig, für die Zeit danach die Taliban in irgendeiner Weise einzubinden, um das Abgleiten Afghanistans in einen Bürgerkrieg nach dem Abzug zu verhindern“.

Nur noch raus?
Denn die Amerikaner, und noch mehr ihre europäischen Verbündeten, sind des Hindukuschs müde. Bis Ende 2014 sollen alle Kampftruppen aus Afghanistan abgezogen sein. So lautete bislang der Plan - in der Hoffnung, das Land bis dahin befriedet zu haben und in die Hände der afghanischen Armee und einer zivilen Regierung zu übergeben zu können.

"Die Nennung eines Datums spielte den Aufständischen in die Hände, denn sie wissen nun, wie lange sie noch durchhalten müssen, bevor die verhassten Invasoren weg sind“, bezweifelt Wörmer die Strategie der Alliierten. Denn derzeit sieht es in Afghanistan - auch abseits von Amokläufern und Koranbesudelungen - ganz und gar nicht stabil aus: Der Einflussbereich der korrupten Regierung von Präsident Karzai reicht kaum bis zu den Stadtgrenzen Kabuls. Die afghanische Armee wiederum ist trotz Milliardeninjektionen aus dem Westen schlecht ausgerüstet und von Taliban-Kämpfern unterwandert.

Experte Wörmer, der als Offizier selbst bereits im Afghanistan-Einsatz war, äußert auch Zweifel am Plan, die Taliban nun durch ein Verbindungsbüro im Emirat Katar zu legitimieren: "Der Westen hat sich in eine Pattstellung manövriert. Er kann die Taliban nicht vollständig ausschalten, weiß aber auch, dass eine Zukunft ohne sie - nur unter Verantwortung der schwachen Regierung in Kabul - kaum denkbar ist.“

Wie geht es also weiter in einem Land, das historisch betrachtet noch kein Eindringling als Sieger verlassen hat?

Der Glaube der neokonservativen US-Strategen, Freiheit und Demokratie an den Hindukusch verpflanzen zu können, entpuppt sich im archaischen, von Stammesriten und Korruption geprägten Bergland als weltfremdes Gefasel. Angesichts der US-Wahlen im November fordern erste Obama-Berater bereits, den Abzug zu beschleunigen. Auch wenn sie ahnen, was danach folgt: entweder ein blutiger Bürgerkrieg der unterschiedlichen Volksgruppen oder die Rückkehr der Taliban an die Macht - mit all den brutalen Folgen, deren Bekämpfung der Westen anfangs als moralische Begründung für seinen Feldzug vorschob.

Kommentare

Bilanz des Versagens Aus Vietnam nichts gelernt hat sich die USA immer wieder ein Kriegsschauplätze vorgewagt aus denen sie nur als Verlierer aussteigen.

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