Affäre Litwinenko weitet sich aus: Ein verstrahlter British-Jet landete in Wien!

Strahlen angeblich harmlos. Airline-Hotline installiert Ex-KGB-Agent traf Litwinenko & saß in Strahlen-Jet

Bei den Ermittlungen zum Gifttod des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko sind inzwischen an rund einem dutzend Stellen Spuren radioaktiven Substanzen gemessen worden. Der britische Innenminister John Reid sagte, an "etwa zwölf" Orten seien radioaktive Spuren gefunden worden, insgesamt seien 24 Stellen wegen einer möglichen Verseuchung beobachtet worden oder würden noch beobachtet. Zudem würden bisher fünf Flugzeuge auf radioaktive Spuren untersucht.

Reid bestätigte im Parlament, dass Spuren einer radioaktiven Substanz in zwei Maschinen von British Airways am Londoner Flughafen Heathrow gemessen worden seien; für eines der Flugzeuge sähen Experten kein Gesundheitsrisiko für die Öffentlichkeit. Das zweite Flugzeug werde noch untersucht, doch auch hier sei die Gefahr gering. Die britische Fluglinie untersuchte insgesamt drei ihrer Maschinen. Eines der Flugzeuge war am 28. November auf dem Flug von London nach Warschau (Flugnummer BA 846) wegen Schlechtwetters in Polen für drei Stunden in Wien zwischengelandet.

Nach Angaben von Minister Reid würden auch zwei russische Flugzeuge untersucht. Reid nannte eine Boeing 737 der privaten Gesellschaft Transaero, die am Morgen in London gelandet sei. Eine Sprecherin von Transaero teilte allerdings mit, in ihrem Flugzeug sei keine Radioaktivität gefunden worden.

Das Gesundheitsrisiko für Passagiere nannte Reid gering. Nach dem Tod Litwinenkos, in dessen Urin Spuren des radioaktiven Stoffes Polonium-210 entdeckt wurden, wurden laut Reid 18 Personen in Spezialkliniken unter Beobachtung gestellt. Alle Urintests seien bisher negativ ausgefallen. Der Minister erklärte, die Untersuchungen, um welche radioaktive Substanz es sich bei den Funden in Gebäuden genau handele, seien noch nicht abgeschlossen. Der Kreml-Kritiker Litwinenko war nach dreiwöchigem Todeskampf am 23. November gestorben.

Nach dem Nachweis radioaktiven Materials an Bord zweier British-Airways-Maschinen meldeten sich bisher tausende Passagiere bei der Fluggesellschaft. Die Maschinen vom Typ Boeing 767 bleiben bis auf weiteres außer Betrieb, wie es von der deutschen Zentrale der British Airways hieß. Laut BA sollen insgesamt 221 Flüge in Europa mit 33.000 Passagieren überprüft werden. Eine Liste aller Flüge veröffentlichte BA auf ihrer Website. Die Fluggesellschaft schaltete für internationale Anrufe von betroffenen Fluggästen die Nummer 0044-191-211-3690. Internationale Fluggäste sollten die örtlichen Gesundheitsbehörden kontaktieren.

Russland bot Großbritannien seine Hilfe seiner Geheimdienste zur Aufklärung des Falls. "Die russische Führung hat den Willen bekundet, in vollem Umfang und in allen Aspekten mitzuarbeiten", sagte der Anti-Terror-Beauftragte von Präsident Wladimir Putin, Anatoli Safonow, nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Zu den Funden von Spuren einer radioaktiven Substanz in zwei Verkehrsflugzeugen in London sagte Safonow, es müsse sehr viel Ermittlungsarbeit geleistet werden. Das russische Verkehrsministerium kündigte stärke Kontrollen für internationale Flüge an. Dabei soll unter anderem die Strahlung an Bord überprüft werden.

Die britischen Behörden leiteten unterdessen eine offizielle gerichtsmedizinische Untersuchung ein. Demnach solle die Leiche Litwinenkos obduziert werden, erklärte der Londoner Gerichtsmediziner Andrew Reid bei der formellen Bekanntgabe der Untersuchung. An der Autopsie sollen ein Pathologe der Regierung, ein weiterer Mediziner, der die Familie vertritt, sowie ein unabhängiger Experte beteiligt sein.

Ein Russe, der mit Litwinenko am Tag von dessen Erkrankung zusammengetroffen war, war an Bord eines der beiden verseuchten British-Airways-Flugzeuge gewesen. Der Geschäftsmann und ehemalige KGB-Agent Andrej Lugowoi sagte der russischen Zeitung "Kommersant", er sei am 3. November in einer der Maschinen von London nach Moskau geflogen. Mit der mutmaßlichen Vergiftung Litwinenkos habe er jedoch nichts zu tun, sagte Lugowoi.
(apa/red)