Abgasskandal von

Diesel: Es herrscht dicke Luft

Grüne: „Autohersteller nicht mit Samthandschuhen anfassen, sondern hart verhandeln“

Abgasskandal - Diesel: Es herrscht dicke Luft © Bild: shutterstock

Österreich ist ein "Diesel-Land". Mehr als 50 Prozent aller PKW-Neuzulassungen sind Diesel. Nach dem Gipfel in Deutschland soll im August nun auch in Österreich über Lösungen für betroffene Fahrzeuge beraten werden. Der Grünen Bundessprecherin Ingrid Felipe sind Gespräche allein jedoch zu wenig.

"Die vorgelagerten bilateralen Gespräche zwischen Ministerium und Herstellerfirmen halte ich für völlig unzureichend, wenn ein politischer Druck entstehen und effektiver Schutz der Gesundheit der Menschen das Ziel sein soll", sagt Ingrid Felipe. Ein tatsächlich so rasch wie mögliches Einhalten der Abgasnormen könne nur bei Einbindung der wesentlichen ExpertInnen, der Länder und des Parlaments stattfinden.

Kein Spiel auf Zeit

Georg Willi, der Verkehrssprecher der Grünen, appelliert, die österreichische Bundesregierung möge nicht länger auf Zeit spielen. Er erläutert: "Wir erleben ein Hick-Hack zwischen der Europäischen Kommission und den Nationalstaaten, wer in Sachen Schadstoffe zuerst handeln muss. Die wechselseitigen Vorwürfe der Untätigkeit bringen keinem von Abgasen gesundheitsbelasteten Menschen etwas."

»Die Samthandschuhe sind im Umgang mit den Autoherstellern fehl am Platz. Da muss jetzt hart im Interesse der Gesundheit verhandelt und gehandelt werden. «

Die Grünen fordern gegenüber den Konzernen, die für gesundheitsgefährdende Manipulationen verantwortlich sind, eine härtere Gangart. "Die Samthandschuhe sind im Umgang mit den Autoherstellern fehl am Platz. Da muss jetzt hart im Interesse der Gesundheit verhandelt und gehandelt werden. Und wir brauchen eine breite Beteiligung, statt amikaler Gespräche hinter verschlossenen Polstertüren", sagt der Grüne Verkehrssprecher und ergänzt: "Wir müssen im Lichte der Hiobsbotschaften, die uns die Klimaerwärmung jede Woche liefert, raus aus den Verbrennungsmotoren und rasch ins Zeitalter erneuerbarer Energien umsteigen." Dazu brauche es, besser heute als morgen, einen breit aufgestellten österreichischen Dieselgipfel.

2030: Hundert Prozent emissionsfreie Fahrzeug-Neuzulassugen

Im Herbst will das Verkehrsministerium mit der Autoindustrie, NGOs, Bundesländern und Automobilklubs eine "Abgasstrategie 2030" erarbeiten. Ziel sei sauberer und leistbarer Verkehr. Erreicht werden soll dieser unter anderem durch hundert Prozent emissionsfreie Fahrzeug-Neuzulassungen ab 2030. "Aus aktueller Sicht ist ein völliger Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bis zum Jahr 2030 aber eine Illusion", schreibt ÖAMTC-Chef Bernhard Wiesinger in einer Aussendung.

„Autofahrer-Bashing“

Wiesinger vermutet "Autofahrer-Bashing", weil nicht gleichzeitig mit der Diskussion über ein Verbot von Diesel bei Pkw auch über ein Verbot von Verbrennungsmotoren bei Lkw, Traktoren, Diesel-Loks oder Schiffen diskutiert werde: "Es geht nicht an, Millionen österreichische Autobesitzer zu verunsichern, sei es wegen möglicher Fahrverbote oder eines drohenden Wertverlusts ihrer Fahrzeuge.".

Mindestquote für emissionsfreie Pkw

Eine E-Auto-Mindestquote fordert der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) schon jetzt. Die EU-Kommission hat einen Zeitungsbericht, dass sie eine derartige Vorgabe für Pkw-Produzenten überlege, allerdings dementiert. Der VCÖ bedauert dies und will sich trotzdem für solch eine E-Auto-Mindestquote stark machen, um die Energiewende im Verkehr zu beschleunigen.

Österreich EU-weit höchsten Anteil an E-Autos

Bis zum Jahr 2050 müsse der Verkehrssektor vom Erdöl unabhängig sein, um das Klimaziel von Paris zu erreichen. Eine Quote für die Autoproduzenten würde dazu führen, dass diese mehr E-Autos auf den Markt bringen, das Angebot größer werde, dadurch der Wettbewerb steige und die Verkaufspreise sinken. Im Vorjahr waren EU-weit nur 0,4 Prozent der Neuzulassungen E-Autos, Österreich hatte mit 1,2 Prozent den EU-weit höchsten Anteil. Die Erdölabhängigkeit des Kfz-Verkehrs ist aber auch in Österreich sehr hoch: 92 Prozent der Energie für den Kfz-Verkehr stammen aus Erdöl. Ende Juni waren lediglich 11.860 der 4,87 Millionen Pkw reine Elektro-Autos.

»Je emissionsärmer die Neuwagen sind, die die Hersteller auf den Markt bringen, umso leichter sind die Klimaziele zu erreichen«

Doch auch mit E-Autos wäre der Energieverbrauch des Verkehrs durch motorisierten Individualverkehr zu hoch: Neben der Elektrifizierung des Kfz-Verkehrs sei auch eine stärkere Verlagerung von Autofahrten auf den energieeffizienteren Öffentlichen Verkehr sowie auf den Radverkehr nötig, so der Verkehrsclub. "Je emissionsärmer die Neuwagen sind, die die Hersteller auf den Markt bringen, umso leichter sind die Klimaziele zu erreichen", meint VCÖ-Experte Markus Gansterer.