Leben von

Wenn man mehr als einen liebt

Antworten zu den brennendsten Fragen zum Thema Polyamorie

Dreier © Bild: istockphoto.com/ _IB_

"Das Verlangen nach Sex außerhalb einer Beziehung bedeutet noch nicht, polyamorös zu sein": Stefan Ossmann forscht im Rahmen seiner Doktorarbeit am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien zu Polyamorie. Julia Schnitzlein hat ihn interviewt.

Was genau versteht man unter Polyamorie?

Stefan Ossmann
© fhcoh3 OG

Gemeint sind emotionale und sexuelle Mehrfachbeziehungen unter dem Wissen aller Beteiligten. Ausprägungen davon können Primär-und Sekundärbeziehungen sowie offene und geschlossene Beziehungen sein. Seit wann gibt es dieses Phänomen?

Es ist so alt wie die Menschheit selbst. Aber erst im Jahr 2006 wurde der englische Begriff "polyamory" ins Oxford Dictionary aufgenommen, 2007 taucht die deutsche Version "Polyamorie" erstmals in deutschen Zeitungen auf. Seitdem ist ein verstärktes mediales Interesse wahrzunehmen. Ist Polyamorie eine Veranlagung wie Homosexualität oder ist es eine Entscheidung? Darüber streitet die Wissenschaft noch. Ich möchte unter anderem dieser Frage in meiner Dissertation auf den Grund gehen. Wie viele Menschen leben polyamorös? Auch darauf gibt es keine genaue Antwort. Ich schätze, dass 0,1 Prozent der Bevölkerung bekennend, also öffentlich geoutet, polyamorös leben, 0,5 Prozent, die es im kleinen Kreis publik machen, und bis zu fünf Prozent, die zwar poly veranlagt sind, es sich aber nicht ausleben trauen oder nicht in Erwägung gezogen haben, dass man so leben kann. Das gesellschaftliche Dogma, dass eine Beziehung nur aus zwei Personen bestehen kann, ist so festgefahren, dass die meisten gar nicht auf die Idee kommen, es anders zu machen.

Wer lebt dann doch poly?

Es scheint ein urbanes Upperclass- Phänomen zu sein. Je höher Bildungsstand und Einkommen, desto mehr Auseinandersetzung gibt es mit Konventionen und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Konventionen aufgebrochen werden. Polyamorie braucht außerdem einen starken Charakter. Man muss in der Reflexion zum Thema Beziehung und zu sich selbst schon sehr gefestigt sein, damit man in der Lage ist, Normen zu hinterfragen und diese Lebensweise zuzulassen.

Wie merke ich, dass ich poly bin?

Das Verlangen nach Sexualität außerhalb einer Beziehung bedeutet noch nicht, polyamorös zu sein. Wenn das Gefühl hinzukommt, in mehr als eine Person wirklich verliebt zu sein, gibt es eine realistische Chance, zu diesen fünf Prozent zu gehören. Es ist dann aber eine Frage des Auslebens. Die Bereitschaft, tatsächlich poly zu leben, scheint meist erst nach der ersten oder zweiten mehrjährigen Beziehung gegeben zu sein -jüngere Personen suchen mehr nach Orientierung und Halt, die eine klassische Zweierbeziehung zu versprechen scheint.

Welche Rolle spielt Eifersucht in diesen Beziehungen?

Eine ganz wichtige. Damit Mehrfachbeziehungen funktionieren können, sollte Eifersucht durch Mitfreude ersetzt werden. Das scheint nicht immer leicht zu sein, da die Zweierbeziehung eines der Fundamente unseres Zusammenlebens darstellt und man von allen Seiten damit konfrontiert wird, dass Alternativen dazu nicht funktionieren können.

Kommentare