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Kutteln, Würste & Athleten

Heinz Sichrovsky über den schuldlos in Verruf geratenen Juvenal

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS/Stögmüller Katharina

Meine vorwöchige Anregung, statt einer täglichen Turnstunde lieber eine tägliche Zivilisationsstunde zu installieren, blieb nicht unkommentiert: Beide schlössen einander nicht aus, wurde ich – rechtens – bedeutet. Schon der Römer Juvenal habe festgestellt: „Mens sana in corpore sano“ – „Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“ wird das meist übersetzt.

Nun wäre das eine ungeheuerliche Behauptung: Der behinderte Physiker Stephen Hawking wäre unter dieser Prämisse kein Genie, sondern ein psychiatrischer Akutfall. Nicht weiter verwunderlich, dass sich die Nazis für ihre Ertüchtigungs- und Ausleseprogramme des Satzes bedienten. Nur hat der für seine radikalen gesellschaftspolitischen Diagnosen nach Ägypten deportierte Satiriker nichts dergleichen geäußert. Das Zitat lautet vielmehr: „Orandum est ut sit mens sana in corpore sano.“ – „Wir müssen beten, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne.“ Im Kontext gelesen, empfahl er den nicht immer grell belichteten Athleten hirnkonditionelle Maßnahmen und erheiterte sich über frömmelnde Mitbürger, von denen die Götter auf Opferaltären mit „Innereien und Bratwürsten“ drangsaliert würden. Dass er Philosophen auf den CrossRamp hätte nötigen wollen, lässt sich Juvenals rasierklingenscharf geschliffenen Hexametern nicht entnehmen.

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