9 Mio. Tuberkulose-Neuerkrankungen pro Jahr: Krankheit bleibt ständige Bedrohung!

Kein Aufatmen: "Zahl steigt jährlich um 0,4 Prozent" Extrem resistente Erreger verschärfen die Situation

Tuberkulose: Die Krankheit der Unterprivilegierten, Armen und Verfolgten ist weltweit eine ständige Bedrohung. "Vor 125 Jahren wurde der Erreger (Mycobacterium tuberculosis) durch Robert Koch entdeckt. Doch die größten Probleme sind die Zuwachsrate an Erkrankungen pro Jahr mit 0,4 Prozent weltweit. Weltweit wird auch das Problem der multiresistenten TB-Erreger immer größer. Seit vergangenem Jahr kommt noch das Risiko der extrem resistenten Bakterien hinzu", sagte Rudolf Rumetshofer, Leiter des Arbeitskreises für Tuberkulose der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖPG).

Die Zahlen der WHO: Jede Sekunde wird weltweit ein Mensch mit Tuberkulose infiziert. Zu einer Erkrankung mit möglichen weiteren Ansteckungen führt das bei rund zehn Prozent der Betroffenen. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit Tuberkulose infiziert. Pro Jahr kommt es zu rund neun Millionen Neuerkrankungen bei etwa 1,7 Millionen Todesfällen. Und das, obwohl es seit Jahrzehnten eine wirksame Behandlung gibt.

Österreich: Situation stabil
In Österreich ist die Situation stabil, doch Wachsamkeit ist angebracht. Gab es Mitte der neunziger Jahre noch jährlich um die 1.500 Erkrankungsfälle pro Jahr, waren es im Jahr 2005 schließlich 991. Im vergangenen Jahr wurden laut vorläufigen Zahlen 739 Erkrankungen gemeldet. Das wird sich aber erfahrungsgemäß in etwa auf den Stand des voran gegangenen Jahres erhöhen.

Freilich, während die Tuberkulose vor allem durch entsprechende Vorsorgemaßnahmen in den vergangenen Jahren nicht - wie oft befürchtet - heftig aus Osteuropa nach Österreich überschwappte, gibt es ein neues Risiko: multiresistente oder gar extrem resistente Krankheitserreger, gegen die die meisten Medikamente nicht mehr helfen.

Rumetshofer: "Von Multiresistenz spricht man, wenn die Erreger nicht auf die beiden wichtigsten Arzneimittel ansprechen: nicht auf Rifampicin und nicht auf Isoniazid. Von extremer Multiresistenz spricht man, wenn die Erreger weder auf diese noch auf Fluorchinolon und mindestens eines der drei intravenös zu verabreichenden Arzneimittel gegen Mycobacterium tuberculosis ("Reserve-Mittel") ansprechen. Dann ist die Sterblichkeit hoch, die Behandlung dauert drei Jahre und länger. Sie ist auch ausgesprochen teuer."

Extrem resistente TB-Erreger
International hat sich die Situation bei den extrem resistenten TB-Erregern im vergangenen Jahr deutlich verschärft. In Südafrika wurden bis März dieses Jahres 269 Fälle bestätigt. Von KwaZulu-Natal hat sich die Seuche mit den nur noch schwerstens behandelbaren Erkrankungen auf ganz Südafrika ausgebreitet. Die Mortalität beträgt dort in diesen Fällen 85 Prozent.

Mario Rabiglione, Chef des "Stop TB"-Programms der Weltgesundheitsorganisation, sagte Anfang März gegenüber der britischen Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet": "Das ist ein absoluter Notfall. Es handelt sich um das dringendste Problem, das ich in 15 Jahren Arbeit auf dem Gebiet der Tuberkulose gesehen habe. Ein hoch resistenter Keim bringt HIV-Infizierte um und verbreitet sich rapid. Niemand reagiert bisher schnell genug."

Die Gründe für das Entstehen auch dieser extrem widerstandsfähigen Keime: Entweder eine falsche oder eine zu kurze Behandlung von TB-Kranken. Und das ist unter Armen, Wanderarbeiten und Migranten, Alkohol- und Drogenkranken oft der Fall. In Südafrika kam noch das Reservoir an Millionen HIV-Infizierten und Aidskranken mit geschwächtem Immunsystem hinzu.

Keine Extremfälle in Österreich
Lungenfacharzt und TB-Spezialist Rudolf Rumetshofer, Leiter der TB-Station am Otto-Wagner-Spital in Wien: "Wir haben in Österreich noch keinen dieser Extremfälle gehabt. Doch in Tschechien wurde vergangenes Jahr schon ein solcher Patient identifiziert, ebenso in Deutschland."

Doch auch die "normalen" multiresistenten TB-Erkrankungen sind unangenehm und gefährlich genug. 1995 bis 2003 lag die Zahl der Fälle pro Jahr jeweils im einstelligen Bereich. 2003 schnellte sie dann auf zwölf hinauf, 2004 waren es 18, 2005 dann 13 und vergangenes Jahr schließlich neun (vorläufig). Der Wiener Experte: "Wir haben innerhalb der vergangenen fünf Jahre 16 solcher Patienten behandelt. Das ist sehr aufwendig. Der Spitalsaufenthalt mit allen Sicherheitsvorkehrungen auch für das Personal dauert drei bis fünf Monate. Ein Patient ist verstorben." Die meisten derartigen Fälle werden von Flüchtlingen eingeschleppt - weil sie die Ärmsten der Armen sind. Während in erfahrungsgemäß häufig betroffenen Gruppen weiterhin auch Röntgenkontrollen in großen Gruppen durchgeführt werden, sind die Spezialisten in den vergangenen Jahren von den alten Massen-Tests auf die Suche nach möglichen Kontaktpersonen von Erkrankten umgeschwenkt.

Im österreichischen nationalen TB-Referenzzentrum der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) wird deshalb allen Amtsärzten ein neuer Service angeboten. Franz Allerberger, Leiter der entsprechenden Abteilung: "Wir bieten ein kostenloses DNA-Fingerprinting aller TB-Isolate an." Damit kann der Ursprung einer Erkrankung durch Vergleich der Erbsubstanz der Erreger zurück verfolgt werden. Der Mikrobiologe: "In einem Fall konnten wir so nachweisen, dass sich die Erreger von fünf Patienten nicht voneinander unterschieden." Damit konnte der Infektionsherd festgestellt und die Ansteckung weiterer Personen durch Behandlung der Betroffenen verhindert werden. (apa/red)