2030 fühlen sich zwei Drittel auch als Europäer: Junge sind Europas Hoffnung

"Ältere, national orientierte Jahrgänge sterben" Studie: Bis 2030 fühlen sich zwei Drittel als Europäer

Die Hoffnung für Europa liegt in der Jugend: Wie eine neue, von österreichischen Wissenschaftern erstellte Studie zeigt, werden in den nächsten Jahren die derzeit noch dominierenden nationalen Identitäten vieler EU-Bürger zurückgehen, weil die älteren, eher national orientieren Altersjahrgänge demographisch bedingt abnehmen. Diese Entwicklung geht zu Gunsten einer vor allem von jungen Menschen getragenen Einstellung, bei der das Europäersein eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielt.

Wolfgang Lutz und Vegard Skirbekk vom Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg und Sylvia Kritzinger vom Institut für Höhere Studien (IHS) haben dazu 15 Eurobarometer-Umfragen seit 1996 analysiert, speziell die Antworten auf die Frage: "Fühlen Sie sich in näherer Zukunft ausschließlich als "Österreicher" (je nach Land die jeweilige Nationalität, Anm.), als "Österreicher und Europäer", als "Europäer und Österreicher" oder nur als "Europäer". Dabei haben die Wissenschafter jene drei Antworten, in denen sich die Menschen zumindest teilweise als Europäer fühlen, unter dem Begriff "multiple Identitäten" zusammengefasst. Die Studie wurde in der Wissenschaftszeitschrift "Science" veröffentlicht.

In der Eurobarometer-Umfrage 2004 bezeichneten sich 42 Prozent der über 18-Jährigen nur als Bürger ihres jeweiligen Staates, 58 Prozent identifizierten sich zumindest teilweise mit Europa. "Das heißt, dass 130 Mio. erwachsene Bürger der EU-15 sich ausschließlich als Angehöriger ihres jeweiligen Landes fühlten, 177 Mio. hatten multiple Identitäten", so Lutz im Gespräch mit der APA.

Im Vergleich der Umfragen zwischen 1996 und 2004 traten deutlich Unterschiede zwischen den Altersgruppen zu Tage: Je älter die Befragten waren, desto eher dominierten nationale Identitäten. Die Wissenschafter konnten aber zeigen, dass sich im Laufe des Älterwerdens die Einstellung der Menschen nur wenig ändert. Vielmehr wies jeder um ein Jahr später geborene Altersjahrgang eine um einen halben Prozentpunkt höhere europäische Identität auf. "Das hat offensichtlich mit der Sozialisation der Menschen zu tun, die beispielsweise durch Studentenaustauschprogramme, Medien, etc. immer mehr internationale Kontakte haben, die ihre Identität beeinflussen", so Lutz, der auch Leiter des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist.

Aus diesen Daten hat Lutz und sein Team die Entwicklung bis 2030 prognostiziert: Zu diesem Zeitpunkt werden nur mehr 104 Mio. Bürger aus den EU-15 (31,5 Prozent) strikt nationale Identität aufweisen, während 226 Mio. Personen (68,5 Prozent) sich zumindest teilweise als Europäer fühlen. "Weil die älteren, mehr national orientierten Altersjahrgänge sterben, kommt es zu signifikanten Veränderungen bei der europäischen Identität", ziehen die Wissenschafter ihren Schluss aus der Entwicklung. Auch wenn die Entwicklung der europäischen Integration unberechenbar bleibt, würden diese langfristigen Verschiebungen in der Identität einen wichtigen und dauerhaften Einfluss auf die Zukunft Europas haben, schreiben die Wissenschafter.

Im Durchschnitt aller zwischen 1996 und 2004 durchgeführten Umfragen fühlen sich in Luxemburg die meisten Personen zumindest teilweise als Europäer (78 Prozent mit multiplen Identitäten), an zweiter Stelle folgt Italien (72 Prozent) und dann schon Frankreich mit 68 Prozent). Für Lutz zeigt das deutlich, dass die Menschen "deutlich unterscheiden, ob sie zu einer konkreten Politik nein sagen, wie in Frankreich zur EU-Verfassung, oder ob sie zu Europa als Ganzes nein sagen", Österreich liegt mit 51 Prozent der Befragten, die sich zumindest teilweise als Europäer fühlen, im Mittelfeld, Schlusslichter sind Finnland (43 Prozent) und Großbritannien (40 Prozent).
(APA/red)