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Tote nach Brand
in Londoner Hochhaus

27-stöckiges Hochhaus in Brand geraten - 74 Menschen wurden verletzt

Großbritannien - Tote nach Brand
in Londoner Hochhaus

Bei einem verheerenden Feuer in einem Hochhaus im Zentrum Londons sind mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei befürchtete weitere Opfer, da mehrere Menschen noch vermisst wurden. Bis zum frühen Mittwochabend waren nach Angaben der Rettungskräfte mindestens 79 Patienten in Spitälern behandelt worden, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand.

65 Menschen wurden aus den Flammen gerettet. Der Einsatz wird nach Angaben der Polizei mehrere Tage dauern. Die Ursache des weiterhin nicht gelöschten Brands war zunächst unklar. Das Feuer war in der Nacht ausgebrochen, am frühen Morgen stand das Gebäude mit 24 Stockwerken im Stadtteil Kensington noch lichterloh in Flammen. Trotz der Katastrophe blieb das Hochhaus bis zum Abend stabil genug, um darin nach eingeschlossenen Menschen zu suchen. Ein Experte überprüfe laufend die Statik des Grenfell Towers, sagte Feuerwehrchefin Dany Cotton.

Der britische Fernsehkoch Jamie Oliver hat den Opfern des Hochhaus-Brandes in London Gratisessen in seinem nahe gelegenen Restaurant angeboten. "Essen und Trinken gibt es umsonst. Sprechen Sie einfach meinen Manager Juan an und wir werden Sie umsorgen", sagte der 42-Jährige am Mittwoch auf Instagram. Die Jamie's-Italian-Kette von Oliver hat ein Restaurant im Westfield-Einkaufszentrum in Shepherd's Bush in der Nähe des Unglücksorts.

Der Alarm ging kurz vor 1.00 Uhr Ortszeit (2.00 Uhr MESZ) ein. Da schlugen die Flammen schon an der Fassade hoch. Laut Feuerwehr brannte das Haus vom zweiten bis zum obersten Stockwerk. 40 Feuerwehrfahrzeuge waren im Einsatz. 200 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen. Mehr als zehn Stunden nach dem Ausbruch des Brandes waren noch immer Flammen im Inneren zu sehen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan sagte dem TV-Sender Sky News, auf dem Höhepunkt des Brandes hätten die Feuerwehrleute nur die zwölfte Etage erreicht. Laut Cotton drangen die Einsatzkräfte später bis ins 20. Stockwerk vor.

Eine Augenzeugin erzählt: "Ich hörte Schreie, ich sah Menschen aus den Fenstern springen.":

Ursache noch nicht bekannt

Die Ursache für das Feuer war vorerst nicht bekannt. "In meinen 29 Jahren als Feuerwehrfrau habe ich noch nie etwas von solchem Ausmaß gesehen", sagte Dany Cotton von der Londoner Feuerwehr. Die Einsatzkräfte waren nach eigenen Angaben innerhalb von sechs Minuten am Ort des Geschehens. Der erste Notruf sei um 00.54 Uhr (Ortszeit) eingegangen. Die Crews arbeiteten "unter extrem schwierigen Bedingungen, um Menschen zu retten und den Großbrand unter Kontrolle zu bekommen".

Polizei und Feuerwehr warnen eindringlich vor Spekulationen. "Wir werden in den kommenden Stunden und Tagen sorgfältig nach der Ursache des Feuers suchen und untersuchen, was passiert ist", sagt Londons Feuerwehrchefin Dany Cotton. Noch sei das Gebäude stabil, so dass nach möglichen Eingeschlossenen gesucht werden könne.

Die Polizei twitterte, dass zahlreiche Verletzte behandelt würden. In dem Apartmenthaus sollen viele Familien mit Kindern gelebt haben. Einwohner wurden gebeten, die Gegend nordwestlich vom Hyde Park zu meiden. Eine Schule in der Nähe des brennenden Gebäudes blieb geschlossen.

Diskussion um Brandschutz

Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. "Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben und ich möchte den Londonern versichern, dass wir dazu alle Antworten bekommen werden."

Einige Bewohner hatten berichtet, sie seien angewiesen worden, sie sollten im Fall eines Feuers in ihren Wohnungen bleiben. Das ist übrigens auch in Österreich in solchen Fällen - bei regelkonformen Brandschutzvorrichtungen des betreffenden Gebäudes - die Empfehlung der Feuerwehr. "Diese Fragen sind wirklich wichtig und müssen beantwortet werden", sagte Khan dem BBC Radio. In London gebe es sehr viele Hochhäuser, "und wir können nicht dulden, dass die Sicherheit von Menschen durch fragwürdige Anweisungen gefährdet wird, oder, falls wirklich zutrifft, was angedeutet wurde, dass Hochhäuser nicht ordnungsgemäß gewartet und betreut werden".

Die Baufirma Rydon hat schockiert auf die Feuerkatastrophe reagiert. Sie war für die Sanierung des Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma am Mittwoch mit. Das Gebäude wurde 1974 erbaut und war von 2014 bis 2016 saniert worden. Bewohner und Nachbarn des Hauses hatten unzureichende Sicherheitsmaßnahmen im Grenfell Tower kritisiert.

© APA/AFP

Das berichten Betroffene

"Das letzte Mal, als ich ihn sah, winkte er aus dem Fenster, zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern." Hanan Wahabi, die Mittwochfrüh mit Kopftuch und Pyjama in einem Gemeindezentrum von North Kensington steht, wurde um 1.00 Uhr auf den Brand aufmerksam. "Asche wurde durch das halb geöffnete Fenster ins Wohnzimmer geweht", berichtet die Frau, die zunächst einmal erleichtert darüber ist, dass auch ihr Mann, ihr 16-jähriger Sohn und ihre achtjährige Tochter dem Inferno entkamen. Als sie den Brand bemerkte, züngelten die Flammen bereits an dem Hochhaus empor.

»Er sagte, dass ihm geraten worden sei, drinnenzubleiben und Handtücher vor die Türen zu legen«

Kaum war die Familie Wahabi in Sicherheit, rief Hanan gleich in der 21. Etage an, aus Sorge um den Bruder und dessen Familie. "Zu dem Zeitpunkt war das Feuer noch nicht ganz oben angekommen", sagt sie. "Er sagte, dass ihm geraten worden sei, drinnenzubleiben und Handtücher vor die Türen zu legen. Aber ich sagte ihm, dass er raus muss. Er wollte kommen, aber dann sagte er, es gebe zu viel Rauch." Dann hat Hanan noch einmal mit der Schwägerin telefoniert, während ihr Bruder mit der Feuerwehr telefonierte. Seit 2.00 Uhr gibt es kein Lebenszeichen mehr.

Die Menschen in den oberen Etagen des Grenfell Tower saßen in der Falle, wie ein Augenzeuge namens Daniel der BBC schildert. "Sie sind verbrannt", sagt Daniel. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen." Er hat auch gesehen, wie Menschen aus dem brennenden Gebäude sprangen, vermutlich ins Verderben.

Unter den Überlebenden ist der 55-jährige Eddie aus der 16. Etage. Er wurde mitten in der Nacht vom Brandschutzmelder der Nachbarn aus dem Bett geschreckt. Er hörte, wie die Nachbarn "Fire! Fire!" riefen. Als er die Tür öffnete, schlugen ihm schon Rauchschwaden entgegen. Irgendwie hat Eddie es nach draußen geschafft, wo er jetzt mit T-Shirt, Shorts und Turnschuhen steht, ein feuchtes Handtuch über die Schultern geworfen, das er geistesgegenwärtig noch mit auf die Flucht genommen hatte.

Eddie ist überzeugt, dass es "eine Menge Leute nicht nach draußen geschafft haben". Das macht ihn wütend. Eddie gehört zu der Nachbarschaftsinitiative, die schon vor Jahren über einen Internet-Blog vor der Brandgefahr in dem 1974 errichteten und zuletzt umfassend renovierten Gebäude gewarnt habe. Es müsse wohl erst eine "Brandkatastrophe" eintreten, bevor die Eigentümer "zur Verantwortung gezogen" werden, hieß es da. Einige Stunden nach dem Großbrand im Grenfell Tower ist die Opferbilanz der Feuerwehr noch ungenau - sie spricht von mehreren Toten und mindestens 50 Verletzten.

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Fernsehmoderator George Clark, der in der Nähe wohnt, sagte dem Sender BBC Radio 5, er könne Menschen ganz oben auf dem Hochhaus sehen. Er habe zunächst gedacht, dass eine Alarmanlage in einem Auto losgegangen sei und habe dann die Glut durch die Fenster gesehen. "Ich wurde mit Asche bedeckt, so schlimm ist es. Ich bin 100 Meter entfernt und ich bin komplett mit Asche bedeckt."

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Die Polizei twitterte, die Gegend nordwestlich vom Hyde Park solle gemieden werden. Dan Daly von der Feuerwehr sagte, die Feuerwehrleute würden Atemmasken tragen, die Arbeit sei extrem hart und die Bedingungen sehr schwierig. "Das ist ein großer und sehr schwerwiegender Vorfall." Man habe zahlreiche Helfer und Spezialisten entsandt.

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Reaktionen

Die britische Premierminister Theresa May hat sich zutiefst erschüttert über die Todesfälle bei einer Feuerkatastrophe in der Nacht auf Mittwoch in London geäußert. Sie berief wegen des Großbrandes in einem Hochhaus in North Kensington ein ressortübergreifendes Ministertreffen ein.

Britische Politiker haben unterdessen den Betroffenen und Angehörigen ihr Mitgefühl ausgesprochen. Labour-Chef Jeremy Corbyn sei es schrecklich mitanzusehen, was beim Grenfell Tower passiert sei. "Meine Gedanken sind bei den Betroffenen", teilte er via Twitter mit.

Auch Tim Farron, Chef der Liberaldemokraten, äußerte sich zu dem tragischen Vorfall:

Die britische Premierminister Theresa May hat sich zutiefst erschüttert über die Todesfälle geäußert. Sie berief wegen des Großbrandes ein ressortübergreifendes Ministertreffen ein.

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