150. "Geburtstag" des Neandertalers: 1856 entdeckten Steinbrucharbeiter Knochenreste

Wissenschaftskrimi zog sich über mehrere Jahrzehnte Erst 1997 wurde fehlender Schädel-Teil gefunden

Es war der Beginn eines Forschungskrimis um einen wahren Jahrhundertfund: Bei Sprengungen im Neandertal in der Nähe von Düsseldorf stießen Arbeiter vor genau 150 Jahren auf die Knochenreste eines etwa 40.000 Jahre alten Menschen und warfen es achtlos zur Seite. Die Wissenschaft ignorierte zunächst, dass damit eine ausgestorbene Menschenart entdeckt war.

Ursprünglich war das Neandertal in Nordrhein-Westfalen ein romantischer Ort: Eine enge Schlucht mit schroffen Felsen, die von der wilden Düssel durchflossen wurde. Doch von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wurde hier in großem Stil Kalkstein abgebaut. "Der Sprengstoff hat die Naturschönheit in einen öden Steinbruch verwandelt", sagt der Tübinger Wissenschafter Ralf Schmitz, einer der renommiertesten deutschen Neandertaler-Forscher.

Aus heutiger Sicht waren die Sprengungen eine rücksichtslose Umweltzerstörung. Doch ohne diese Arbeiten wären die Neandertaler wahrscheinlich nach irgendeinem anderen Fundort in Mittel- oder Südeuropa benannt. Das Skelett des steinzeitlichen Rheinländers jedenfalls wäre noch lange unentdeckt geblieben.

Fund zuerst nicht erkannt
Denn es waren Steinbrucharbeiter, denen im August 1856 - das genaue Datum ist unbekannt - der archäologische Jahrhundertfund glückte: In der Kleinen Feldhofer Grotte, 20 Meter über dem Grund des Tals, stießen sie in etwa einem Meter Tiefe auf 16 Knochen, die sie nichts ahnend auf einen Schutthaufen warfen.

"Flachköpfe"
Glücklicherweise hörte einer der Steinbruchbesitzer von dem Fund. Er nahm den Schädel an sich und fällte das erste in einer ganzen Kette von Fehlurteilen über den Neandertaler: Es handle sich um die Überreste eines Höhlenbären. Doch schon bald müssen dem Besitzer Zweifel gekommen sein. Denn kurz darauf berichtete die örtliche Presse, das Gerippe aus dem Neandertal gehöre zu dem "Geschlechte der Flachköpfe, deren Nachfahren noch heute im amerikanischen Westen wohnen".

Aufruhr in der Kirche
Eine ganz andere Theorie hatte der Elberfelder Realschullehrer Johann Carl Fuhlrott, der heute als der eigentliche Entdecker des Neandertalers gilt: Es müsse sich um den Schädel einer urtümlichen Menschenart handeln. Eine - damals - skandalöse Behauptung. Denn Fuhlrotts These stand in krassem Widerspruch zur herrschenden kirchlichen Lehre, nach der der Mensch ein unveränderliches Abbild Gottes sei. Den vermeintlichen Wilden aus der Höhle wollte niemand als nahen Verwandten akzeptieren.

Entdecker verunglimpft
"Der Fund von 1856 kam genau zur richtigen Zeit. Er hat die Diskussion um den Ursprung des Menschen regelrecht angeheizt", sagte Schmitz. "Den Zündfunken lieferte Charles Darwin dann drei Jahre später mit seiner Evolutionstheorie." Die deutsche Wissenschaft jedenfalls reagierte zunächst feindselig auf Fuhlrotts Volltreffer: Der renommierte Pathologe Rudolf Virchow behauptete, der Schädel aus dem Neandertal gehöre zu einem von Rachitis entstellten Neuzeit-Menschen - eine These, an der er bis zu seinem Tod im Jahr 1902 festhielt. Diese Starrköpfigkeit war es, die den Entdecker Fuhlrott zu Lebzeiten um den verdienten Ruhm brachte.

"Da blickte uns der Neandertaler an"
Die Zerstörung des Neandertals ging noch jahrzehntelang weiter. Zahlreiche Höhlen wurden gesprengt, ohne dass ein Forscher nach weiteren Überresten der Ausgestorbenen gesuchte hätte. Erst 1997 gelang es Ralf Schmitz und einem Forscherkollegen, den verschollenen Fundort wiederzufinden - 14 Meter unterhalb des Niveaus von 1856. Drei Jahre später entdeckten die beiden den fehlenden Teil des Schädels von 1856: "Da blickte uns der Neandertaler zum ersten Mal an."

(apa/red)