Der Mythos lebt

In der Nacht auf den 15. April 1912 versank die stolze Titanic in den Tiefen des Atlantiks

Es war in der Nacht des 14. April 1912, kurz vor Mitternacht, als die größte Schiff der Welt in den eisigen Meerestiefen versunken. Ungefähr 1.500 Menschen hatte es mit sich in den Tod gerissen. Niemand, der dabei war, lebt heute noch. Und dennoch scheint der Moment im kollektiven Gedächtnis seltsam präsent. Fast jeder hat irgendeine Vorstellung, was in diesen Stunden geschah: In der ersten Klasse klapperte das Kristallglas auf den Tischen, die Kapelle spielte bis zum Untergang weiter, in den überfüllten Unterdecks starben die Menschen mit billiger Fahrkarte zuerst.

von 100 Jahre Titanic-Unglück - Der Mythos lebt © Bild: Corbis/Corbis Art

Trotz aller Schiffskatastrophen, die die Welt in den vergangenen 100 Jahren gesehen hat, fasziniert bis heute keine die Menschen so sehr wie der Untergang der "Titanic" auf ihrer Jungfernfahrt. Dank unzähliger Verfilmungen, Bücher, Bilder und Ausstellungen haben die meisten bildliche Assoziationen im Kopf, wenn sie auch nur den Namen hören. Manche sind richtig, manche haben sich als Legenden im Laufe der Jahrzehnte verselbstständigt. Nicht nur Hollywood hat eine Menge dazuerfunden.

Geldverdienen mit der Katastrophe
Kaum verbreitete sich im Jänner dieses Jahres die Nachricht vom Unglück des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" vor der Küste Italiens, wurden Vergleiche mit der "Titanic" laut. Selbst in unseren Sprachgebrauch hat der Ozeanriese Eingang gefunden - "keine Panik auf der Titanic" zum Beispiel. Im 100. Jubiläums- und Gedenkjahr wird die Erinnerung an das damalige Vorzeigeschiff der White Star Line allerorten wieder neu geweckt. In Belfast, wo das Schiff gebaut wurde, eröffnet ein neues Museum und Geschäftszentrum, das Millionen gekostet hat. Der Blockbuster der 1990er Jahre schlechthin - James Camerons "Titanic" mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio - kommt als 3D-Version zurück in die Kinos.

Passagierliste als Mikrokosmos der damaligen Gesellschaft
Aber warum ist es gerade die "Titanic", die die Menschen nicht loszulassen scheint? "Dafür gibt es viele Gründe", erklärt John Wilson Foster, emeritierter Professor aus Belfast und Autor mehrerer Bücher zum Thema. "Es war immerhin der Untergang des damals größten Kreuzfahrtschiffes der Welt und es gab 1.500 Tote." An Bord des Dampfers waren über 2.200 Menschen.

Zentral sei auch, dass die Liste der Passagiere außergewöhnlich vielfältig gewesen sein. "Das führte dazu, dass das Schiff selber als Mikrokosmos der europäischen und US-amerikanischen Gesellschaft der Zeit gesehen wurde." In der ersten Klasse seien einige der reichsten Männer der Welt mitgefahren. "Das Schiff bot einen Symbolismus, den Kommentatoren und Künstler nur ergreifen mussten. Die Passagierliste war auch kulturell sehr vielfältig, mit Schriftstellern, Malern, Modeschöpfern, Schauspielern und anderen an Bord. Die Besetzung für dieses Tragödie, die zum Teil ins Melodrama verschoben wurde, ist in der Geschichte der Schiffskatastrophen nie besser gewesen."

Globalisiertes Interesse seit Camerons Film
In den vergangenen 100 Jahren sei die Geschichte immer wieder neu erfunden worden. Die erste Welle habe es gleich um 1912 gegeben, innerhalb weniger Woche seien -zig Bücher und Filme zur Katastrophe erschienen. In den 1950er Jahren kam die zweite Welle, angeregt durch das Buch und den Hollywood-Film "A Night to Remember". "Bis in die 1980er Jahre schlief das Ereignis wieder", sagt Foster. Die Entdeckung des Wracks 1985 und Camerons Film 1997 hätten das Interesse dann "globalisiert".

"Man könnte die Bedeutung des Schiffes und seines Sinkens für jede Generation oder Interessen-Welle einzeln zusammenfassen", meint der Experte. Die "Titanic" sei ein Phänomen der Populärliteratur - das Interesse daran sei stets auch durch das Angebot angeregt worden. "Und man muss ja auch zugeben, dass das Schiff und die Ereignisse um es herum außerordentlich spektakulär sind."