08.08.08: Chinas großer Auftritt

Die acht Gesichter des Olympia-Gastgebers

08.08.08: Chinas großer Auftritt © Bild: Reuters

Eine Welt - ein Traum" - das Leitmotiv der Olympischen Spiele in China gleicht einer Kampfansage. Das Land ist Bühne für das größte Sportereignis der Welt und versucht sich als Gastgeber mit 10.000 Athleten und 500.000 Gästen in Weltrekorden. 40 Milliarden Dollar kosten die Spiele. Ganze Stadtviertel wurden ausradiert, gigantische Sportpaläste aus dem Boden gestampft. Zwölf neue Sportstätten entstanden allein in Peking, dazu ein monströser neuer Flughafen mit einem Terminal so breit wie Manhattan. China inszeniert sich als Mekka des olympischen Gedankens: schneller, weiter, höher.

Neue Ära. "Die Spiele sind sehr kurz, aber ihr Effekt wird lange nachwirken", jubelt Chinas Premier Wen Jiabao. Am 08. 08. 08 um 08.08 Uhr soll mit den Wettkämpfen auch eine neue Ära beginnen. Ein gesegneter Moment: Acht klingt auf Chinesisch wie das Wort für "Reichtum", deshalb gilt die Zahl als Omen für Wohlstand.

Unter diesem symbolträchtigen Zeichen der vielfachen Acht will die kommunistische Führung einen zentralen Wendepunkt des Landes markieren. Ab jetzt soll China nicht bloß aufholen, sondern den Rest der Welt überholen. Nur, bislang half die Zahlenmagie wenig: Umweltalarm, Terror und der Aufstand in Tibet hinterließen Kratzer im Lack der Inszenierung. Also eher: Ein Land - ein Alptraum? - NEWS hat die acht zentralen Facetten Chinas im Olympia-Jahr 2008 analysiert.

1. Supermacht. Olympia wird Meisterstück des globalen Führungsanspruchs. Superlative prägen die Bilanz der chinesischen Volkswirtschaft seit dreißig Jahren. Bei Wachstumsraten um elf Prozent gelang eine einmalige Symbiose: Die autokratisch regierende Kommunistische Partei verbündete sich mit der Marktwirtschaft. Ihr größter Erfolg: 400 Millionen der 1,3 Milliarden Chinesen leben in nie da gewesenem Wohlstand. Ein Beispiel: Jedes vierte Mobiltelefon, das weltweit aktiviert ist, gehört einem Chinesen oder einer Chinesin. Die Exportquote schnellte in atemberaubendem Tempo in die Höhe. Nach den USA, Japan und Deutschland ist China heute die viertgrößte Volkswirtschaft, spätestens 2050 wird es die Nummer eins sein.

Machtspiele. Vor allem durch architektonische Denkmäler des 21. Jahrhunderts will China den Führungsanspruch während der Olympischen Spiele in die Auslage stellen. Es sei ein Versuch, sich Respekt zu verschaffen, Demütigungen wie die Abstempelung als gelbe Gefahr, wie man China jahrhundertelang empfunden hat, wettzumachen. Und es sei eine Werbeoffensive für das Regime, sagt Joseph Cheng, Professor an der City University in Hongkong. "Die kommunistische Partei setzt auf Nationalstolz, hofft, dass die Spiele ihre Legitimität wieder fest verankern."

Zudem soll Olympia eine klare Botschaft ans Ausland übermitteln: Habt keine Angst, wir erobern nur eure Märkte! Denn der enorme Rohstoffhunger wie auch die militärische Expansion erregen große Besorgnis. China hat eine Armee von 2,3 Millionen Soldaten, zirka hundert einsatzbereite Atomwaffen und ein ambitioniertes Raumfahrtprogramm.

2. Umweltsünder. Eine grüne Revolution Chinas wird globale Überlebensfrage. Atemlos. Der Smognebel um die Stadien im Vorfeld der Olympischen Spiele, Sportler, die Laufbewerbe boykottieren, und die grüne Algenpest im Segelhafen machen das ökologische Desaster sichtbar wie selten zuvor. Die Schadstoffbelastung Pekings liegt beim Sechsfachen von Metropolen wie New York. Um 24 Millionen Dollar wurden Blumen und Grasziegel zur Begrünung Pekings eingekauft. Aber auch das teilweise Fahrverbot der 3,3 Millionen Autos und die Drosselung der Industrieanlagen um zwei Drittel halfen der Umwelt nicht einmal kurzfristig.

Jährlich sterben 750.000 Chinesen an den Folgen der Umweltverschmutzung. 700 Millionen haben kein sauberes Trinkwasser. Drei Viertel aller Seen und die Hälfte der Flüsse sind verschmutzt. Das viertgrößte Land der Erde verbraucht zu viel Wasser, verliert jährlich Milliarden Kubikmeter Erde durch Erosion. Dazu fressen sich Städte immer tiefer ins Land: Hundert Städte Chinas haben heute mehr als eine Million Einwohner. Kohle ist der Treibstoff des chinesischen Wachstums: 70 Prozent des Energiebedarfs werden durch Kohle gedeckt, das sind 40 Prozent des globalen Verbrauchs.

Klimawandel. 2,4 Milliarden Tonnen Kohle werden jährlich verheizt. China ist seit heuer - mit einem Anteil von 18 Prozent - der größte CO2-Emittent der Erde. Gleichzeitig hat es Deutschlands ambitioniertes Ökostromgesetz übernommen, ist auch seit heuer der global größte Erzeuger von erneuerbarer Energie und wird vor allem zum Motor der Solarbranche.

3. Unterdrückung. Menschenrechte sind Verlierer der Olympischen Spiele. Aufruhr. Der Deal zwischen autokratisch regierender KP und ihrer Bevölkerung wird brüchig. Seid still, dafür dürft ihr reich werden, lautete der seltsame Vertrag. Die Definition von Menschenrechten des Regimes beschränkt sich auf das Recht, satt zu werden.

Der Wohlstandszuwachs verlangsamt sich aber, exorbitante Teuerungsraten, Korruption und Umweltzerstörung wecken derzeit die chinesische Zivilgesellschaft auf. Mit Serien-SMS werden immer wieder Zehntausende mobil gemacht, um gegen die Giftschleudern im Industriebereich zu protestieren. Derzeit gibt es fast 70.000 Protestkundgebungen jährlich. 350.000 NGOs, Nichtregierungsgruppen, haben sich formiert. Allerdings agiert nur ein Zehntel von ihnen unabhängig vom Regime.

Hinrichtungsrekord. Doch die Hoffnung, dass die Olympischen Spiele die Demokratisierung beschleunigen, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil. "Die Repressionen verstärkten sich im Vorfeld der Spiele", so die Bilanz von Amnesty International. Die Unterdrückung der Redefreiheit scheint sich in den letzten Jahren zwar etwas gelockert zu haben, doch seit dem Massaker am Tiananmen-Platz 1989 erstickt das Regime jeglichen Ansatz von Widerstand. Und mit 10.000 Hinrichtungen pro Jahr zeigt es, wie viel Härte es für nötig hält.

4. Festung. Modernste Überwachung bleibt auch nach den Spielen aufrecht. 16 Tote forderte der blutigste Terroranschlag, den China seit Jahren erlebte. Kurz vor Beginn der Spiele stürmten zwei mit Granaten und Messern bewaffnete Männer einen Grenzposten in der Region Xinjiang. Eine massive Verschärfung der ohnehin restriktiven Sicherheitsmaßnahmen war die Folge. "Wir sind auf alle erdenklichen Bedrohungen bestens vorbereitet", betont Sun Weide, Sprecher des olympischen Organisationskomitees.

Hunderttausende Sicherheitskräfte, darunter auch paramilitärische Polizeikräfte, und eine Million freiwilliger Bürger, die ihre Straßenzüge kontrollieren, sichern die Austragungsorte der Spiele. Allein in Peking kostet dies 6,5 Milliarden Dollar: Dafür wurden Stadien mit Boden-Luft-Raketen ausgerüstet. Weiters wurden 600 der größten Städte, - auch Lhasa - nun mit Videoanlagen ausgestattet, die direkt mit den Polizeicomputern vernetzt sind. "Es ist die modernste Sicherheitstechnologie, die es gibt", so Experte James Mulvenon.

Schutz des Systems. Mulvenon, dessen US-Sicherheitsfirma in China Großaufträge einheimste, meint wie viele, dass die hohen Ausgaben für Sicherheit nicht bloß Olympia im Visier hatten. Die Spiele seien eher Generalprobe für das neue Equipment des nun weltweit effizientesten Überwachungsstaates.

5. Zensur. Zehntausende Cyberpolizisten kontrollieren jede Bewegung im Netz. Einschränkungen. Der Ansturm von Journalisten, die zur Olympia-Berichterstattung ins Land kommen, beginnt der chinesischen Zensurmauer zuzusetzen. Als eine Gruppe internationaler Reporter am Montag den Tiananmen-Platz besuchte, tauchte eine kleine Protestgruppe auf. Bürger Pekings, deren Häuser für die Sportstät-ten Platz machen mussten, demonstrierten gegen die mickrigen Entschädigungen. Solche Kundgebungen sind nur gegen Voranmeldung und in abgelegenen Zonen erlaubt.

Binnen Stunden wurden spontane Interviews auf dem Platz untersagt und Aufpasser für die Journalisten rekrutiert. Wieder einige Stunden später wurde die Maßnahme zurückgenommen. Dies zeigt, wie schwer sich die Führung mit dem Geist der olympischen Meinungsfreiheit tut.

Virtuelle Grenzen. Doch mittlerweile musste das Internationale Olympische Komitee zugeben, dass man unter dem Druck der Führung die eingeschränkte Pressefreiheit in China in Kauf genommen hatte. Im internationalen Pressezentrum waren plötzlich Internetseiten internationaler Nachrichtenorganisationen gesperrt worden. Nach Protesten wurde deutlich: Die Internetkontrollen durch Zehntausende Cyberpolizisten, die die Chinesen erdulden müssen, gelten auch für Ausländer.

6. Armutsfalle. Die Früchte des Booms ernten nur zehn Prozent der Chinesen. Große Kluft. Weißer Marmor, Panoramalifte ins Penthouse, Dinner und Drinks vom Feinsten: Nur zehn Prozent der Chinesen leben in jenem Luxus, den die neuen Prachtbauten symbolisieren. Das Gros der chinesischen Bevölkerung - eine Milliarde - kämpft entweder am Land oder in den Slums der Metropolen mit bitterster Armut. Selbst der Blick auf das Spektakel Olympia ist nicht das Recht eines jeden: Die Million Wanderarbeiter, die noch vor einer Woche für ein paar Euro am Tag die Sportstätten putzten, müssen gehen: Sie haben keine Aufenthaltsgenehmigung für die Feier.

Armut als Schicksal. "Die Unterschiede zwischen Armen und Reichen verschärfen sich seit 1980 dramatisch", warnt die chinesische Soziologin Jian Wen. Dazu seien die Klassenbarrieren unüberwindbar. Ein Universitätsstudium kostet das 23fache des Jahreseinkommens einer Bauernfamilie. Ihr Fazit: Verschärft sich das Ungleichgewicht, droht - vor allem angesichts der akuten Teuerungswelle - eine soziale Revolte.

7. Tibet. Die Rechnung für den Protest beim Fackelzug kommt nach Olympia. Angst hat die Führung Chinas vor allem vor einer Protestwelle der Tibeter. Seit der brutalen Niederschlagung von Protesten, die diesen März in Tibet aufflackerten, könnten die Spiele, so wie auch der Fackellauf, statt zu einer Werbeshow für China zu einer Sympathiekundgebung für die Tibeter werden. Dies gilt vor allem, seit renommierten US-Medien Geheimdossiers der Führung zugespielt wurden, die Pläne über ein noch brutaleres Durchgreifen in Tibet nach den Spielen beinhalten.

Vielvölkerstaat zeigt Risse. Doch auch das Volk der Uiguren in der Provinz Xinjiang droht dem Regime mit Terror. Informationen über den dortigen Terrorangriff auf chinesische Polizisten vergangenen Montag wurden nur sehr lückenhaft an die Öffentlichkeit weitergegeben. Die muslimische Bevölkerung der Provinz, die ein Sechstel der Landfläche Chinas ausmacht, kämpft - anders als die Tibeter - seit Jahrzehnten mit Gewalt gegen die Führung in Peking.

8. Zukunft. Das Milliardenland will mit den Spielen sein neues Image festigen. Werbe-Schau. "Die Eröffnung der Olympischen Spiele 2008 wird die größte Show, die man auf Erden jemals erlebt hat", verspricht Jintao. Eine Milliarde Fernsehzuseher sollen das Gefühl haben: Die Zukunft der Welt findet in China statt. Kulisse ist das 315 Millionen Dollar teure Vogelnest-Stadion, das direkt an der Machtachse Pekings liegt: Sie reicht vom Tiananmen-Platz bis zum Mao-Mausoleum.

Mehr Infos zu den Olympischen Spielen finden Sie im aktuellen NEWS-Magazin 32/2008