Spitzentöne von

Was braucht ein Nationaltheater?

Eine posthume Uraufführung des genialen Dramatikers Wolfgang Bauers am Burgtheater

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Am Ende schafft es die erfolgreiche Amtszeit der Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann doch noch zur Ära: Für die kommende Saison ist ein Österreich-Schwerpunkt angekündigt, der zwar mehr ein Produkt des Zufalls als des Vorsatzes, aber gerade deshalb Ausweis einer lebendigen, couragierten und animierenden Programmgestaltung ist. Zu Uraufführungen der Autoren Josef Winkler, Ewald Palmetshofer und Ferdinand Schmalz kommt eine weitere, die mich in Begeisterung versetzt: "Der Rüssel", ein 1962 entstandenes surrealistisches Volksstück des Grazers Wolfgang Bauer, wurde 2015 wiederentdeckt und kommt nun am Akademietheater heraus. Das Werk des 21-Jährigen schwingt sich mit stoischer Normalität in schwindelnde Höhen des Absurden: Wie, wenn das tropische Afrika quer durch den Erdball in die perverse Zirbenidylle der Älplerfamilie Tilo bräche?

Als Bauer 2005 starb, war sein Verschwinden aus der Wahrnehmung weit fortgeschritten. Elfriede Jelinek und Peter Handke nennen ihn den größten österreichischen Dramatiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber der träge, opportunistische Theaterbetrieb hatte ihn schon zu Lebzeiten abgeworfen: Fünf Jahre nach dem "Rüssel" war Bauer mit dem hyperrealistischen Jugendstück "Magic Afternoon" zu Weltruhm gelangt. Man verlangte mehr vom Gleichen, doch zwei Nachfolgestücke später kehrte Bauer bewundernswert antizyklisch zum absurden Theater zurück. Seither wartet ein Lebenswerk Nestroy'scher Dimension auf (Wieder-)Entdeckung.

Bauers bis dato letzte, unglücklich verlaufene Aufführung am Burgtheater ist 30 Jahre her. Seither blieben alle Appelle ungehört, und das wirft die Frage nach den Aufgaben eines österreichischen Nationaltheaters auf. Wie ist es darüber hinaus möglich, dass sich - eine Kleinstproduktion auf dem Dachboden des Volkstheaters ausgenommen - seit 2005 keine Wiener Großbühne zur Aufführung eines Bauer'schen Werks bequemt hat? Wo sind die Auseinandersetzungen mit dem 2009 verstorbenen Genie Gert Jonke? Wird Peter Handke nach Luc Bondys Tod seinen Platz in den Spielplänen behalten, wenn Claus Peymann in Berlin und Karin Bergmann in Wien abgedankt haben?

Dass jeder - wirklich jeder - Elfriede Jelinek spielt, ist begrüßenswert, aber keine Ausrede für Versäumnisse und intellektuelle Antriebslosigkeit: Die Nobelpreisträgerin steht, einem ausnahmsweise produktiven Zufall folgend, neben einer Unmenge an Mist hoch oben auf dem Portfolio der Trend-Mafia.

In Wahrheit nimmt derzeit nur eine Großbühne die ihr gar nicht zugewiesenen Aufgaben eines österreichischen Nationaltheaters wahr: An der Josefstadt haben Peter Turrini und Felix Mitterer ihre Heimat. Wie sie verweigert sich auch der komplizierte Welt-Romancier Daniel Kehlmann Stildiktaten, die von einem provinziellen und publikumsfernen Feuilletonisten-, Dramaturgen- und Intendantenbläschen ausgegeben werden und denen die Politik wie hypnotisiert folgt. Deshalb vertraut auch Kehlmann seine Uraufführungen dem Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger an.

Föttinger, der Wiens aktivstes, zudem glänzend besuchtes Uraufführungstheater betreibt, wäre in Wahrheit der logische Nachfolger, wenn Karin Bergmann im Sommer 2019 abtritt. Darüber herrscht unter Kundigen ebensolcher Konsens wie über die Tatsache, dass die Personalie nicht kommunizierbar wäre. Nur: warum eigentlich, und vor allem wem?