Generation-Doping von

So gefährlich ist das rasante
Streben nach Perfektion

"Fitness ist Mode. Und viele belügen sich damit selbst."

Generation-Doping - So gefährlich ist das rasante
Streben nach Perfektion © Bild: imago/Westend61

In den siebziger und achtziger Jahren waren es vor allem Bodybuilder, die mit verbotenen Substanzen ihre Muskeln formten. Heute gehört Doping zur Gesellschaft. Die Generation "Perfekt" optimiert nicht nur ihren Lebenslauf, ihr Outfit sondern vor allem ihren Körper.

Wenn Menschen an Gewichten arbeiten, arbeiten sie oft auch an der eigenen Identität. „Am Körper sieht man schnell Veränderungen. Hier kann man sehr einfach seine Schönheitsideale verwirklichen und so über den Körper Selbstwert aufbauen“, erklärt Otmar Weiss, Sportsoziologe an der Universität Wien, den Trend zum übertriebenen Körperkult.

»Ich hau‘ mir jetzt was rein und bin in 4 Monaten am Ziel«

Die persönlichen Idealvorstellungen von „Wer bin ich?“ und „Wer will ich sein?“ lassen sich für viele nur mit Substanzmissbrauch erreichen. Während die einen möglichst schnell zur Badehosen oder Bikinifigur kommen möchten, wollen die anderen schmerzfrei einen Marathon laufen. Das Ergebnis ist das gleiche: Die Sportler greifen zu Präparaten, Schmerzmittel, Supplementen und anderen „kleinen Helferleins“.

Falsche Ziele und fehlender Ehrgeiz

Das bestätigt auch Fitnesstrainer und Tänzer Sasa Nesovic. Der 29-Jährige hat schon früh begonnen sein Leben dem Sport zu widmen. Als Neun-Jähriger begann seine Karriere als Breakdancer. Seit rund 10 Jahren trainiert er auch im Fitnessstudio und arbeitete dort als Personal Trainer. Vor Prohormonen oder anderen Präparaten, rät er vehement ab. „Fitness ist Mode. Und viele belügen sich damit selbst. Es ist traurig mitanzusehen, dass Leute, die vorher noch nie Sport gemacht haben, gleich von Anfang an etwas nehmen, um möglichst schnell voranzukommen.“

Dopingkarriere vergleichbar mit Drogenkarriere

Der Ablauf sei meistens der gleiche. Es starte in der Apotheke oder in Proteinshops, verlagert sich ins Internet und endet dann am Schwarzmarkt. Als Dealer fungieren häufig „Freunde von Freunden“ im Fitnessstudio. Sie verfügen über gefährliches Halbwissen. Und jeder kennt jemanden, der ein bestimmtes Mittel besorgen kann. Verbotene Substanzen, wie etwa Anabolika oder „EPO“ (Erythropoetin) sind freilich nicht von Anfang an Thema.

„Im Breitensport beginnt niemand mit dem Injizieren von Wachstumshormonen oder Blutdoping“, sagt Michael Cepic, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada Austria). Man spreche von der sogenannten „Treppe der Versuchung“. „Es ist ein Gewöhnungseffekt, ähnlich einer Drogenkarriere“, weiß er. Die Hemmschwelle werde sukzessive abgebaut.

© imago/Westend61

Illegale Substanzen breiten sich aus

Mit der Frage, wie stark das Phänomen "Doping" schon aus dem Leistungs- in den Hobbysport einsickert, beschäftigte sich auch Sportwissenschaftler Pavel Dietz. Schon vor einem Jahr veröffentlichte er eine Studie, die auf die „erschreckend hohe“ Ausbreitung der teils illegalen Substanzen aufmerksam machte.

»Doping hat es immer schon gegeben, aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt«

Demnach geht die Forschung davon aus, dass bis zu einem Fünftel der Freizeitsportler "Substanzmissbrauch" betreiben. Die Kriminalpolizei hat im Vorjahr in Österreich rund eine Tonne anabole Steroide und ähnliche Dopingmittel beschlagnahmt. Die Dunkelziffer liege deutlich höher. Das ‚Phänomen Doping‘ hat es immer schon gegeben aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt“, sagt Cepic von der Nada-Austria. Dem versucht er mit einer Aufklärungskampagne mit Schwerpunkt Nachwuchsleistungssport und einem Gütesiegel für Fitnesscenter entgegenzuwirken.

Die schweren Folgen des Substanzen-Missbrauchs

Denn die langfristigen Folgen des Substanzen-Missbrauchs sind vielen Hobby-Athleten nicht bewusst. Dabei geht es nicht nur um hochgradige Leber und-Nierenschäden, erhöhtes Krebsrisiko und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sondern auch um die Belastung des gesamten Hormonhaushaltes, der sich schließlich auf die Psyche auswirkt.

»Sie bekommen Komplexe und Stimmungsschwankungen«

„Die Leute kommen schon von Anabolika weg, aber dann verlieren sie schnell an Masse. Wenn das Kilogewicht fällt, bekommen sie Komplexe und Stimmungsschwankungen“, weiß Personal Trainer Nesovic.

In der Leistungsgesellschaft fehlt das Mittelmaß

Was fehlt sei ein gesundes Körperbewusstsein und Mittelmaß. Das betreffe auch die Ernährung. „Menschen die Trends hinterherlaufen sind nachher unglücklicher als vorher. Es kommt zu einer Verschiebung in der Persönlichkeit“, erklärt Sportsoziologe Weiss.

Doping oder Enhancement wie im Fachjargon heißt, sei ein gesellschaftliches Problem, dass sich nur durch Aufklärung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung lösen lasse. Von dem reinen Streben nach Perfektion hält auch Sportler Sasa Nesovic wenig: „Es ist es die Erfahrung, die dich ausmacht. Nur Geduld und jahrelanges Training können dich ans Ziel führen.“

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