Literatur

vonSusanne Zobl
Donnerstag, 9. Februar 2012

"Claustria"

  • NEWS: Autor Régis Jauffret über seinen Roman - die deutsche Fassung erscheint im Herbst.

 

Der Roman über die Kellerkinder von Amstetten ist Frankreichs Literatursensation der Stunde. Im Herbst erscheint die deutsche Fassung. NEWS.AT sprach mit dem Autor: Weshalb Régis Jauffret die Ermittlungen in der Causa Fritzl anzweifelt. Und wie er sich gegen den Vorwurf der Spekulation wehrt.

An einem Dezembermorgen des Jahres 2055 sacken die letzten, brüchigen Pfeiler der Erinnerung unter dem grauen Himmel Amstettens in sich zusammen: Das Fritzl-Haus wird kontrollierter Sprengung unterzogen, und keiner will zusehen. Selbst der einschlägig engagierte Altbürgermeister – er hatte sich vergebens bemüht, den irgendwie historischen Vorgang zum Presseereignis zu machen und wollte ihn wenigstens selbst fotografisch festhalten – zieht es vor, wegen einer Erkältung zu­hause zu bleiben. Siebenmal hat die Immobilie den Besitzer gewechselt, seit die nieder­österreichische Stadt anno 2008 zum Synonym für das Äußerste wurde, was Menschen ihren nächsten Mitmenschen widerfahren lassen können. Zuletzt war ein dort situierter Nachtklub in Konkurs gegangen, und so stirbt das Haus ­seinen Bewohnern hinterher. Ihre Schicksale hat der französische Autor Régis Jauffret, 56, mit schreckenvoller Prägnanz hochgerechnet. Der Roman „Claustria“ hat binnen zwei Wochen 25.000 Exemplare verkauft, und, was um nichts weniger erstaunlich ist: Die Lite­raturkritik überschlägt sich. In der Vorwoche berichtete NEWS, dass der Salzburger Verleger Hannes Steiner gegen massive Konkurrenz die deutschsprachigen Rechte erworben habe. Der Gründer des erfolgreichen Sachbuchverlags Ecowin etabliert eigens dafür die Belletristik-Marke „H. Steiner“. Sieben Kinder zeugte Josef Fritzl (er ist der Einzige, der im Roman beim un­veränderten Vornamen genannt wird) mit seiner 24 Jahre lang im Keller festgehal­tenen Tochter, die hier „Angelika“ heißt. Eines starb nach der Geburt, drei legte Fritzl sich und seiner Frau mit aberwitzigen Begründungen vor die Haustür. Drei aber beließ er bei der Mutter im Keller, wenige Meter unterhalb der Familienidylle: eine Tochter (hier: „Petra“), die zum Zeitpunkt der Befreiung 19 war, und zwei Söhne, 18 („Martin“) und fünf („Roman“). Auf sie und die Mutter konzentriert Jauffret die Aufmerksamkeit seines Buches. Erster Protagonist ist Roman, der in Wien wohnhafte Jüngste, der verwirrt das Trümmerfeld in Amstetten inspiziert: „Mit 52 Jahren war das ehemalige Kind Roman Fritzl der letzte Überlebende des kleinen Volks aus dem Keller. Seine Mutter war tot, sein Bruder und seine Schwester hatten das vierzigste Lebensjahr nicht erreicht. Die freie Luft hatte sie langsam getötet, wie eine giftige Ausdünstung.“

„Habe nicht spekuliert!“
Einmal schon hat Jauffret ein reales ­Verbrechen thematisiert: Die Familie des ermordeten französischen Bankiers Édouard Stern wollte gegen den Roman „Streng“ gerichtlich vorgehen, doch die Klage wurde abgewiesen. Im NEWS-Interview entgegnet er dem Vorwurf der Spekulation: „Weshalb macht man immer nur Schriftstellern Vorwürfe, wenn sie über solche Fälle berichten, und den Journalisten nicht? Und weshalb nimmt man wörtlich, was in einem Roman steht? Ich habe nie mit solch einem Echo in Frankreich gerechnet. Das Thema Fritzl wurde bei uns in den Medien nie groß behandelt, nur Kampusch.“ Das Thema habe ihn sofort fasziniert: „Als ich die Nachricht von dem Verbrechen im Radio hörte, wusste ich sofort, dass ich darüber schreiben ­werde. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, als ich dann auch noch hörte, dass der kleine F. (der hier „Roman“ genannte Fritzl-Sohn; Anm.) gar nicht erstaunt war, als er die Polizeiautos sah: Er kannte das alles ja vom Fernsehen. F. ist der Hauptgrund, aus dem ich das Buch geschrieben habe.“ Jauffret zieht Platons Höhlengleichnis her­an: Dort halten in ­einer Höhle festgehaltene Menschen die Schatten der Ereignisse, die sich hinter ihnen im Sonnenlicht zutragen, für die Wirklichkeit.

„Wollte nur die Wahrheit herausfinden“
Nach der explosiven Einleitung wählt der reportagehaft schildernde Ich-Erzähler die Technik des Rückblicks. Ende No­vember 2008 bereist er erstmals Am­stetten: „Ein graues Loch in Niederösterreich, umgeben von Wäldern und Bergen.“ Einen Luftballon als Geschenk, fährt er im Taxi zum Krankenhaus, in dem der kleine Roman vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten wird. Mit einem weißen Kittel getarnt, verbirgt sich der Ich-Erzähler hinter einer Tanne. „Eine Tür öffnet sich. Ein Krankenpfleger kommt heraus. Roman folgt ihm, im roten Skianzug mit grün- mandelfarbenen Moonboots.“ Der Krankenpfleger verlässt für eine Rauchpause die Szene, der Ich-Erzähler nähert sich mit seinem Ballon dem Kind und fliegt auf, da er kein Deutsch spricht. „Ich fuhr mit dem Bus zurück nach Wien. Ich ging. Eine Stadt wie eine Opernbühne, wo man ständig darauf wartete, dass sich der Vorhang hob. Der Verkehr auf der Suche nach ihren Plätzen durch die Reihen drängten. Ich zweifelte nicht daran, Hitler an einer Straßenecke zu begegnen.“ – „Für mich entstand dieses Bild, als ich in Wien war“, bekräftigt Jauffret im Gespräch. „So wie viele andere Franzosen dachte ich immer, Österreich wäre ein Teil Deutschlands.“ Ist er nun selbst der Ich-Erzähler? Hat er die Kinder wirklich getroffen? „Auf ein paar Fragen kann ich keine Antwort geben. Ich will niemanden in eine peinliche Situation bringen. Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen und allen versichert, dass ich ihre Namen nicht preisgeben werde. Und die Leute, die mit mir gesprochen haben, taten das in guter Absicht. Denn ich wollte nur eines: versuchen, die Wahrheit ans Licht zu ­bringen.“

Romans Leben
Die ersten Kapitel sind Romans Leben gewidmet. Im Zeitraffer läuft seine Geschichte ab: Er wird im Belvedere als ­Gärtner beschäftigt und hat mehrere Beziehungen mit Frauen, die alle scheitern. Ein englischer Verlag bietet ihm eine ­große Summe für die Geschichte, mit der schon Mutter Angelika 25 Millionen Dollar verdient hat. Für den Vorschuss erwirbt er eine Wohnung in Wien. Als er aber den Autoren, mit denen er das Buch schreiben soll, gegenübersitzt, erinnert er sich nur an Fragmente. Im Roman wird das so erzählt: „Die Redakteure sahen sich verpflichtet, etwas zu erfinden. Sie ließen ihn sagen, dass der ­Vater im Bierrausch ,Mein Kampf‘ vorge­lesen habe, auf seinem Oberkörper wäre ein Hakenkreuz tätowiert.“ Auch die Großmutter wäre im Keller zu Besuch gewesen. „In Wirklichkeit erinnerte er sich nicht, dass seine Großmutter jemals in den Keller hinabgestiegen wäre. Er erinnerte sich überhaupt nicht mehr an sie.“

Was aus „Angelika“ wurde
Und was wurde aus den anderen Be­freiten? Jauffret rekapituliert ihr Schicksal in ­kurzen Rückblicken. Ein Urlaub am Meer, so hofft Angelika, werde den Kindern das Gefühl für das Sonnenlicht geben. Aber sie zogen sich in Innenräume zurück, immer eng bei der Mutter verbleibend. Angelikas Ende handelt Jauffret ­lakonisch ab: Nachdem sie mit ihrer ­Geschichte Millionen ­verdient hatte, emigrierte sie wegen der Steuer in die Schweiz. „Mit 79 Jahren hatte die Krankheit Alzheimer Mitleid mit ihr. Mit 82 Jahren waren die letzten Bilder aus dem Keller aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht.“ 45 Jahre nach ihrer Befreiung ist Angelika gestorben. Welcherart diese Bilder waren, verschweigt der Roman nicht: „Er hatte sie angekettet, schmiss ihr die Nahrung hin. Und wenn er Lust hatte, bestieg er sie.“ Hat ein Autor denn das Recht, von ­anderen Erlittenes zum Roman zu machen? Jauffret: „Künstler haben das Recht, Grauen zu beschreiben, denken Sie an ,Guernica‘ von Picasso, auch wenn das ­kubistisch ist. Es gab dort auch glückliche Momente. Die Familie feierte Weihnachten und Geburtstage. Aber ich kann zu ihrer Psychologie nichts sagen. Ich weiß nicht, was sie dort empfunden hat, als sie 24 Jahre lang eingesperrt war. Sie hatte ­irgendwann einmal keine Hoffnung mehr, dort herauszukommen. Solche Höhlen­situationen werden für uns immer ein Mysterium bleiben. Für mich stand aber das Inzestthema nicht im Vordergrund. Das ist doch nur in unseren Gesellschaften ein Tabu. Mich interessierten die Kinder aus der Höhle.“ Jauffret fabuliert sich auch tief in Josef Fritzls Kindheit: Er selbst sei nach dem Verschwinden der Mutter in ein Waisenhaus verbracht worden. Die Romanfigur Josef Fritzl behauptet ohne Erläuterung, die Mutter sei dem Konzentrationslager Mauthausen entkommen und später vom Sohn 21 Jahre lang auf dem Dachboden eingesperrt worden. Fritzls Ehefrau habe das wissend toleriert und auch hingenommen, dass ihr Mann einst wegen Verge­waltigung 18 Monate eingesessen habe. Fritzl selbst wird im Roman beim Gespräch mit seinem Anwalt beschrieben: ein ruhiger, gelassener Mann, der nach ­einem Kamm verlangt. Jauffret: „Ich hätte Josef Fritzl treffen können, wenn ich gewollt hätte. Er hat ja auch mit Journalisten gesprochen. Aber das wollte ich nicht. Ich sah ihn beim Prozess, und da sind mir besonders seine Haare aufgefallen. Er war perfekt frisiert, obwohl er im Gefängnis keinen Friseur zur Verfügung hatte. Das hat mich verwundert. Für mich ist er eine narzisstische Figur und ein absolutes Monster. Er hat dieses Verbrechen 24 Jahre lang begangen. Das ist viel schlimmer, als wenn ein Mörder sein Opfer in fünf ­Minuten umbringt. Beim Prozess merkte ich keinen Funken Reue bei ihm. Nur, dass er erwischt wurde.“

„Weshalb hat man seine Frau nicht befragt?“
An den polizeilichen Ermittlungen hegt Jauffret übrigens erhebliche Zweifel. ­„Angelikas Raum war nicht schalldicht“, heißt es im Roman. Jauffret zu NEWS: „Wäre der Keller zur Gänze aus Beton und auch noch schalldicht gewesen, wären die alle dort gestorben. Ich glaube nicht, dass niemand etwas davon gesehen hat. Man hat alles recherchiert. Aber die ­Wahrheit nicht. Weshalb hat man nie die Mutter ­befragt? Als ich bei der Presse­konferenz nach dem Prozess fragte, ob man Fritzls Ehefrau nicht polizeilich befragt habe, sagte man mir kurz: ,Nein, das ­wurde nicht gemacht. Der Fall ist abgeschlossen.‘“ Jauffret abschließend: „Diese Geschich­te ist nicht nur schrecklich, sie macht auch Angst. Ich fürchte ständig, dass es viele solche Keller gibt.“ Und es ist keineswegs ausgemacht, dass sie sich alle unter österreichischem Boden befinden.

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9.2.2012 09:21
Autor:Susanne Zobl