Karl-Heinz Töchterle
Der "Ski-Minister"
- Der Wissenschaftsminister im Interview und auf der Piste: "Ich bin eher cholerisch"
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Halsbrecherische Erstbefahrungen abgelegener Steilhänge erwartet man von diesem Mann eigentlich nicht. Seit neun Monaten im Amt, gilt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle am Wiener Parkett als besonnener Experte. Nachdenklich, ein wenig zurückhaltend. Ein studierter Altphilologe, erst Professor, dann Rektor an der Universität Innsbruck mit gelegentlichem Hang zum Dozieren. Daheim in Telfes im Stubai kennt man einen anderen Karlheinz Töchterle. Einen Fanatiker beim Sport. Der sagt: Wenn ich Ski an den Füßen hab, bin ich wirklich mutig.
NEWS-Fotograf Ricardo Herrgott durfte den Minister zu Weihnachten in seine Hausberge, die Kalkkögel, begleiten. Er beobachtete, wie Töchterle grundsätzlich keine vorhandene Spur benützt. Ob das auch in der Politik geht? Auch hier gehe ich lieber meinen eigenen Weg, sagt Töchterle, und: Man muss auch in der Politik das Gelände optimal nützen, um ans Ziel zu kommen.
Und die politischen Ziele, die sich der Minister für dieses Jahr gesteckt hat, sind komplex. Unter dem harmlosen Titel Österreichischer Hochschulplan will Töchterle die Unis gründlich umkrempeln. Heftige Debatten mit ProfessorInnen, Studierenden und der SPÖ sind da programmiert.
Im NEWS-Interview analysiert Töchterle die Knackpunkte: Durch die geplante Studienplatzfinanzierung wird es Zugangsbeschränkungen und limitierte Studienplätze an den Universitäten geben. Töchterle: Man muss ehrlich sagen: Es wird Leute geben, die die Voraussetzungen für ein Studium erfüllen, aber für die einfach kein Platz da ist. Dagegen wird die Österreichische HochschülerInnenschaft Widerstand leisten. Zu Debatten mit Rektoren und Professoren wird das Ansinnen führen, die Uni-Landschaft auf Doppelgleisigkeiten zu durchforsten. Töchterle: Bei kleinen Studienrichtungen wird man darüber nachdenken müssen, ob man sie an allen Standorten braucht.
Ebenfalls geplant: finanzielle Anreize für Universitäten, die es schaffen, ihre Studierenden schneller zum Abschluss zu bringen. Die Mittel dazu reichen von Druck bis zur Qualitätsverbesserung an den Unis. NEWS traf Töchterle zum Gespräch über politisches und sportliches Risiko. Und über Gerüchte in der ÖVP, die ihn bereits als Präsidentschaftskandidaten nennen.
NEWS: Welches Verhältnis haben Sie zum Risiko? Sie wirken so überlegt, da überrascht es, dass Sie so ein Hobby pflegen.
Karlheinz Töchterle: Mich überrascht, dass man mir Charakterzüge zuschreibt, die ich an mir gar nicht sehe. Ganz ehrlich: Ich bin eher cholerisch. Alter und Lebenserfahrung haben diese Eigenschaft abgeschwächt. Im Sport, aber auch bei anderen Dingen, bin ich sehr engagiert, fanatisch. Ein Beißer. Ob es das Radlfahren ist oder das Skifahren oder andere Lebenslagen. Ich will das Optimum. "Bin nicht der oberwilde Hund"
NEWS: Sie würden nicht umdrehen, wenn es hart wird?
Töchterle: Ich bin jetzt nicht der oberwilde Hund am Berg. Aber wenn ich Ski an den Füßen hab, trau ich mir viel zu. Ich will den perfekten Ski-Genuss. Dafür nehm ich viel in Kauf: Steilheit, ein gewisses Risiko auch wenn man versucht, das zu minimieren.
NEWS: Gibt es da auch Momente der Angst?
Töchterle: Nie. Bei sehr steilen Gletscherflanken habe ich ein wohliges Kribbeln. Wie vor einer Prüfung. Da werden positive Hormone ausgeschüttet.
NEWS: Gute Gelegenheit, die Kurve zu nehmen: Haben Sie vor dem Wechsel ins Ministeramt auch so ein Kribbeln gespürt?
Töchterle: Das ist vergleichbar. Ich suche die Herausforderung. Sie schreckt mich kaum je. Ich habe die Zuversicht: Ich werde sie bewältigen.
NEWS: Was war Ihre schwerste politische Tour?
Töchterle: Die Hochschulmilliarde. Die Bereitschaft der Finanzministerin war klar, aber im Herbst hat es sich zugespitzt. Für mich war es schwierig, das zu verhandeln. Ich sehe ja, wie rundherum alle sparen, und ich muss für meine Klientel fordernd auftreten. Das Fordernde liegt mir nicht. Ich wäre ein schlechter Verkäufer. Da bin ich verhalten.
NEWS: Ministerin Fekter hatte ihr Ja zur Hochschulmilliarde mit Studiengebühren verknüpft.
Töchterle: Zu Recht. Denn die Unis sind nach wie vor nicht so finanziert, wie sie sich nach allerbestem internationalem Standard finanzieren ließen. Studienbeiträge wären ein Schritt zu mehr internationaler Konkurrenzfähigkeit.
NEWS: Frustriert Sie das reflexartige Nein der SPÖ dazu?
Töchterle: Es frustriert mich schon. Weil das Thema tabuisiert wird und man nicht einmal reden will. Von ein paar Ausnahmen wie Vranitzky, Androsch oder Burgstaller abgesehen. Die Parteilinie ist: Man will nicht zugeben, dass es wenn man es klug macht keine soziale Selektion durch Studienbeiträge gibt, was ich ja auch nicht will. Und dass die meisten Leute, die wir an den Unis ausbilden, nachher gut verdienen. Außerdem haben wir viele ausländische Studierende, die einen Beitrag für unser Uni-System leisten sollten. Warum soll der österreichische Steuerzahler noch dazu jetzt jeden ausländischen Studenten zur Gänze finanzieren? Ein Medizinstudium kostet bis zu 40.000 Euro pro Jahr.
NEWS: Sie haben einen Hochschulplan vorgelegt, der einen weiteren Knackpunkt mit der SPÖ birgt: die Studienplatzfinanzierung. Die heißt: Nicht jeder wird studieren können.
Töchterle: Das ist ein Knackpunkt. Das ist sonnenklar. Es gab schon Vorgespräche mit SPÖ-Wissenschaftssprecherin Kuntzl. Ich habe gesagt, da müssen wir uns rasch einigen, weil das neue System in den nächsten Jahren implementiert werden soll. Sie hat erfreulicherweise nicht von vornherein Nein gesagt. Sie will und ich auch , dass Österreicher hohe Wahlfreiheit bei ihrem Studium haben, auch wenn wir EU-Studenten nicht diskriminieren dürfen. "Das stößt sofort an Grenzen"
NEWS: Heißt in der Praxis?
Töchterle: Ich will den Unis per Gesetz erlauben, in den Massenfächern Zugangsregelungen einzuführen. Die brauchen wir. Der Hauptgrund ist, dass Unis Kapazitätsgrenzen haben. Das ist so schlicht, dass ich es gar nicht mehr gerne sage. Wenn jemand sagt: Ihr müsst halt mehr Geld in die Hand nehmen, stößt das sofort an Grenzen. An volkswirtschaftliche und an logistische. Wenn ich die nicht lebe, schaffe ich für alle an den Unis unzumutbare Zustände.
NEWS: Die Unis sollen entscheiden, wie sie den Zugang regeln?
Töchterle: Der Staat soll mitreden, wie viele Studienplätze finanziert werden. Die Uni soll entscheiden, wie sie die Leute auswählt. Ich wünsche mir, dass die Eingangsverfahren prognosestark und gerecht sind. Man muss ehrlich sagen: Es wird immer welche geben, die die Voraussetzungen erfüllen, aber für die einfach kein Platz da ist. Aber die Entscheidung ist ja nicht für die Ewigkeit. Man kann ein ähnliches Fach anfangen und später wechseln, wenn man etwas unbedingt studieren will.
NEWS: Ein Knackpunkt mit den Universitäten wird sein, dass Sie deren Angebot abstimmen wollen. Nicht mehr jedes Studium an jedem Standort?
Töchterle: Ich komme selber aus einem Fach, wo sich solche Überlegungen aufdrängen, und habe früher dafür gekämpft, dass die klassische Philologie an allen vier Standorten voll angeboten wird. Einen pragmatisierten Professor kann ich nicht entlassen, und bevor ich ihn nicht beschäftige, führe ich das Studium weiter. Dennoch wird man bei kleinen Fächern mit den Unis überlegen, ob man alle Standorte braucht. Wobei natürlich alle, die ein Studium begonnen haben, es dort zu Ende führen können.
NEWS: Wie werden Studierende die Uni-Reform noch spüren?
Töchterle: Wir wollen über die Leistungsvereinbarungen mit den Unis honorieren, wenn Studierende, die weniger als acht ECTS-Punkte pro Semester machen, aktiviert werden. Eine Maßnahme, die die Unis da setzen können, ist Qualitätsverbesserung. Schlechte Qualität und der damit verbundene Frust in Massenstudien ist ein Grund, warum nicht studiert wird. Außerdem werden wir Unis finanziell belohnen, wenn sie mehr AbsolventInnen haben. Das werden Studierende durch offensivere und schnelle Prüfungs- und Abschlussgestaltung spüren. Als Minister, der öffentliche Gelder verwaltet, muss ich dem Effizienzgedanken huldigen, auch wenn er sich manchmal mit dem universitären Gedanken beißt.
NEWS: Sie haben für NEWS einmal Ihre Utopie einer idealen Uni skizziert: Totale Freiheit für die Studierenden. Mit Ihren Vorschlägen im Hochschulplan gehts in die Gegenrichtung.
Töchterle: Die Utopie ist ja ein Nicht-Ort. Das heißt, sie findet nicht statt. Aber Utopien sind sinnvoll, wenn man sich ihnen annähert. Bei Aristophanes gibt es eine interessante Utopie in einer Komödie: eine Weiberherrschaft, er macht sich völlig lustig drüber. Und jetzt hamma sie ein bissl (schmunzelt.)
NEWS: Und schlecht?
Töchterle: Nein. Sehr gut. Man sieht also, dass viele Utopien in die Nähe der Realisierung geraten. Wenn ich an den Unis viele Freiheiten gebe, baue ich Hürden ab. Dieses Scheine-Sammeln, die aufeinander aufbauen, errichtet Sperren. Man verliert schnell ein Semester. Da brächte meine Utopie sogar mehr Effizienz. "Ich gehe meine eigene Spur"
NEWS: Zurück zum Tourengehen. Dem NEWS-Fotografen ist aufgefallen, dass Sie nie in einer ausgetretenen Spur gehen. Geht das auch in der Politik?
Töchterle: Ein schönes Bild. Ich bin auch da ein Fetischist. Ich will das Gelände optimal begehen. Wenn eine Spur nicht optimal angelegt ist, gehe ich meine eigene. Allein dadurch, dass ich nicht in der Politik sozialisiert bin, gehe ich neben der Spur. Obwohl das ist eine heikle Formulierung (lacht). Sagen wir lieber, ich gehe meine eigene Spur. Möglichst wenig Spitzkehren. Das versuche ich auch in der Politik.
NEWS: Man muss den Weg von Anfang an kennen?
Töchterle: Und das Ziel. Mit meinen Brüdern hab ich den Spruch: Die Skispitzen müssen immer zum Gipfel zeigen. Das passt auch hier.
NEWS: Jetzt werden Sie eher den Umweg versuchen: In der ÖVP werden Sie als Präsidentschaftskandidat gehandelt.
Töchterle (schmunzelt): Was? Ich hab ein Alter
NEWS: Ein Präsidentenalter
Töchterle: Über solche Dinge denke ich nicht nach.
NEWS: Aber Sie nehmen doch jede Herausforderung an?
Töchterle: Manche sind mir doch zu groß. Außerdem: Mein Zeithorizont geht bis zur Wahl 2013. Dann wird man weiter sehen. Ich habe eine Grundsehnsucht nach Tirol, der Familie und danach, noch ein, zwei Jahre auf der Uni zu sein.
NEWS: Geht sich super aus. Präsidentenwahl ist 2016
Töchterle: Ich glaub, wenn ich weg bin, bin ich weg. Wenns nach der Wahl 2013 sehr interessant ist, könnt man noch ein bissl was dranhängen.
