Sucht
"Ich konnte nicht anders"
- Spiel-, Kauf- und Online-Sucht. Betroffene sprechen über ihr Leben in Abhängigkeit.

Eines Tages, Christian kann nicht mehr sagen wann, waren sie plötzlich da. Anfangs nur ab und zu, dann täglich, schließlich rund um die Uhr. Diese bohrenden Gedanken, das Verlangen nach dem Automaten, den blinkenden Lichtern und Symbolen, dem Kick, dem Gewinnen. "Ich wusste", so Christian, "dass ich es nicht tun darf, es mir nicht gut tut. Dennoch musste ich dort einfach immer wieder hin."
400.000 Österreicher und Österreicherinnen gelten als kaufsuchtgefährdet. 64.000 sind spielsüchtig. Neben der Spiel-, und der Kauf- ist auch die Onlinesucht im Vormarsch. In NEWS sprechen Betroffene über das Leben mit der Abhängigkeit.
"Dort", das waren Spielhallen, Cafés und Bars, in denen der heute 22-Jährige seit seinem 16. Lebensjahr den Großteil seiner Freizeit verbrachte und an Automaten spielte oft täglich, stundenlang. Bis zu 20.000 Euro verspielte der Lehrling in einem Monat, gewann immer wieder größere Summen. Doch schlussendlich war sein Schuldenberg auf 32.000 Euro angewachsen, der Wiener konnte seine Rechnungen nicht mehr zahlen, das Inkassobüro stand vor der Türe: "Die Sucht hat vieles in meinem Leben zerstört. Doch ich konnte nicht anders, musste ihr immer nachgeben."
"Neue" Süchte nehmen zu
Die Gefühle von Christian, nur allzu viele Menschen in Österreich kennen sie zu gut. Denn die sogenannten nichtstoffgebunden Süchte wie Spiel-, Kauf- und Onlinesucht sind auf dem Vormarsch. Experten gehen davon aus, dass 64.000 Frauen und Männer von Spielsucht betroffen sind, wobei die meisten schon vor der Volljährigkeit mit dem Spielen beginnen. 400.000 ÖsterreicherInnen gelten als kaufsuchtgefährdet oder sind bereits abhängig. Immerhin noch 50.000 sind der "jüngsten" nichtstoffgebundenen Sucht verfallen: jener nach dem Internet. Michael Musalek, Leiter des Wiener Anton Proksch Instituts: "Es gibt keine klassische Risikogruppe. All diese Süchte können jeden Einzelnen von uns betreffen vom Teenager bis zum Pensionisten."
Dennoch ist auffällig, dass immer mehr Jugendliche von den "neuen" Abhängigkeiten betroffen sind. So belegt eine Studie der Arbeiterkammer Wien, dass die größte Gefährdung für Kaufsucht bei jungen Frauen gegeben ist. Demnach sind 53 Prozent aller 14- bis 24-Jährigen nicht davor gefeit, in einen Kaufrausch zu verfallen. Zum Vergleich: Bei den Männern sind es in dieser Altersgruppe "nur" 40 Prozent. Mit zunehmendem Alter nimmt die Gefährdung ab. So gehören in der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen nur mehr 25 Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer zur Risikogruppe.
Langer Leidensweg
Erst wenn Tausende, Zehntausend Euro für die Befriedigung der Sucht ausgegeben wurden, Freunde und Verwandte sich abgewandt haben, erkennen viele, dass eine Therapie der einzige Ausweg aus der Spirale ist. So auch im Fall von Karl. Der Wiener litt 23 Jahre lang an Spiel- und Alkoholsucht. Erst als sich seine Schulden auf 50.000 Euro beliefen, er kurz davor war, Wohnung und Arbeitsplatz zu verlieren, ließ sich der 43-Jährige ins Anton Proksch Institut einweisen. "Nach einem Selbstmordversuch habe ich gewusst: Wenn ich mir jetzt nicht Hilfe suche, dann ist alles zu Ende."
Michael Musalek bestätigt, dass die Betroffenen oftmals einen langen Leidensweg hinter sich haben, ehe sie Hilfe in Anspruch nehmen: "Sich die Abhängigkeit einzugestehen ist der schwerste Schritt. Deshalb kommen die Süchtigen im Durchschnitt auch erst nach fünf bis acht Jahren zu uns." Je nach Art und Stärke der Abhängigkeit werden die Betroffenen ambulant behandelt oder stationär aufgenommen oftmals bis zu drei Monate lang. Denn nicht wenige leiden an einer Ko-Morbidität. Das heißt zur nichtstoffgebundenen Sucht kommt oft noch jene nach Alkohol oder Medikamenten hinzu.
Wie alle anderen sind auch die "neuen" Süchte nicht heilbar. Abhängige können nur lernen, damit umzugehen, sich andere Taktiken zu suchen, um jenes Glücksgefühl zu verspüren, das ihnen viele Jahre lang der Spielautomat, das Erwerben von Gütern oder das Surfen im Internet beschert haben. Methoden, die unter anderem auch in der psychosomatischen Klinik Eggenburg im niederösterreichischen Waldviertel gelehrt werden. Klinikleiter Andreas Remmel: "Die Betroffenen denken bis zu 90 Prozent des Tages an ihre Sucht, können schlicht und einfach nicht anders. Unser Ziel es, diesen Wert auf zehn Prozent zu reduzieren. Doch oftmals reichen kleine Zwischenfälle, wie emotionale Überforderung, und man fällt sofort in sein altes Verhalten zurück."
Hilfe zur Selbsthilfe
Wie wichtig in der Therapie der Austausch mit Gleichgesinnten ist, kann Elisabeth Gizicki-Merkinger bestätigen. Die Sozialpädagogin leitet Österreichs einzige Selbsthilfegruppe für Spieler in Brunn am Gebirge. Einmal pro Woche treffen sich Frauen und Männer aus Wien, Niederösterreich, der Steiermark und dem Burgenland, sprechen über ihre Sucht und darüber, wie sie versuchen, damit zurechtzukommen. Gizicki-Merkinger: "Der Austausch mit anderen ist wichtig. Hier ist man in einem geschützten Rahmen, es gibt viele andere Menschen, die einen verstehen, genau wissen, worum es geht. Verwandte und Freunde sind da meist hilflos und überfordert, wissen nicht, wie sie mit der Sucht umgehen sollen."
Christian erlebte den Tiefpunkt seiner Spielsucht vor einigen Monaten. Damals verbrachte er 24 Stunden durchgehend in einer Spielhalle, war nicht mehr in der Lage, den Automaten zu verlassen. "Ich war wie in Trance, habe eine Münze nach der anderen in den Automaten geworfen. Als ich Hunger hatte, habe ich einen Pizzadienst gerufen und sofort weitergespielt." In der Selbsthilfegruppe hat der Wiener einen neuen Anker gefunden, ist sich seiner Sucht bewusst geworden, war seither in keiner Spielhalle mehr und will jetzt zurück ins Leben finden, einen neuen Job suchen, ganz von vorn beginnen. Denn: "Ich will ein normales Leben führen und nie wieder von meiner Sucht beherrscht werden!"
Stopfleber Gänse & Enten08:04
Verbot von Foie grasAb Juli ist Verkauf in Kalifornien untersagt - Gourmetköche laufen jetzt Sturm
Katy Perry09:23
Bunt wie ein VogelStarverwandlung: Die Sängerin scheut keine Experimente - vor allem nicht beim Friseur!
Weltnichtrauchertag 201209:13
Mehr Lust auf SexSchöner, lustvoller und reicher. Warum es sich auszahlt, Nichtraucher zu werden.
