Psychologie
Die neuen Süchte
- Shoppen, Surfen, Spielen: Wo liegt die Grenze zwischen Interesse und Abhängigkeit?

Die Begierde nach immer neuen Klamotten, obwohl der Kleiderschrank schon zum Bersten voll ist. Das unbändige Verlangen danach, die Roulettekugel noch mal auf dem Tisch kreisen zu lassen. Der Drang danach, noch ein, zwei Stunden - oder besser gleich die ganze Nacht - durchs WWW zu surfen... ein intensiv betriebenes Hobby oder Sucht? NEWS.AT fragt nach.
Die Spiel- und die Kaufsucht sind uns, ebenso wie die Arbeitssucht, schon länger bekannt. Neuerdings spricht man auch von der Internetsucht. Doch wann überschreiten wir die Grenze zwischen stark ausgeprägtem Interesse und Abhängigkeit? Ab welchem Zeitpunkt spricht man von Sucht? Prof. Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts in Wien, klärt auf.
Er beschreibt sechs charakteristische Merkmale. Treten mindestens drei davon über mehrere Wochen hinweg auf, spricht man von einer Abhängigkeitserkrankung. Die Kriterien wurden ursprünglich im Hinblick auf stoffgebundene Süchte (Alkohol, Nikotin, Cannabis, Heroin etc.) formuliert. Gleichermaßen lassen sie sich aber auch auf nicht stoffgebundene Süchte (Internet-, Kaufsucht etc.) anwenden.
1. Craving
Der Betroffene kann sich "ein Leben ohne" gar nicht mehr vorstellen. Der Drang, das Suchtmittel zu konsumieren, ist extrem stark ausgeprägt. Nicht zu vergleichen mit einem einfachen Bedürfnis. Prof. Musalek veranschaulicht dieses Phänomen folgendermaßen: "Wenn man verliebt ist, also richtig verliebt, und dann den Partner verliert, kann man sich nicht mehr vorstellen, wies ohne ihn weitergehen soll. Das ist Craving."
2. Toleranzentwicklung
Die Zeit, die der Betroffene anfangs online unterwegs war, mit Spielen oder Shoppen verbracht hat, reicht bald nicht mehr aus, um das Bedürfnis zu befriedigen. Man muss immer mehr kaufen, immer öfter online gehen und immer häufiger spielen, um dieselbe positive Wirkung zu spüren.
3. Kontrollverlust
Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, selbst zu bestimmen, wann er sich welcher Menge des Suchtmittels aussetzt. Ohne es zu wollen überschreitet er selbst gesetzte Grenzen. Zwei Gläschen werden zu einem Dutzend, ein Paar Schuhe zu einer ganzen Shoppingtour. Mal hat er sein Verhalten mehr, dann wieder weniger unter Kontrolle.
4. Körperlicher Entzug
Hat der Betroffene keinen Zugang zum Suchtmittel, reagiert der Körper mit Entzugserscheinungen. Welche das sind, hängt vom jeweiligen Suchtmittel ab. Es kann beispielsweise zu Schweißausbrüchen, Hitzewallungen, Bluthochdruck und Zittern kommen. Verglichen mit den anderen Phänomenen, die die Sucht kennzeichnen, hat der Betroffene auf dieses den geringsten Einfluss.
5. Zentrierung auf das Suchtmittel
Das Suchtmittel steht im Mittelpunkt des Denkens. Der Betroffene richtet seinen gesamten Tagesablauf auf die nächste Zigarette, den nächsten Besuch im Casino oder die nächste Shoppingtour aus. Alle anderen Interessen werden vernachlässigt. Familie, Freunde und Arbeit bleiben auf der Strecke.
6. Kompletter Kontrollverlust
Der Betroffene ist sich der negativen Folgen seiner Sucht bewusst und gibt ihr dennoch nach. Der Kontrollverlust ist so weit fortgeschritten, dass er trotz besseren Wissens nicht mehr auf das Suchtmittel verzichten kann.
Treffen drei oder mehr Punkte auf Sie zu, suchen Sie sich bitte umgehend professionelle Hilfe! Die erhalten Sie bei jedem niedergelassenen Facharzt oder Allgemeinmediziner, in jeder Fachambulanz sowie der Ambulanz des Anton Proksch Instituts. Nähere Infos zum Thema Internet-, Kauf- und Spielsucht finden Sie auf der Homepage des Anton-Proksch-Instituts.
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