Gary Oldman
Kalter Krieg um den Oscar
- Gary Oldman in "Dame, König,As, Spion" ab 2. 2. im Kino, jetzt im NEWS-Interview.

·Die Nominierten
11 Nominierungen für Scorsese-Film "Hugo", Stummfilm "The Artist" mit 10 Chancen
Sein Rollenfach Psychopathen aller Fraktionen müsste ihn an sich für eine erhebliche Zahl an Oscars qualifiziert haben. Doch der Brite Gary Oldman, Jahrgang 1958 und seit den 80er-Jahren vornehmlich auf sinistre Exzentriker abonniert, ist einer der wenigen aus der ersten Liga, denen der goldene Gnom noch nicht zugelaufen ist. Nun hat er sich als legendenumwobener Meisteragent Smiley aus John le Carrés Klassiker Dame, König, As, Spion seine erste Nominierung erarbeitet. In die Frührente gedemütigt, wird er reaktiviert, als ein KGB-Maulwurf zu enttarnen ist. Das Resultat unter der Regie des Schweden Tomas Alfredson ist ein brillant unterspieltes Hochspannungs-Schachspiel vor dem fast schon nostalgischen Hintergrund des Kalten Krieges.
NEWS: Wie wichtig war es für die Recherche, mit John le Carré zu sprechen?
Gary Oldman: Ich traf mich nur einmal mit ihm. Seine ganze Welt ist ja schon im Buch enthalten. Dennoch ist es natürlich hilfreich, wenn der Autor selbst Spion war. Er hat mir sehr viel von dem Gefühl vermittelt, welche Opfer du in deinem persönlichen Leben bringen musst, welches Ausmaß an Paranoia das Leben als Spion bereithält. Man lebt in der ständigen Angst, dass die eigene Deckung auffliegt. Wir haben den Film den MI6-Leuten gezeigt. Sie waren begeistert, wie authentisch er ist. Da war ein Spion darunter, dessen Familie bis heute denkt, er sei Chauffeur.
NEWS: Haben sich die Methoden mit der neuen Technik nicht überlebt?
Oldman: Man kehrt im Gegenteil wieder zur analogen Welt zurück, zu altmodischen Methoden, weil sie sicherer sind. Computer kann man hacken. Geheimnisse sind in Akten sicherer als im Cyberspace.
NEWS: Le Carré sprach sinngemäß von Analogien der Spionagewelt zur Realität.
Oldman: Tatsächlich ähnelt sie der Welt der Unternehmen. Auch dort spioniert man einander aus, keiner vertraut dem anderen. Auch dort wird so manche Machenschaft aufgedeckt: Geld wird unterschlagen, riskante Investitionen werden mit Steuergeld getätigt.
NEWS: Welcher ist der bessere, der authentischere Spion? Bond oder Smiley?
Oldman: Bond ist eine Art männliche Fantasie, ein Märchen. Die Filme bewegten sich mit Roger Moore weiter von dem weg, was Ian Fleming beabsichtigte. Daniel Craig hingegen verkörpert wieder den Original-Bond. Den dunklen, komplexen Charakter. Ich habe Bond nie verstanden. Ich habe ihm gerne zugeschaut, aber ehrlich: Ein Spion, der sich bei jeder Gelegenheit mehrfach vorstellt? Der mit einem weißen Smoking einem Aston Martin entsteigt? Der zeigt ja geradezu auf: Schaut mal, da ist der Spion! Smiley verschwindet einfach. Du schaust ihn nicht zweimal an.
NEWS: Diese Rolle unterscheidet sich sehr von ihren Erfolgsrollen im Fach der Bösewichter. Wie herausfordernd war der Fachwechsel?
Oldman: Ich war erleichtert. Auf einem guten Text lässt sich gut surfen. Smiley ist der großartige Schachspieler, der meist der Intelligenteste im Raum ist. Sein Gegenüber ist dagegen ein Idiot. Ich muss nur im Sessel sitzen und den Idioten anschauen. Das macht mich sehr gut aussehend. Die ersten 20 Minuten spreche ich überhaupt nicht. Ich sah die Figur wie eine weise, alte Eule. Er hat diese riesigen Augen, sieht alles, hört alles.
NEWS: Weshalb zogen Sie es vor, in Blockbustern Nebenrollen zu spielen?
Oldman: Ich war zehn Jahre lang Alleinerzieher zweier Kinder und wollte ein Vater sein, der anwesend ist. Das war mein Projekt für diese Jahre. Batman und Harry Potter haben mir diesen Lebensstil ermöglicht. Man fliegt da nicht für sechs Monate ans andere Ende der Welt.
NEWS: Sie gehören zu den wenigen Top- Akteuren, die jahrzehntelang nie für den Oscar nominiert wurden.
Oldman: Weil ich bisher nie eine Kampagne dafür gemacht habe.
NEWS: Was sie nunmehr doch getan haben?
Oldman: Ja, man hat mich dazu ermutigt. Im Vorfeld passierte aber Erstaunliches: In den US-Cineplex-Kinos übertrafen wir an der Kinokasse alle Globe-Favoriten wie Descendants. Zudem ist Dame, König, As, Spion neben The Artist der Film mit den besten Kritiken in den USA. Wir wurden aber von allen US-Preisen komplett ignoriert, inklusive der Globes.
NEWS: Weshalb?
Oldman: Vielleicht weil die Briten letztes Jahr alles abgeräumt haben mit The Kings Speech. Die Amerikaner wollten ihre eigenen Leute nominieren. Ich habe so was zum ersten mal gemacht und war überrascht, wie politisch diese Entscheidungen sind. Besonders skurril: der Stummfilm The Artist wurde für den besten Sound nominiert. In diesem Jahr haben die Leute zudem für die Globe-Filme nicht mehr Tickets gekauft, wie das sonst oft ist. Die Filme bekamen keinen Boost.
NEWS: Wie wichtig ist Ihnen der Oscar?
Oldman: Nicht immer gehen die Preise an den Besten. Oft sind die Filme zu verschieden, um sie vergleichen zu können. Haben wir solche Preise für das Ballett, für Malerei? Aber es ist natürlich schön, wenn die Menschen deine Arbeit mögen und du einen Preis bekommst.
NEWS: Wird man in 30 Jahren auf unsere Zeit ähnlich zurückblicken wie auf die des Kalten Krieges? Was hat sich verändert, außer dass sich Feindbilder verschoben haben?
Oldman: Sicher werden wir zurückblicken und fragen, wovor wir uns gefürchtet haben, was unsere Paranoia war. Der Kommunismus hat die Welt nicht übernommen, wie wir nun wissen. Wir haben heute aber eine Präsidentenkampagne in den USA, bei der ein Ron Paul fordert: Wir sollen alle Freunde sein. Lasst uns das Militär loswerden und alles auf diplomatischem Wege klären. Ich kann mir nicht vorstellen, wie so eine Außenpolitik funktionieren soll. Es hat sich traurigerweise nicht viel verändert. Die Gesichter haben sich verändert, der Feind, die Location. Aber wir müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass im Iran jemand sitzt, der ganz offen sagt, der Holocaust habe nie stattgefunden und er wolle Amerika zerstören. Man muss das ernst nehmen. Man kann das Risiko nicht eingehen, zu sagen, er meine das nicht so. Es ist leicht, zurückzuschauen und sich drüber lustig zu machen, dass wir vor den Sowjets Angst hatten. Heute haben wir China, Nordkorea und den Iran. Es sind die neuen Opponenten, wie man heute sagt. Feinde nennen wir sie nicht mehr
