Ägypten
Ein Blutbad als Intrige?
- Politische Verschwörung im Revolutionsland könnte hinter Ausschreitungen stecken
Das Blutbad in einem ägyptischen Stadion - War es purer Fußball-Wahnsinn oder das Ergebnis einer politischen Intrige? Fakt ist, dass die Lage im Land des Nils eine sehr kritische ist. Militärrat, Revolutionäre, Muslimbruderschaft und Mubaraks verbliebene Anhänger kämpfen um Ziele, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und sie kämpfen so vehement darum, dass man zumindest einigen von ihnen die Planung solch einer Tragödie tatsächlich zutraut.
Die Muslimbruderschaft, Gewinner der jüngst durchgeführten Wahlen, fand relativ rasch einen Schuldigen für die Ausschreitungen mit mehr als 70 Todesopfern. Ihrer Meinung nach seien Kräfte am Werk, die in enger Verbindung zu dem früheren Regime von Präsident Mubarak stehen würden. Dabei stellt sich allerdings folgende Frage: Wieso sollten besagte Kräfte genau und erst jetzt handeln, fast ein Jahr nach dem Sturz von Hosni Mubarak?
Für den Chef des herrschenden Militärrats, Mohammed Hussein Tantawi, stecken die Revolutionäre hinter den Ausschreitungen. In einer Rede am Mittwochabend sagte er: Die Ägypter wissen, wer dahinter steckt, und die Menschen sollten nicht tatenlos zusehen. Jene Revolutionäre also, die seit mehr als einem Jahr weitgehend gewaltfrei für einen Wandel in Ägypten demonstrieren, sollen mehr als 70 Menschenleben auf dem Gewissen haben? Unwahrscheinlich.
Video der Ausschreitungen in Port Said:
Wahrscheinlicher ist, dass der Militärrat selbst dahinter steckt, wie Experten vermuten. Jener Rat, der eigentlich nur übergangsweise das Land regieren sollte, sich aber nun nicht mehr von den Hebeln der Macht verabschieden will. Seit dem ersten Jahrestag der Revolution am 25. Jänner gibt es täglich Massenproteste gegen den Militärrat und für die Vollendung der Revolution. Als Zugeständnis verkündete Tantawi schließlich, den seit 1981 geltenden Ausnahmezustand aufzuheben. Dadurch konnten bisher Aktivisten und Regimekritiker grundlos festgenommen und vor ein Militärgericht gestellt werden.
Auf den Punkt gebracht: Die Ausschreitungen spielen dem Militärrat in die Karten. Denn dadurch gibt es ein neues Argument, den Ausnahmezustand erneut aufzurufen, Kritiker zum Schweigen zu bringen und die Macht zu sichern. Was dafür spricht: Laut Augenzeugen wurden die normalerweise üblichen strengen Sicherheitskontrollen bei diesem Spiel stark vernachlässigt. Ein Großteil der Polizei verließ das Stadion frühzeitig, die noch verbliebenen Sicherheitskräfte sahen danach tatenlos zu. Noch dazu fehlte bei diesem Spiel der Gouverneur von Port Said, und zwar zum ersten Mal in der Geschichte des populären Vereins Al-Alhi. Und der Polizeichef, der blieb nur eine Halbzeit lang. Als hätte er gewusst, was sich danach ereignet.
Weiterführende Links:
Spiegel Online
Egypt Independent
