Billiglohn
Leiden für Zara und Co
- Textilarbeit in Marokko: Billiglöhne, Sexueller Missbrauch und Kinderarbeit
Haben Sie sich auch schon oft gefragt, wieso die Klamotten von Herstellern wie Zara oder Mango Ihre neuen Lieblingsjeans zum Schnäppchenpreis anbieten können? Unterbezahlte Arbeiter in Marokko machen es möglich. Für gerade mal einen Euro pro Stunde schuften die Näherinnen in der marokkanischen Textilindustrie bis zu 16 Stunden am Tag. Dabei kommt es immer noch zu sexuellen Übergriffen und körperlichen Misshandlungen. Arbeitsrecht und Versicherungen sind dabei Fremdworte für die Betreiber der Fabriken. Von den Missständen profitieren die großen Textilketten genauso wie die Schnäppchenjäger.
Auf Einladung der Agentur Südwind berichten in Wien zwei marokkanische Arbeitsrechtlerinnen vom Alltag in der Textilbranche. Naima Naim vom Verein Attawasol erzählt von unfassbaren Zuständen, die in ihrem Heimatland herrschen: Schwangere Frauen werden fristlos gekündigt, Gewalt und Demütigung sind normal. Um Opfer kümmert man sich nicht.
Erst letztes Jahr kam es zu einem Arbeitsunfall, bei sich der eine Fabrikarbeiterin schwer verletzte. Im Irrglauben, dass ihr jahrelanger Arbeitgeber für sie die Unfall- und Krankenversicherungsbeiträge einbezahlt hat, stand sie am Ende vor dem Nichts. Nur dank Attawasol kann sich die Arbeiterin wieder bewegen allerdings mit Hilfe eines Rollstuhls, den sie sich nach der Arbeitsunfähigkeit nicht leisten konnte.
200 Euro Miete bei 210 Euro Lohn
Naims Kollegin Fatima Lamah berichtet vom Alltag in den Bekleidungsfabriken: Der gesetzliche Arbeitstag hat acht Stunden, aber das wird von keinem respektiert. Es gibt sogar Frauen, die arbeiten 15 Stunden am Tag. In kleinen Fabriken sagen die Bosse, dass der Kunde das Sagen hat. Frei übersetzt heißt das: Wenn der Kunde die Ware benötigt, bekommt er sie pünktlich geliefert, ungeachtet von Rechten und Gesetzen.
Selbst wenn - und das kommt nur selten vor - die Arbeiter den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 210 Euro im Monat verdienen, reicht das Geld nur für unwürdige Lebensbedingungen. Alleine 200 Euro gehen im Durschnitt für die Miete in der marokkanischen Textilhauptstadt Tanger drauf. Was übrigbleibt reicht nicht mal für das Nötigste. So wohnen viele Arbeiterinnen oft zu Dritt auf engsten Raum - an Hygiene und Privatsphäre ist dabei nicht zu denken.
Ausbeutung für die öffentliche Hand
Inzwischen ist die Ausbeutung für Modetrends immer wieder ein Thema in den Medien. Was jedoch kaum jemand weiß: Neben den neuesten Trends werden in Marokko auch Uniformen und Dienstkleidung für den öffentlichen Dienst hergestellt. Wichtigste Abnehmer sind europäische Städte und Gemeinden. Bezahlt werden die Uniformen von Feuerwehr, Polizei und Co vom Steuerzahler. Nur die wenigsten Städte interessieren sich für die Einhaltung der Rechte in den Herstellerländern. Wie auch sonst gilt dem Preis die oberste Priorität. Was die Arbeiterinnen durchmachen müssen, wird zur Nebensache.
Sexuelle Übergriffe und Kinderarbeit
Der Alltag gleicht einem immer wiederkehrenden Albtraum: Immer wieder kommt es durch sexuelle Übergriffe durch Vorgesetzte, körperliche Gewalt ist leider immer noch in vielen Fabriken an der Tagesordnung. Dabei sind die Probleme in Marokko die gleichen wie in allen anderen Billiglohnländern dieser Welt: Die Arbeiter kennen ihre Rechte nicht, Gewerkschaften sind nicht geduldet, Prüfer werden bestochen oder an der Nase herumgeführt und auch Kinderarbeit bleibt ein großes Thema. Zwar ist es in Marokko auf dem Papier verboten, Kinder unter 16 Jahren anzustellen, doch darauf pfeifen die Fabrikbetreiber. Die Halbwüchsigen werden kurzerhand als Praktikanten deklariert - mit zweierlei Vorteil: Strafen braucht man nicht zu fürchten und statt ein Euro wird meistens nicht mehr als 36 Cent pro Stunde bezahlt. Bei Kontrollen werden die Kinder dazu aufgefordert, ihre Tätigkeit abzustellen oder sie werden gleich versteckt. Rein rechtlich dürfen diese Praktikanten nicht die gleiche Arbeit verrichten wie die Erwachsenen.
Doch wer das schicke Zara-Teil genäht hat, kann man am Ende ohnehin nicht mehr nachverfolgen vielleicht ist das auch besser so. Eine günstige Jeans, die kein schlechtes Gewissen macht, verkauft und trägt sich deutlich besser.

