Aserbaidschan

vonapa/red
Freitag, 9. März 2012

Guter Songcontest-Host?

  • Ausgerechnet autoritäres Aserbaidschan wird Schauplatz der Spaßveranstaltung
 

Für eine größere internationale Veranstaltung als den Eurovision Song Contest 2012 hat Aserbaidschan noch nie Gastgeber spielen dürfen. Nun will sich der autoritäre Staat in Vorderasien von seiner besten Seite zeigen. Ob das in einem Land funktioniert, bei dem das Wort "Freiheit" nicht laut ausgesprochen werden darf?

Aserbaidschan gibt sich alle Mühe: Das Innenministerium hat den Polizisten schon Englischkurse verordnet, um die ausländischen Gäste vorbildlich schützen zu können. Die Beamten sollen die öffentliche Ordnung garantieren, den Besuchern aber auch Kultur und Geschichte nahe bringen können.

Doch ein Schatten liegt auf dem Jubel-Jahr. Denn die Führung um den autoritären Staatschef Ilcham Alijew ist in den vergangenen Jahren immer wieder wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Pressefreiheit kritisiert worden.

Zehn Tage Gefängnis für das Wort "Freiheit"
Die Polizei ging im vergangenen Jahr auch brutal gegen Demonstranten vor, die gegen das Regime demonstrierten. "Wer in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku laut Freiheit ruft, riskiert bis zu zehn Tage Gefängnis", kritisierte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. "Das Gastland des Eurovision Song Contest 2012 versucht, jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen", erklärte Tim Schröder, Südkaukasus-Experte der Organisation. "Auch 20 Jahre Unabhängigkeit, wirtschaftlicher Wohlstand und relative Stabilität haben nicht dazu geführt, dass die Regierung in Aserbaidschan ihren Bürgern grundlegende Rechte und Freiheiten gewährt."

Journalisten zu Tode verurteilt
Die Organisation Reporter ohne Grenzen führte das Land auf ihrer Rangliste der Pressefreiheit zuletzt auf Platz 152, noch knapp hinter Afghanistan, der Demokratischen Republik Kongo und Pakistan. Der Staatsapparat drangsaliert kritische Journalisten und Oppositionelle, die mal nach fragwürdigen Prozessen zu Haft verurteilt, mal von Schlägertrupps misshandelt werden. Auch Tote gab es.

Nach außen hin: weltoffen und freundlich
Aber im Bemühen um internationales Ansehen zieht die Führung um Alijew, der um die strategische Bedeutung seines Landes weiß, alle Register. Ende September feierte seine Frau Mehriban im Deutschen Historischen Museum in Berlin 20 Jahre Unabhängigkeit ihres Landes - wie auch in anderen europäischen Hauptstädten. Unter den Gästen in Berlin waren frühere Bundesminister und Bettina Wulff, die Frau des Bundespräsidenten. Weltoffen und freundlich gibt sich Aserbaidschan bei solchen Anlässen. Mehriban Alijewa sagte, ihr Land arbeite an einem neuen politischen System.

Wird Song Contest Missstände aufzeigen?
Doch dem Menschenrechtsbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Markus Löning, war erst im Monat zuvor ein Treffen mit einem mutmaßlichen politischen Gefangenen in Aserbaidschan verweigert worden. Nach seiner Rückkehr nach Berlin kritisierte Löning die Inhaftierung von politischen Gefangenen in Aserbaidschan und den Abriss von Häusern, die Oppositionspolitikern gehören. Der Eurovision Song Contest sei eine "gute Chance", um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Löning: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Lieder trällern kann, während ein paar Kilometer weiter Leute ohne Grund im Gefängnis sitzen."

Kulturell auch liebenswürdige Seiten
Tatsächlich hat die an Öl und Gas reiche Republik viele liebenswürdige Seiten. Dazu gehört in der Hauptstadt Baku die Mischung aus einer orientalischen Altstadt und Prachtbauten aus der Zeit des ersten Ölbooms. Aserbaidschan ist mit schöner Natur gesegnet. Viele der rund neun Millionen Aserbaidschaner haben sich am Rande Europas eine gewisse ländliche Arglosigkeit bewahrt. Freunde opulenter Fleischgerichte und vorzüglich gebrannter Spirituosen werden eine Reise in das Land auf jeden Fall genießen können.


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9.3.2012 15:25
Autor:apa/red
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