Festspiele Bregenz

vonHeinz Sichrovsky
Dienstag, 24. Jänner 2012

Geyer wird nicht Intendant

  • Designierter Intendant über die Rückzugs-Gründe - Drozda will ihn bis 2018 in Wien halten

 

Der designierte Intendant der Bregenzer Festspiele, Roland Geyer, hat seinen Vertrag zurückgelegt und wird daher 2015 nicht am Bodensee antreten. Das bestätigt Geyer auf Anfrage für die am Mittwoch erscheinende NEWS-Ausgabe. Der erfolgreich amtierende Intendant des Theaters an der Wien gibt in NEWS auch ausführlich über seine Beweggründe Auskunft.

Die Bemerkung in der NEWS-Ausgabe vom 15. Dezember war schmal. Aber groß genug, um am Bodensee einen politischen und medialen Tsunami in Betrieb zu setzen. „Jetzt geht es darum, dass die Seebühne bis 2015 neu konzipiert wird“, ließ Roland Geyer, designierter Intendant der Bregenzer Festspiele ab 2015, wissen. „Sonst sind meine Pläne obsolet.“ Aus den folgenden Ausbrüchen des gefürchtet glutvollen alemannischenTemperaments war das Weitere schon hochzurechnen. Nun erfuhr NEWS: Geyer wird das Amt nicht antreten. Darüber frohlockt man in der Bundeshauptstadt: Geyer hat das Theater an der Wien seit der Umwidmung vom Musical-Getöse anno 2006 auf europäische Höhe geführt. Und Thomas Drozda, zuständiger Geschäftsführer des Kulturkonzerns Vereinigte Bühnen, wird auf NEWS-Anfrage deutlich: „Ich habe die Entwicklung in Bregenz seit längerem beobachtet. Mein Vertrag läuft bis 2018, und ich bin herzlich gern bereit, die hervorragende Zusammenarbeit mit Geyer bis zu diesem Zeitpunkt fortzusetzen. Dafür werde ich mich auch bei den Eigentümern einsetzen. Es wäre schade um die vielen schönen Projekte gewesen.“ Zuvor aber war Geyer von der NEWS-Anfrage überrascht worden und entschloss sich nach längerem Zögern zu deutlichen Kommentaren.

NEWS: Stimmt es, dass Sie in Bregenz nicht antreten werden?
Geyer: Woher wissen Sie denn das?

NEWS: Gegenfrage: Was ist passiert?
Geyer: Nun, es hat mir große Freude und riesigen Spaß gemacht, im letzten Halbjahr für die Festspiele 2015 bis 2020 ein völlig neues Konzept zu entwerfen. Es war schließlich der Auftrag des Stiftungsvorstands, Pionierschritte zu setzen. Also habe ich ein großes Opernfestival geplant, das im Wettbewerbskanon der Großen mitspielen sollte, mit Aix-en-Provence, Bayreuth oder Glyndebourne. Leider haben sich in den letzten Wochen unüberbrückbare Auffassungsunterschiede betreffend die künstlerische Umsetzung ergeben, sodass wir die Beendigung als beste Lösung erachteten.

NEWS: Stimmt es, dass Sie 2015/16 ein Fest mit Shakespeare-Opern und 2017 bis 2019 ein dreiteiliges Nibelungenprojekt, sogar mit Wagner, machen wollten?
Geyer: Sie sind beachtlich informiert. Beides stimmt. Ich bin sicher, dass das eine große Chance gewesen wäre, die Festspiele vom Image des reinen Seespektakels wegzubringen.

NEWS: Hätten Sie denn erste Künstler
nach Bregenz überreden können?
Geyer: Und ob, Dirigenten, Sänger, Regisseure … ich hatte zum Beispiel schon die Zusage eines wirklich ersten Regisseurs – für die Seebühne!

NEWS: Worin lagen denn dann diese Auffassungsunterschiede? Angeblich wollten Sie das Große Festspielhaus mit mehr Produktionen einbeziehen.
Geyer: Richtig. Ich habe nie verstanden, weshalb dieses tolle Opernhaus pro Sommer nur für zwei bis drei Reprisen einer szenischen Arbeit genutzt und sonst als eine Art Foyer für die Seebühne und andere Dinge verwendet wird. Also wollte ich eine Produktion auf dem See und zwei
bis drei, je nach den budgetären Möglichkeiten, im Festspielhaus.

NEWS: Dafür wollten Sie aber die Seebühne umbauen. Sie haben das vor Weihnachten in NEWS gesagt, und die Folgen
in Vorarlberg waren geradezu tumultuös.
Geyer: Ich war selber überrascht von der Reaktion. Ich habe damit weder gedroht noch jemanden unter Druck gesetzt – schon gar nicht die Politik, die sich offenbar angesprochen gefühlt hat. Ich habe nur gemeint, dass man eine demnächst anstehende größere Restaurierung gleich für eine Neukonzeption nützen soll. Das ist doch nichts Außergewöhnliches und geschieht gerade an der Lindenoper in Berlin! Wenn ich vertragsgemäß einen Pionierschritt setzen soll, muss ich doch in jede Richtung überlegen dürfen.

NEWS: Ging es darum, auf dem See jedes Jahr eine neue Produktion herauszubringen und nicht im Zweijahresrhythmus?
Geyer: Ja. Insbesondere aus langfristigen ökonomischen Gründen war das für mein Konzept unerlässlich.

NEWS: Wollen wir es nicht beim Namen nennen? Es ging um Geld, das Ihnen zumindest verheißen war.
Geyer: Ich ersuche um Verständnis dafür, dass ich dazu nichts sagen möchte. Aber es ist wahr, dass ich bei Unterzeichnung des Vertrags im vergangenen Mai von anderen finanziellen Prämissen ausgegangen bin. Und ich gebe zu, ich war mir nicht bewusst, dass die Seeproduktion praktisch das gesamte Budget für alle weiteren Produktionen verdienen muss. Mit dem riskanten Wetterfaktor und dem daher immer kurzfristiger werdenden Kaufverhalten des Publikums war da eine langfristige, große Planung nicht mehr möglich. Und eine halbe Sache hat mich künstlerisch nicht interessiert.

NEWS: Sie hatten Ihren Vertrag mit dem Bregenzer Stiftungsvorstand gemacht. Hatten Sie mit ihm eine bestimmte finanzielle Größenordnung besprochen?
Geyer: Ja.

NEWS: Und wurde das Zugesagte nicht eingehalten?
Geyer: Das ist der Punkt, an dem ich nichts mehr sagen will. Aber es ist richtig, dass die unüberbrückbaren Auffassungsunterschiede auch budgetärer Natur waren.

NEWS: Fühlen Sie sich hereingelegt?
Geyer: Nein.

NEWS: Aber enttäuscht?
Geyer: Ja. Ich habe mich ja nicht für Bregenz entschieden, weil ich das Theater an der Wien nicht mehr wollte, sondern weil ich die Chance gesehen habe, mit einem neuen Konzept ein Festival internationalen Zuschnitts zu konzipieren. Aber wenn bei jedem angedachten Schritt gefragt wird, warum er denn sein muss, kann man nicht sinnvoll arbeiten.

NEWS: Ihr Vertrag mit dem Theater an der Wien endet 2016. Werden Sie verlängern?
Geyer: Ich muss jetzt erst ein paar Tage zur Ruhe kommen, denn cool lässt mich die Sache ja nicht. Ich habe auch gar nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn ich habe bis zum vorläufigen Vertragsende noch 40 Produktionen vor mir, die nächste in drei Wochen mit „Telemaco“ von Gluck. Und dann beginnt der Oscar-Preisträger William Friedkin mit „Hoffmanns Erzählungen“. Also habe ich nicht viel Zeit, über meine geänderte Zukunft nachzudenken. Aber dass mein Herz an dem Haus hängt, ist ja wohl offensichtlich.

24.1.2012 15:54
Autor:Heinz Sichrovsky
Oesel, 24. 01. '12 21:55
Was für ein Glück
In Wahrheit traut er sich nicht drüber, der Geyer.
Ist schon nicht ganz einfach am See und die Fusstapfen sind groß.
Besser in Wien bleiben, ganz richtig.