IGGiÖ
Der neue Islam-Präsident
- Fuat Sanac. Er soll in Zukunft Österreichs Muslime vertreten: Das Interview über jüngste Terrorvorwürfe, Tradition und Türken.

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Junge Muslime im Visier der Terrorfahnder, eine Wiener Moschee als angeblicher Hort radikal-islamistischer Umtriebe: Der Islam ist in Österreich wieder in den Schlagzeilen. Die offiziellen Vertreter der Muslime distanzieren sich freilich klar. Einer von ihnen ist der gebürtige Türke Fuat Sanac, 57, der am Sonntag zum neuen Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) gewählt wurde. Der Vorsitzende des Schura-Rates war in seiner Jugend türkischer Staatsmeister im Boxen und ist heute Inspektor für islamische Religionspädagogik. NEWS traf ihn zum Interview.
NEWS: Die in Wien festgenommenen Terrorverdächtigen sollen in einer Moschee radikalisiert worden sein. Kennt die IGGiÖ diese radikalen Moscheen? Was unternimmt sie dagegen?
Fuat Sanac: Die Behörden und die IGGiÖ sollen eng zusammenarbeiten. Wenn wir von radikalen Tendenzen hören, müssen wir gemeinsam Maßnahmen setzen. Wir distanzieren uns ausdrücklich von solchen Menschen. Sie müssen isoliert und unschädlich gemacht werden. Daher gibt es viele Veranstaltungen, bei denen wir unsere Leute aufklären und warnen.
NEWS: Die Innenministerin plant die Bestrafung von "Hetzern und Hasspredigern und einen engeren Dialog mit den Muslimen. Begrüßen Sie das?
Sanac: Ja, wer sich schuldig macht, muss die Konsequenzen tragen. Nicht alle sogenannten Moscheen sind in unserem Einfluss. Es gibt auch private Vereine, und es ist gut, wenn diese beobachtet werden. Wir können nicht alle Muslime kontrollieren, aber wir können mit den Sicherheitsbehörden das Problem gemeinsam lösen. Denn die Radikalen treiben unsere Gesellschaft weiter auseinander. Diese Unruhe im Land macht mich traurig und unglücklich.
NEWS: Der Islam und das Alpenland Österreich: Wie gut passt das zusammen?
Sanac: Österreich ist ein Musterland, und wir sind dankbar, dass Muslime hier ihre Religion ohne Hindernis leben und sich zuhause fühlen können - und das seit hundert Jahren.
NEWS: Warum kann dann eine Partei mit islamfeindlichen Parolen punkten?
Sanac: Das hat nicht allein mit Österreich zu tun, sondern mit Weltereignissen. Nach dem 11. September 2001 haben die Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zugenommen. Wenn populistische Politiker das ausnutzen, ist das sehr bedenklich.
NEWS: Fühlen Sie sich als Vertreter aller Muslime? Es gibt ja die Kritik, die IGGiÖ würde nur einen Teil vertreten.
Sanac: Natürlich gibt es verschiedene kleine Gruppen, die den Islam auf ihre Weise ausleben. Das sind aber einzelne Splittergruppen, wie in jeder Religion. Im Großen und Ganzen sind die Muslime in Österreich geeint.
NEWS: Warum scheint türkischen Muslimen die Integration schwerer zu fallen als etwa bosnischen Muslimen?
Sanac: Man kann es vielleicht historisch erklären: Bosnien war Teil der Monarchie, bosnische Muslime leben daher schon lange in Österreich. Die Türken sind viel später und als schlecht qualifizierte Gastarbeiter gekommen.
NEWS: Was können Sie als gebürtiger Türke für eine bessere Integration der Türken tun?
Sanac: Wir brauchen Aufklärung. Ich habe unter Muslimen immer wieder betont, dass sie unbedingt die deutsche Sprache lernen müssen. Viele türkische Muslime müssen auch lernen, Tradition und Aberglauben vom Islam zu trennen. Sie bringen ihre Bräuche aus dem Dorfleben mit. Unsere Aufgabe ist, ihnen zu erklären, dass das oft überholte Traditionen sind, die nichts mit dem Islam zu tun haben.
NEWS: Betrifft das auch die Rolle der Frau?
Sanac: Wir müssen vermitteln, dass die Unterdrückung von Frauen nichts mit dem Islam zu tun hat. Im Gegenteil, es ist unislamisch, eine Frau zu unterdrücken oder sie nicht zur Schule zu schicken. Aber wir sehen auch die Realität. Zu sagen, dass Frauen in islamischen Ländern nicht unterdrückt werden, wäre eine Lüge. Oft haben Frauen die gleichen Rechte - wenn überhaupt - nur auf dem Papier. Das ist rückschrittlich. Daher kämpfen wir als Muslime in Österreich dafür, dass Frauen für sich selbst entscheiden können - etwa ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht.
NEWS: Auch in Ihrer Familie?
Sanac: Meine Tochter hat früher freiwillig das Kopftuch getragen, seit ihrer Heirat trägt sie es nicht mehr. Das muss jeder selbst entscheiden. Durch Zwang kann man nicht glauben. Ob jemand das Gebet verrichtet, fastet oder fromm ist, hilft vor Gott nichts, wenn er anderen unmenschlich Böses tut. Man muss menschlich sein. Das ist das Wichtigste.
NEWS: Sollen Imame nur mehr aus Österreich kommen und auf Deutsch predigen?
Sanac: Ich habe mit den Imamen gesprochen, dass sie ein Vorbild sein sollen, dass wir uns öffnen müssen. Diese Öffnung muss aber auf beiden Seiten passieren. Ein Beispiel: Seit 25 Jahren verhandeln wir mit der Politik, dass wir Imame hier ausbilden können, die hier geboren und aufgewachsen sind, die Sprache und die Gesetze kennen. Aber auch schon jetzt bekommen Imame keine Bestätigung von uns, wenn sie nicht Deutsch lernen.
NEWS: Der scheidende IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh hat sich eine Moschee mit Minarett in jeder Landeshauptstadt gewünscht. Sie auch?
Sanac: Einen Wunsch darf jeder haben. Ich bin kein Träumer, sondern Realist. Wir haben derzeit weder die Mittel dazu noch den Wunsch. Wenn wir eines Tages eine Moschee bauen wollen, werden wir die Bevölkerung einbinden und mit den Zuständigen einen Kompromiss finden.
